Die vierte Frage betraf die Dardanellen. Rußland forderte Stützpunkte an den Dardanellen. Wenn Molotow das jetzt abzustreiten versucht, ist es nicht weiter verwunderlich. Er wird, wenn er morgen oder übermorgen nicht mehr in Moskau sein wird, wahrscheinlich auch abstreiten, daß er nicht mehr in Moskau ist.
Er hat aber diese Forderungen gestellt, und ich habe sie abgelehnt. Ich mußte sie ablehnen, und damit war ich mir allerdings klar, daß nunmehr höchste Vorsicht am Platze war. Ich habe seitdem Sowjetrußland sorgfältig beobachtet. Jede Division, die wir feststellen konnten, wurde bei uns gewissen-aft eingetragen und durch Gegenmaßnahmen pflichtgemäß beantwortet. Die Lage war bereits im Mai so weit verdüstert, daß es keinen Zweifel mehr darüber geben konnte, daß Rußland die Absicht hatte, bei der ersten Gelegenheit über uns herzufallen. