Er sprach nie über seine Sorgen, und wir waren nicht so indiskret, ihn zu fragen. Und es war wirklich besser so; denn hätten wir es getan und hätte er geredet, unsere Hilfe und Macht hätten nichts ausrichten können. Nachdem Eben Haie gestorben war, dessen vertraulicher Sekretär Wade Atsheler war - nein, fast schon Adoptivsohn und gleichberechtigter Geschäftspartner - , ließ dieser sich nicht mehr bei uns sehen. Nicht weil ihm unsere Gesellschaft unangenehm gewesen wäre, wie ich heute weiß, sondern weil sein Kummer so groß war, daß er weder auf unsere Ausgelassenheit eingehen konnte noch Entspannung bei uns gefunden hätte. Warum das so war, konnten wir damals nicht verstehen, denn als Eben Haies Testament verkündet wurde, erfuhr die Welt, daß Wade der alleinige Erbe der vielen Millionen seines Arbeitgebers war, und das Testament enthielt den ausdrücklichen Hinweis, daß ihm diese Erbschaft uneingeschränkt, unverzüglich und ohne jede Bedingung in der üblichen Weise gewährt werden sollte. Weder ein Teil der Aktien noch ein Pfennig Bargeld wurde den Verwandten des Toten vermacht. Was die nächsten Angehörigen betraf, besagte eine höchst erstaunliche Klausel ausdrücklich, daß es ganz im Ermessen von Wade Atsheler stehen sollte, die Ehefrau, Söhne und Töchter Eben Haies mit entsprechenden Geldern zu versorgen, wann immer es ihm ratsam erschien. Hätte es in der Familie des Verstorbenen einen Skandal gegeben oder wären dessen Söhne ungeraten und pflichtvergessen gewesen, dann hätte man für diese höchst ungewöhnliche Tat wenigstens den Schimmer einer Erklärung finden können; aber Eben Haies häusliches Glück war in der Gemeinde schon sprichwörtlich, und man hätte lange suchen müssen, um ordentlichere, gescheitere und. vernünftigere Söhne und Töchter, als die seinen es waren, zu finden. Und erst seine Frau - nun ja, diejenigen, die sie am besten kannten, nannten sie liebevoll „Die Urmutter.“ Es erübrigt sich zu bemerken, daß dieses unerklärliche Testament die Welt in Staunen und Aufregung versetzte; aber die Erwartungen der Öffentlichkeit wurden enttäuscht; es wurde nicht angefochten.
Es ist noch gar nicht lange her, daß man Eben Haie in einem stattlichen Marmormausoleum beigesetzt hat. Und jetzt ist Wade Atsheler tot. Die Todesanzeige erschien in der heutigen Morgenzeitung. Gerade eben habe ich mit der Post einen Brief von ihm erhalten, der offenbar erst kurze Zeit bevor er sich selbst in die Ewigkeit schickte, aufgegeben wurde. Dieser Brief - er liegt vor mir - ist eine Geschichte in seiner eigenen Handschrift, und er verbindet sie mit zahlreichen Zeitungsausschnitten und Brief ab Schriften. Die Originalbriefe, so schreibt er, befinden sich in Händen der Polizei. Um die Gesellschaft vor einer äußerst schrecklichen und teuflischen Gefahr, die ihre bloße Existenz bedroht, zu warnen, bittet er mich auch, die entsetzliche Serie von Tragödien zu veröffentlichen, in die er unschuldig verwickelt wurde. Hiermit füge ich den vollständigen Text an:
Es war im August , kurz nach meiner Rückkehr aus dem Sommerurlaub, als das Unglück über uns hereinstürzte. Wir hatten es damals noch nicht gelernt, unser Denken an solch entsetzliche Möglichkeiten zu gewöhnen.
Mr. Haie öffnete einen Brief, las ihn und warf ihn lachend auf meinen Schreibtisch. Als ich ihn durchgelesen hatte, sagte ich, ebenfalls lachend: „Irgendein böser Scherz, Mr. Haie, noch dazu ein sehr geschmackloser.“ Hier hast Du, mein lieber John, eine genaue Kopie des besagten Briefes:
Mr. Eben Haie Geldbaron Kanzlei des M. C. August Werter Herr!
