Выбрать главу

»Nein.«

»Versuche noch einmal, in die Zukunft zu sehen! Vielleicht gelingt es dir, das Geheimnis zu erfassen!«

Nefer tat, wie ihr geheißen. Sie bedeckte von neuem die Augen mit den Händen. Unis beobachtete sie mit Sorge.

»Nebel... nichts als Nebel«, sagte sie tonlos nach einer Weile. »Kannst du ihn gar nicht durchdringen?«

»Ja, jetzt... Ein Thron, von Licht übergossen ... ein Mann, dessen Haupt mit dem Symbol der Macht über Leben und Tod geschmückt ist...«

»Ist er jung oder alt?«

»Warte ... er ist es!«

»Wer?«

»Der König, den wir auf der vergoldeten Barke gesehen haben ... gegen den Mirinri den Wurfspieß erhoben hat.«

»Was tut er?«

»Geduld ... Ich sehe Nebel um ihn kreisen ... Jetzt scheint sein Gesicht wutverzerrt, jetzt schreckensbleich ... Ein Greis ist um ihn ... er hat ein krummes Eisen in der Hand, wie man es zum Präparieren von Mumien braucht...«

»Wer ist der Tote?« unterbrach sie Unis erschrocken.

»Ich weiß es nicht.«

»Nefer, ich bitte dich, schau genauer hin, versuch es!«

»Jetzt sehe ich nichts mehr ... Ah, doch! Einen herrlichen Saal ... Volk, Soldaten, Priester ... Er öffnet den Naos, die göttliche Reliquie ... Da... er!«

»Wer?«

»Her-Hor!«

»Wie? Der Priester, den du getötet hast?«

»Ja, Herr!«

»Siehst du ihn lebend?«

»Ja, lebend«, antwortete Nefer heiser, während ein Schauer durch ihren Körper ging. »Er wird mein Verhängnis sein.«

»Was sagst du, Mädchen?« fragten Unis und Mirinri wie aus einem Mund.

Nefer antwortete nicht mehr. Ihr Kopf sank auf den Tisch.

Nun erhob sich Unis und legte die Hand auf Mirinris Schulter. Dabei sagte er: »Sie hat eine Gefahr für dich gesehen. Hüte dich!«

»Glaubst du an ihre Visionen?«

»Ja, ich glaube daran.«

»Ich glaube aber auch an meinen Stern, an den Ton der Memnonsäule, an die Auferstehungsblume, die sich in meinen Händen erschloß. Unis, mein Schicksal wird sich glänzend erfüllen!«

Der Hohepriester des Ptah-Tempels

Tagelang ließen sich Nefer, Mirinri und Unis bald da, bald dort im Fremdenviertel sehen. Während das Mädchen Zauberformeln sprach und Heilmittel gab, nahm der zweite die Münzen ein, und der dritte trommelte mit bewundernswerter Ausdauer auf seinem Tontamburin.

Schon begannen die drei ungeduldig zu werden, weil sie befürchteten, daß es Ata nicht gelungen sei, die Rebellion ins Werk zu setzen. Da hörten sie am Abend des fünfzehnten Tages, den sie in Memphis zubrachten, drei Schläge an der Tür, die jäh ihr Abendessen unterbrachen.

Sie griffen sofort zu ihren Waffen und eilten in den Vorderraum.

Als die drei Schläge sich heftiger wiederholten, rief Mirinri:

»Wer stört uns hier?«

»Ich bin es, Ata!« war die Antwort. Schnell trat der Ägypter ein und verschloß die Tür sorgsam hinter sich.

»Ich fürchtete schon, euch nicht mehr anzutreffen! Es geht das Gerücht um, daß Mirinri in Memphis ist.«

»Von wem hast du das erfahren?« fragte Unis besorgt.

»Von einem Freund, der Beziehungen zum Hof hat. Er sagt, daß Pepi nicht mehr ruhig schlafen könne und daß er seine Spione durch die ganze Stadt geschickt habe.«

»Weiß es das Volk schon?« rief Mirinri, den es immer ungestümer nach Taten drängte.

