»Wir sind nun mal auf See, also müssen wir auch die entsprechenden Gesetze befolgen, auch die ungeschriebenen.« Sie blickte ihren Vater an. »Mit so einer bitteren Situation hätte ich nie gerechnet, aber es kommen wohl noch andere nicht minder schwere, und mit denen muß ich auch fertigwerden.« Sie blickte den Venezianer an, und ihre Stimme zitterte nicht im geringsten: »Versenkt das Schiff!«
Buenarrivo wollte den Befehl weitergeben, aber Hauptmann Sancho Mendana legte ihm die Hand auf die Schulter und bemerkte gelassen:
»Das ist meine Aufgabe! Ich sorge dafür, daß es sauber und schnell geschieht.«
»Backbord oder steuerbord?«
»Steuerbord.«
Zehn Minuten später fuhr die Galeone sehr langsam und stets luvwärts auf das Sklavenschiff zu. Obwohl vom Deck und sogar von den Strickleitern und Masten eine Handvoll Männer um Mitleid flehten, feuerten vierzig Kanonen gleichzeitig schwere Kugeln ab, die auf dem bereits zerfressenen Rumpf einschlugen. Das Schiff zerbrach sofort, fing Feuer und sank.
Zahlreiche, zum Teil schon halbtote Männer und viele tausend Ratten stürzten sich sofort ins Meer, und jetzt begann für die Haie, die bis zu diesem Augenblick gleichgültig geblieben waren, ein furioses Festmahl, das sich sehr wahrscheinlich bis in die frühen Nachtstunden fortsetzte.
Ihr Tod hatte viele Namen: die Pest, das Feuer, das Wasser, die Haie und die Verzweiflung, denn sie wußten, daß sie sterben mußten, weil niemand in dieser Welt dulden würde, daß sie am Leben blieben.
Langsam erhob sich Celeste Heredia und ging zur Deckreling des Achterkastells. Als sie sicher war, daß alle Männer sie ansahen, verkündete sie mit zittriger Stimme:
»Wer von euch jemals an etwas geglaubt hat, soll mit mir für das Seelenheil dieser Unglücklichen beten. Gott weiß, daß ich sie lieber gerettet hätte, aber er weiß auch, daß wir das nicht tun konnten.«
Auch der letzte Heide an Bord der Dama de Plata neigte die Stirn, und jeder bat in seiner Sprache seinen Gott, sich dort oben derer anzunehmen, die dort langsam im tiefsten Ozean versanken.
Es wurde schon dunkel, als sie wieder auf Höhe der Maria Bemarda ankamen. Bald tauchte der kahlgeschorene Kapitän auf der höchsten Stelle des Achterkastells auf und rief hinüber:
»Was ist passiert?«
Barsch und endgültig kam die Antwort von Kapitän Buenarrivo:
»Die Pest!«
Demonstrativ schlug der Sklavenhändler das Kreuzzeichen und verschwand in seiner Kajüte. Erst drei Tage später zeigte er sich wieder. Da ankerten die beiden Schiffe bereits vor der Mündung des Manamo. Das war einer der unzähligen Arme des Orinoco, der hier in einem Delta in den Golf von Paria mündete.
Nicht weit von hier hatte vor fast zwei Jahren Sebastian Heredia die Sklaven der Four Roses an Land gebracht.
Celeste Heredia rief ihren »Stab« in der Offiziersmesse zusammen, um zu besprechen, wie man die Sklaven an Land bringen wollte. Vorher bat sie Gaspar Reuter:
»Geh an Land und versuche, einen Schwarzen namens Moises aufzutreiben, den mein Bruder zum Anführer der befreiten Sklaven ernannt hat. Wir brauchen seine Unterstützung.« Sie wandte sich Hauptmann Mendana zu: »Du kümmerst dich darum, daß die Sklaven der Maria Bernarda gesund und heil an den Strand kommen. Danach wird das Schiff versenkt.«
»Und die Besatzung?«
»Es wird ihnen nicht schaden, durch Sümpfe und Urwälder vor der Rache der freigelassenen Sklaven zu fliehen. So erfahren sie am eigenen Leib, wie es ist, gejagt zu werden.«
»Soll ich ihnen Waffen geben?«
»Eine Machete pro Kopf.«
Es war schon ein seltsamer Anblick, wie an die zwanzig völlig kahlgeschorene weiße Männer, nur mit einer groben Hose bekleidet, wie aufgescheuchte Hühner am Strand hin- und herliefen, und nicht glauben konnten, daß sie in den Urwald hineinmußten, um mit viel Glück vielleicht einmal ein winziges, halbwegs zivilisiertes Nest auf diesem unendlichen, unerforschten Kontinent zu erreichen.
