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»Warum so traurig, Nefer? Hast du nicht ein Ziel, einen Wunsch, den dir das Leben erfüllen kann?«

»Wohl habe ich einen Wunsch in meinem Herzen, aber er ist unerfüllbar!«

Das Mädchen hielt einen Augenblick inne, dann fuhr sie mit langsamer, monotoner Stimme fort: »Gestern abend, als ich durch den Wald ging, hatte ich eine Vision. Ich stand in einem großen Saal, wo ich eine Menschenmenge versammelt sah: hohe Würdenträger, Priester, Soldaten und – einen König, einen Pharao. Aber diesen nicht auf dem Thron: Er lag wie ohnmächtig auf dem kalten Mosaikfußboden. Ein Greis stand mit drohend erhobener Hand vor ihm, Schmähungen kamen aus seinem Mund. Und ein Mädchen, schön wie ein Sonnenstrahl, kniete bittend zu seinen Füßen. Auf dem vergoldeten Thron dagegen saß ein Jüngling, stolz und kräftig, der dir ähnelte ...«

»Mir?« warf Mirinri, der gespannt zuhörte, dazwischen.

»Er schaute das bittende Mädchen wie gebannt an, während er eine andere, die weinend daneben stand, keines Blickes würdigte ...«

»Wer waren die beiden Mädchen?«

»Ich kann es nicht sagen.«

»Bist du nicht eine Wahrsagerin? Du kannst Dinge erraten und voraussehen. Wer war jener Greis?«

»Sicher ein König, denn er trug das Symbol der Macht über Leben und Tod an der Stirn. Auch der Jüngling trug es.«

»Sprich weiter«, sagte Mirinri erregt.

Nefer dachte einen Moment nach, dann fuhr sie fort: »Während es laut im Saal von Hunderten von Stimmen widerhallte: ›Es lebe der König von Ägypten!‹ lag eines der beiden Mädchen ausgestreckt am Boden und hauchte den Geist aus.«

»Wer war es? Die junge Pharaonin?« fragte Mirinri voller Angst.

»Immer nur sie!« murmelte Nefer.

Ohne auf ihre Worte zu achten, fragte er weiter: »Erinnerst du dich ihrer Augen, ihrer Haare? Sprich!«

»Die Augen waren wie Flammen.«

»Also wie die deinen, Nefer!«

»Laß uns die Vision vergessen«, rief die Zauberin mit veränderter Stimme. »Trinke! Du bist heute mein Gast. Der Wein des heißen Libyen gießt Blut in die Adern. Seien wir heute noch glücklich und denken nicht an die Zukunft! – Sieh, da kommen die Speisen. Du hast seit vielen Stunden nicht gegessen und mußt dich stärken!«

Die Nubierinnen hatten ihre Tänze unterbrochen. An ihrer Stelle waren andere, ebenfalls leicht gekleidete Mädchen mit Blumenkränzen im Haar erschienen. Sie trugen in goldenen Schüsseln appetitlich duftende Leckerbissen herbei.

Das Mahl, das die Fürstin der Schatteninsel ihren Gästen bot, war einer Königin würdig. Speise folgte auf Speise, eine immer köstlicher als die andere. Ebenso die Weine, feurig wie das Land ihrer Herkunft. Die Helferinnen schienen nicht müde zu werden, die goldenen Gefäße immer wieder zu füllen und die Blumensträuße in den Vasen zu erneuern. Gleichzeitig fielen von der Decke unaufhörlich Lotosblumen herab, während die Musik mit Harfenklängen zu sanfter Ruhe einlud.

Die äthiopischen Schiffer, die an solchen Überfluß nicht gewöhnt waren, wurden bald übermannt von all den genossenen Getränken und dem starken Blumenduft, der den Saal durchwehte. Die meisten schliefen ein oder lallten vor sich hin.

Bei Ata und Unis brachte der Wein eine andere Wirkung hervor. Sie wurden beredter und fröhlicher und hatten für den Augenblick das Bewußtsein ihrer schwierigen Lage verloren.

»Trink!« rief Nefer ihrem Gastfreund immer wieder zu. »Trinke mehr! Der Rausch ist süß und läßt uns träumen!« Dabei goß sie ihm selbst den Becher voll.

»Ich trinke das Licht deiner Seele, den Glanz deiner wunderbaren Augen«, sagte er feurig. Und es schien, als ob er nun im Anblick von Nefer die Pharaonin vergessen hätte.

Die schleierumhüllten Tänzerinnen begannen von neuem, sich im Kreis zu drehen. Sistren und Flötentöne begleiteten sie. Helles Lachen erklang zum Tamburin.

Der Jüngling war nicht mehr fähig, sich den Blicken Nefers zu entziehen.