»Die Freunde deines Vaters haben seit Jahren dafür gesorgt, im Volk den Glauben wachzuerhalten, daß der Sohn des Chaldäerbesiegers noch lebt, wenn er auch auf geheimnisvolle Weise verschwand...«

»... um einst seinen Thron zurückzuerobern«, fiel ihm Mirinri ins Wort. »Vielleicht wird er sogar auf einem Kriegswagen die Straßen von Memphis durchziehen und sich zum Herrscher ausrufen lassen! Denn er allein ist der Abkömmling von Ra und Osiris.«

»Das stolze Kriegerblut spricht aus Tetis Sohn«, sagte Unis lächelnd. »In der Wüste schlummerte es, Memphis' Luft hat es geweckt.«

»Wichtige Nachrichten führen mich zu euch«, berichtete jetzt Ata, nachdem er am Tisch Platz genommen hatte. »Tetis Freunde haben alle Parteigänger unterrichtet. Ich habe 3 000 äthiopische Sklaven durch Sold erworben und ihnen die Freiheit versprochen, wenn sie Tetis Sohn unterstützen. Es wird Erfolg haben!«

»Sind alle bereit?«

»Alle. Morgen abend werden wir uns in der Pyramide der Rhodopis versammeln. Dort erwarten wir euch, um den Staatsstreich auszuführen. Die Begeisterung soll sich wie eine Feuerwelle über ganz Memphis ergießen! So werden wir den Usurpator stürzen.«

»Und ich werde euch führen!« rief Mirinri, sprühenden Blicks. »Wer könnte mich aufhalten?«

»Vielleicht das Schicksal«, sagte Nefer, die sich bisher still verhalten hatte.

»Jedes Hemmnis werde ich zerschmettern!«

»Ich habe Furcht vor dem schwarzen Stier mit den vergoldeten Hörnern. Ich habe gestern abend von ihm geträumt«, seufzte sie.

»Wer sollte das sein?«

»Gott Apis, der den fruchtbaren Nil darstellt.«

»Ich aber bin der Sonnensohn und stelle die Kraft und die Macht dar!«

»Du wirst hinter dem Stier zwei Augen begegnen, die dein Geschick beeinflussen«, fuhr Nefer warnend fort.

»Welchen Augen?«

»Du kennst sie. Ich brauche es dir nicht zu sagen.«

Ehe Ata das Versteck seiner Freunde verließ, gab er den dreien noch Ratschläge, wie sie sich am nächsten Tag verhalten sollten.

»Wenn ihr durch die Stadt geht, verratet euch weder durch zu große Eile noch durch Neugierde. Vor allem nennt euch nicht beim Namen! Die Wachen des Königs sind überall, ich warne euch.«

»Fürchte nichts«, warf Unis ein. »Ich werde Mirinris Ungeduld zügeln.«

»Also auf morgen abend! Gleich nach Sonnenuntergang findet ihr uns alle versammelt. Jetzt kehre ich ins Zentrum der Stadt zurück. Mein Weg ist lang, und die Nacht ist schon angebrochen. Lebt wohl!«

Draußen schaute Ata sich noch aufmerksam nach rechts und links um und entfernte sich dann rasch. Es schien ihn niemand bemerkt zu haben.

Schon lag das Fremdenviertel hinter ihm, und er näherte sich der herrlichen Straße längs des Nils, die von Dämmen zum Schutz gegen das Hochwasser begrenzt war. Da begegnete er einem Mann, der plötzlich hinter einem hohen Steinhaufen hervortrat.

»Möge dich Osiris beschützen!« sprach der Unbekannte.

»Möge dir Ra hold sein, auch nach Mitternacht!« antwortete Ata, wobei er seinen Weg fortsetzte.

Der Unbekannte ging anscheinend ebenfalls weiter seines Wegs. Als er aber Ata unter den Palmen der Dämme verschwinden sah, kehrte er zu dem Steinhaufen zurück und ließ einen leisen Pfiff ertönen. Sofort erhoben sich zwei junge, kräftige Männer von der Erde und eilten auf ihn zu. Die zwei schrägstehenden Straußenfedern auf ihren Perücken bezeichneten sie als Wachen des Königs.

»Ich habe ihn wiedergefunden«, sagte der Unbekannte.

»Wirst du dich auch nicht getäuscht haben, Hoherpriester?« erlaubte sich einer der Bewaffneten zu fragen.

»Wen Her-Hor einmal gesehen hat, Maneros, den vergißt er nie!« war die strenge Antwort. »Er war der Begleiter des Alten aus der Wüste! Nun bin ich sicher, daß sich der Sohn Tetis hier in der Nähe aufhält.«

»Hätten wir ihn nicht heute abend bei der Menge auf dem Platz aus den Augen verloren, wäre er schon jetzt in unserer Hand«, meinte der Palastwächter.

»Geduld ... Wir werden ihn schon finden, noch ehe er gegen den König etwas unternehmen kann.« Dann murmelte Her-Hor zwischen den Zähnen: »Und Nefer soll den Dolchstich büßen, der mich beinahe zu den Toten befördert hätte!«