Sie wußten nur zu gut, daß ihre Überlebenschancen sehr gering waren, daher hatten sie es nicht eilig, sich auf ein so Ungewisses und gefährliches Abenteuer einzulassen. Dann aber mußten sie mit ansehen, wie immer mehr Menschen, die sie über Monate in Ketten auf ihrem einstigen Schiff gehalten hatten, in die Boote stiegen und offenkundig darauf aus waren, gerechte Rache für das ihnen Angetane zu nehmen.
Celeste verfolgte sie vom Achterkastell ihres Schiffes aus mit dem großen Fernglas, bis einer nach dem anderen im Dickicht verschwand.
»Der Teufel möge sie führen!« murmelte sie in sich hinein. »Und hoffentlich läßt er sie wenigstens den zehnten Teil dessen erleiden, was sie diesen vielen Unschuldigen angetan haben.«
Sie verschwendete keinen weiteren Gedanken mehr an sie. So grausam ihr Schicksal sein mochte, sie hatten es mehr als verdient.
Seit dem Tod ihres Bruders hatte sich Celeste sehr verändert. Häufig fragte sie sich selbst, was mit ihr geschehen war, wo ihre ansteckende Fröhlichkeit geblieben war, ihre ewig gute Laune, die sie stets auch in den schwersten Augenblicken ihres Lebens nicht verlassen hatte.
»Die Zeit ist nicht zum Lachen!« sagte sie sich jedes Mal, wenn sie daran dachte. »Und das wird sie auch nicht mehr sein, solange Millionen von Geschöpfen so leiden müssen.«
Sechs Tage später kehrte Gaspar Reuter in Begleitung eines riesenhaften Schwarzen an Bord zurück.
»Ich bin Moises«, sagte er. »Bist du wirklich die Schwester von Kapitän Jacare Jack?«
»Sie ist es.«
Der große Mann fiel sofort auf die Knie, küßte ihr respektvoll die Hand und beteuerte mit noch gesenktem Haupt:
»Dein Bruder hat mir die Freiheit geschenkt, aber ich werde stets sein treuester Diener bleiben, also gehöre ich jetzt dir. Womit kann ich dir dienen?«
»Ich bin nicht gekommen, damit du mir dienst, sondern ich brauche deine Hilfe als freier Mann. Das hier sind deine Brüder. Sorg dafür, daß sie sich in diesem neuen Land zurechtfinden!«
Ohne zu zögern nickte der Riese.
»Das werde ich tun, aber leicht wird das nicht sein. Die Soldaten sind hinter uns her, und auch die Eingeborenen machen Jagd auf uns. Überleben ist hier sehr schwer. Zugegeben, als Sklave wäre es allerdings noch schwerer.«
»Lehre sie, wie man frei ist.«
»Das lernt man schnell«, lautete die Antwort. »Ohne Frauen zu leben, lernt sich weniger leicht. Einige meiner Männer entführen Indianerfrauen. Allerdings versuche ich ihnen klarzumachen, daß wir auf diese Weise selbst Sklavenjäger werden und daher kein Recht mehr haben, unsere eigene Freiheit einzufordern.«
»Eine schwierige Situation, kein Zweifel«, gab sie zu. »Unglücklicherweise habe ich dir keine Lösung anzubieten… Ich bin nicht in der Lage, euch nach Afrika zurückzubringen.«
»Keiner will nach Afrika zurück. Dort werden sie uns früher oder später wieder versklaven.«
Mit dem Kopf wies das Mädchen auf ein Brandzeichen über der linken Brustwarze des Riesen: eine Art Krone mit dem Buchstaben >N< darunter.
»Was bedeutet das?« wollte sie wissen. »Das habe ich schon bei vielen Gefangenen gesehen.«
»Es ist das Eisen des Königs des Niger«, antwortete der andere unbefangen. »Wenn seine Männer einen Sklaven fangen, läßt er diesem als erstes sein Brandzeichen aufdrücken.«
»Barbarisch!«
»Der König des Niger ist der schlimmste aller Barbaren, Senora. Er ist schuld daran, daß die meisten von uns hier sind.«
»Welchem Stamm gehört er an?«
»Jedem und keinem. Er ist ein schmutziger Mulatte, Sohn einer schwarzen Sklavin und eines weißen Sklavenhändlers. Dieser verfluchte Renegat hat es geschafft, ein wahres Imperium im Herzen des Kontinents zu errichten. Es heißt, wenn es dem Teufel in der Hölle zu langweilig wird, Sünder zu braten, kommt er ihn besuchen, um neue Foltermethoden zu lernen.«
»Sei’s drum, er ist weit weg und kann euch nichts mehr anhaben. Ich vertraue dir diese armen Leute an. Sorge dafür, daß man sie so behandelt, wie du gerne selbst behandelt werden würdest, wenn du in eine neue Welt kommst. Sie fühlen sich verloren und sind ängstlich, und du weißt ja schon, was das bedeutet.«