Wir ersuchen Sie hiermit, zwanzig Millionen Dollar in bar -es sei dahingestellt, welchen Teil Ihres Vermögens das ausmachen mag - bereitzustellen. Wir fordern, daß Sie das Geld direkt an uns oder an unsere Beauftragten überweisen. Sie werden bemerken, daß wir Ihnen keinen bestimmten Termin setzen, denn es ist nicht unser Wunsch, Sie in dieser Angelegenheit zu drängen. Falls es einfacher für Sie sein sollte, können Sie auch in zehn, fünfzehn oder zwanzig Raten zahlen; wir akzeptieren jedoch keinen Teilbetrag unter einer Million.
Glauben Sie uns, werter Mr. Haie, wenn wir Ihnen versichern, daß wir uns zu dieser Handlungsweise ohne jede Feindseligkeit entschlossen haben. Wir sind Vertreter jenes intellektuellen Proletariats, dessen zahlenmäßiges Anwachsen die letzten Tage des neunzehnten Jahrhunderts zu denkwürdigen Tagen werden läßt. Nach gründlichem Studium der Wirtschaft haben wir den Entschluß gefaßt, uns dieses Gebietes anzunehmen. Das hat viele Vorteile, u. a. ist besonders bedeutsam, daß wir unseren Anteil an der Geschäftsführung übernehmen. Bitte zögern Sie nicht zu lange. Wenn Sie mit unseren Bedingungen einverstanden sind, setzen Sie eine entsprechende Anzeige in den „Morning Blazer“, unter der Rubrik Verluste. Wir werden Sie dann mit unserem Plan zur Übergabe der erwähnten Summe vertraut machen. Wir empfehlen Ihnen, das noch vor dem ersten Oktober zu tun. Sollten Sie nicht einverstanden sein, werden wir zu diesem Zeitpunkt einen Mann auf der Straße im Osten töten, um Ihnen zu zeigen, daß es uns ernst ist. Es wird ein Arbeiter sein. Sie kennen den Mann nicht; wir auch nicht. Sie stellen eine Macht in unserer modernen Gesellschaft dar, und wir sind ebenfalls eine Macht - eine neue. Ohne erzürnt oder boshaft sein zu wollen, haben wir uns entschlossen, den Kampf aufzunehmen. Wie Sie sicherlich feststellen werden, treffen wir lediglich ein Geschäftsabkommen. Sie sind der obere, wir der untere Mühlstein; das Leben dieses Mannes wird dazwischen zerrieben. Sie können ihn retten, wenn Sie auf unsere Bedingungen eingehen und rechtzeitig handeln.
Es gab einmal einen König, auf dem der Fluch lag, daß alles, was er berührte, zu Gold wurde. Wir haben seinen Namen gewählt, um unsere Pflicht im Sinne dieses Zeichens zu tun. Eines Tages werden wir, auch um uns vor Konkurrenten abzusichern, diese Bezeichnung urheberrechtlich schützen lassen.
Wir verbleiben, der Midas Clan Lieber John, ich überlasse es Deinem Urteil, aber hätten wir über eine derartig absurde Mitteilung nicht lachen sollen? Die Idee an sich - das mußten wir zugeben - war nicht übel ersonnen, aber sie war zu grotesk, als daß man sie hätte ernst nehmen können. Mr. Haie sagte, er würde den Brief als eine literarische Kostbarkeit aufbewahren, und legte ihn in ein Schreibtischschubfach. Daraufhin vergaßen wir ihn prompt. Und genauso prompt lasen wir am ersten Oktober beim Durchsehen der Morgenpost folgendes:
Mr. Eben Haie Geldbaron
Kanzlei des M. C. Oktober
Werter Herr!
Das Schicksal hat Ihr Opfer ereilt. Vor einer Stunde wurde ein Arbeiter auf der . Straße im Osten durch einen Messerstich ins Herz getötet. Wenn Sie diese Nachricht gelesen haben, wird er schon im Leichenschauhaus liegen. Gehen Sie hin, und betrachten Sie Ihr Werk.