»Schau mich nicht so an«, bat er. »Die seltsame Flamme in deinen Augen verbrennt mich. Sie wird mir das Bild rauben, das ich in meinem Herzen trage!«

»Das Bild der Prinzessin?« fragte sie triumphierend.

Mirinri sah in seinen Becher, nachdem er ihn geleert hatte.

»Fürchtest du, daß ich einen Zaubertrank in den Wein gemischt habe?«

»Nein, aber es war, als ob mir vom Grund des Bechers Augen entgegenleuchteten, die nicht den deinen glichen!«

Rasch goß ihm Nefer von neuem ein, um das Bild verschwinden zu lassen.

Nefers Dolch

Unis und Ata hatten sich inzwischen auf die Felle gelegt und hörten mit halbem Ohr den Geschichten zu, die ihnen eine der Tänzerinnen erzählte.

Mirinri war der Aufforderung der Zauberin gefolgt und hatte wieder seinen Becher geleert. Jetzt fiel er auf das Löwenfell nieder. Sein Kopf war schwer. Er stützte ihn mit der Hand, während Nefer ihm mit einem Straußenfächer Kühlung zufächelte.

»Ist das Leben nicht schön hier?« fragte sie ihn zärtlich.

»Allerdings schöner als in der Wüste!« antwortete der Jüngling, der sich wie in einem Traumland fühlte. »Hier sind Genüsse, von denen ich dort keine Ahnung hatte.«

»Würde dir ein solches Leben nicht auf die Dauer gefallen?«

»Du vergißt, daß ich eine hohe Aufgabe zu erfüllen habe, daß ich einen Thron erobern soll.«

»Einen Thron! Denkst du nie daran, was für Gefahren dir in Memphis drohen?«

»Ich bin jung und stark und werde ihnen zu begegnen wissen. Ich bin ein Sohn der Sonne!«

»Es ist also die Macht, die dich lockt?«

»Vielleicht, Nefer.«

»Willst du Herrscher dieser Schatteninsel werden? Das Symbol über Leben und Tod soll noch heute an deiner Stirn glänzen, und wir alle werden dich wie einen Gott verehren! Was fehlt dir hier? Ich kann dir denselben Prunk bieten, wie ihn der Hof des Königs hat. Der heilige Fluß umspült das kleine Reich hier, seine Wasser sind dieselben, die Memphis' Mauern benetzen. Alles, was du wünschst, wirst du haben, Feste, Bankette, Tänze und Musik, auch Mädchen, die dich bedienen. Die Insel der Schatten wiegt Memphis auf, glaube mir! Und du wirst nicht unter dem schweren Druck der Neider deiner Macht zu leiden haben.«

Mirinri neigte das Haupt. »Dort unten«, sagte er, »ist aber nicht nur ein Thron zu erobern ...«

Nefer zuckte zusammen. »Thron und Pharaonin zugleich«, sprach sie. »Immer nur die eine, nur die eine!«

Dann reichte sie ihm wieder Wein. »Er wird dich einschlummern und süß träumen lassen.«

Mirinri schloß lächelnd die Augen. »Es ist doch ein Zaubermittel darin«, sagte er. »Ein Nebel liegt vor mir ...«

»Ich will es dir beweisen, daß ich kein Pulver darin aufgelöst habe. Schau her!« Und sie berührte mit ihren roten Lippen den goldenen Becherrand, sah ihn sehnsuchtsvoll an und trank daraus.

Mirinri leerte den Rest. »Ich trinke das Licht deiner Augen!« wiederholte er. »Du bist schön, Mädchen!«

»Doch nicht so schön wie die andere«, sagte sie bitter.

»Was tut's? Du bist schön und gefällst mir.«

»Für dieses Wort könnte ich mein Leben hingeben! Auch du gefällst mir, Sohn eines großen Königs!«

Mirinri schien es nicht gehört zu haben. Er lächelte weltvergessen.

»Schlafe«, flüsterte die Zauberin. »Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Auch deine Gefährten sind, von meinen Sklavinnen betreut, eingeschlafen. Hast du schon einmal von der Prinzessin mit den Rosenwangen gehört?«

»Erzähle, Mädchen«, sagte er. »Wie schwarz sind deine Haare, was für einen Duft strömt dein Körper aus – du bist kein menschliches Wesen!«

»Höre zu: Die Prinzessin war die reizendste Pharaonin unter Ägyptens Sonne. Sie suchte einen Gatten nach ihrem Herzen, da sie aber einen solchen nicht fand, so heiratete sie ihren Bruder, was, wie du weißt, die ägyptischen Gesetze gestatten. Dieser jedoch hatte ein trauriges Schicksal – er wurde von seinem eigenen Bruder ermordet.«