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Gott Chahad hatte vor vielen Jahren die Höchste Schlacht um die Gleichheit unter den Menschen verloren, und als die Sklaverei kam, sah er sich gezwungen, die Gestalt eines Reihers anzunehmen und sich im Herzen des Kontinents zu verstecken: an der natürlichen Grenze zwischen der großen Wüste und den weiten Savannen — dem heutigen Tschadsee ~, und er schwor, diesen nicht eher zu verlassen, bevor nicht der letzte Sklavenhändler von der Erde verschwunden war.

Seit jenem schwarzen, bereits allzu fernen Tag hatte sich Benue, Gott der Erbarmungslosigkeit, der sich in einem wilden Büffel mit drohenden Hörnern zu inkarnieren pflegte, zum Herrn über Urwälder, Wüsten und Savannen aufgeschwungen, über die er mit absolut brutaler und blindwütiger Gewalt herrschte.

Manchmal konnte man in der Nähe schmutziger Tümpel und seichter Sümpfe einen grazilen Reiher sehen, der sich auf dem Rücken eines Büffels niedergelassen hatte und grimmig auf dessen rauhe Haut einpickte, ohne daß sich das Tier auch nur zu rühren schien. Die Eingeborenen glaubten darin ein Symbol für das zu sehen, was sich wirklich in der Welt abspielte, in der eine ohnmächtige Gerechtigkeit die dicke Haut der abgestumpften Erbarmungslosigkeit nicht einmal kratzen konnte.

Aber das alles änderte sich jetzt.

Als Sakhau Ndu sah, wie die schöne Galionsfigur der Dama de Plata durch das stille Süßwassermeer des großen Niger glitt, hatte er die absolute Gewißheit, daß Chahad sich entschlossen hatte, die Maske des harmlosen Reihers abzulegen, um sich statt dessen in ein wildes Kriegsschiff zu verwandeln, das in der Lage war, ein für allemal die »Büffel« der Erde zu vernichten.

Zeud Sekature, die Kinder und die Diener waren nicht minder erstaunt, ja bestürzt, plötzlich ein Schiff vor sich zu sehen, dessen Mast gute dreißig Meter über den Wasserspiegel des Flusses ragte und das mit drohenden Kanonen gespickt war. Einen ähnlichen Effekt würde bei einem Bauern unserer Zeit die Landung eines Raumschiffs von der Größe einer Stierkampfarena auslösen.

Eine andere Welt, von der sie kaum je etwas gehört hatten, trat da plötzlich in ihr Leben ein, das sich niemals groß verändert hatte. Der Kontinent, die Wiege der Menschheit, wo vor Millionen von Jahren die ersten Hominiden ihre Wanderungen begannen, hatte niemals mit dem Fortschritt Asiens, Europas oder des jungen Amerikas mithalten können.

Eine schwere Galeone und eine leichte holländische Fregatte, die einen weiten Fluß, hundert Meilen von der nächstgelegenen Küste entfernt, hinauffuhren, mußten unvorstellbar sein. So verharrten die Augenzeugen des Wunders völlig still, mit offenem Mund und schrekkensweiten Augen.

Das mußte ein Wunder sein!

Der Weise des Feuers gab schließlich den Ruderer einen Wink, in die Mitte des Flusses zu steuern. Er richtete sich zu neidenswerter Größe auf, breitete die Arme aus, präsentierte die Pracht seines Umhangs aus roten Ibisfedern und blieb reglos wie ein stilisierter mythologischer Vogel stehen.

Seine Diener und seine Kinder ergriff die Panik, als der hohe Bug mit seiner menschenköpfigen fischschwänzigen Silbergöttin erbarmungslos auf sie zufuhr und drohte, sie zu überrollen und ihr schlankes Kanu in Stücke zu brechen, aber plötzlich hörte man einen scharfen Piff, eine Glocke läutete, Stimmen ertönten, und das Schiff kam kaum fünf Meter vor ihnen zum Stehen.

Ein Weißer mit langem Bart und einem von einer tiefen Narbe entstellten Gesicht lehnte sich über die Reling, um in recht flüssigem Ibo zu fragen:

»Wer bist du?«

»Ich bin der Weise des Feuers, Sakhau Ndu, und das ist meine Familie«, erwiderte der Schamane, der bemüht war, sich nicht anmerken zu lassen, daß eine kalte Eisenfaust sein Herz umklammerte.

Pater Barbas schien einige Augenblicke lang in seiner Erinnerung zu kramen, bevor er schließlich fragte:

»Der echte Sakhau Ndu, der Weise des Feuers vom Stamm der Bamileke?«

»Genau der.«

»Ich habe von dir gehört«, räumte der Navarrese ein. »Was willst du?«

»Dir verkünden, daß der Große Sieg von Chahad naht.« In diesen Augenblicken fühlte sich der Schamane bedeutend, und überzeugt fügte er hinzu: »Der Tyrann MulayAli wird sterben, bevor der neue Mond erscheint.«

»Woher weißt du das?«

»Gestern hat er mich aufgesucht, und die Götter haben den Rauch seines Feuers zurückgewiesen.«

»Komm herauf!«

Sakhau Ndu gehorchte, und obwohl er ein Mann war, der an den direkten Kontakt mit den Göttern gewöhnt war, zitterten ihm doch die Knie, als er das Deck betrat und sich den bleichen Gesichtern und den sehr hellen Augen von über zweihundert fremden Dämonen gegenübersah.

Wie im Traum folgte er dem Bärtigen, wobei er hier und dort an Taue, Segel und Masten stieß, in einen großen Salon, der ihm vorkam wie der Vorsaal des Paradieses selbst und in dem vier Männer und eine Frau an einem großen, schweren Tisch saßen und ihn mit offenkundiger Neugier ansahen.

»Das ist ein berühmter Weiser der Gegend«, hörte er seinen Begleiter in einer Sprache sagen, von der er natürlich kein einziges Wort verstand. »Er versichert, gestern MulayAli gesehen zu haben und daß die Götter ihm dessen Tod vorausgesagt haben.«

»Und woher wissen wir, daß er kein Spion ist, der uns verwirren will?« wollte der wieder einmal mißmutige Arrigo Buenarrivo wissen. »Schamanen sind für mich lediglich eine Bande von Betrügern, und ich denke nicht daran, einem von ihnen zu vertrauen und zu riskieren, daß mich eine Legion nackter Wilder überfällt.«

»Wie viele Krieger hat MulayAli?« wandte sich Pater Barbas an Sakhau Ndu und redete ihn in seinem Dialekt an.

»Das weiß ich nicht«, erwiderte dieser ehrlich. »Aber so viele sie auch sein mögen, ein guter Teil von ihnen ist dabei zu desertieren. Sie sind in Panik wegen der falschen Nachricht von einer Epidemie.«

»Falsch…?« fragte der ExJesuit erstaunt. »Wer sagt, daß sie falsch ist? Menschen und Tiere sterben zu Hunderten.«

»Mag sein, daß sie sterben, aber nicht an der Tollwut«, entgegnete der Eingeborene betont gelassen. Allmählich fand er sein Selbstvertrauen wieder. »Wenn die Götter versichern, daß Elegba nicht auf die Erde gespuckt hat, dann hat sie das auch nicht getan. Sie wären die ersten, die davon erfahren.«

Pater Barbas nahm sich etwas Zeit, um den übrigen Anwesenden die Worte zu übersetzen, und als er sich neuerlich an den Zauberer wandte, entdeckte er überrascht, daß der Schamane wie erstarrt war und wie hypnotisiert auf die Pfeife starrte, die sich Hauptmann Sancho Mendarla angezündet hatte, und auf den makellosen Rauchkringel, der langsam durch den Raum waberte.

»Was ist los mit dir?« wollte er wissen.

Der Bamileke wies mit dem Kinn auf den Artilleristen, um mit rauher Stimme zu fragen:

»Warum stößt er Rauch aus und macht Ringe daraus? Ist er vielleicht ein Weiser des Feuers?«

»Nicht ganz«, erwiderte der Bärtige mit einem spöttischen Lächeln. »Aber er versteht im Rauch so gut zu lesen wie du. Er ist ein sehr, sehr mächtiger Mann.«

Sakhau Ndu warf seinem Gegenüber einen langen Blick zu und starrte dann den Rauchkringel an, der sich allmählich in der Sonne auflöste, die durch das Achterfenster hereinschien. Schließlich schüttelte er den Kopf.

»Das stimmt nicht«, murmelte er. »Er weiß weder den Rauch zu lesen, noch ist er mächtig.« Er deutete auf Celeste, die ihn schweigend und reglos betrachtete, um im gleichen Ton zu schließen: »Sie dort drüben ist mächtig.«

»Wer sagt das?«

»Der Rauch.« Er wandte sich direkt an das Mädchen und fügte überzeugt hinzu: »Du bist die Königin, die Chahad auserwählt hat, um der Welt Gerechtigkeit zu bringen, und als solche huldige ich dir.«

Kaum hatte er das gesagt, kniete er nieder und verneigte sich, bis sein Antlitz den Boden berührte. Ganz still verharrte er, bis das Mädchen den ehemaligen Jesuiten ansah und unangenehm berührt fragte: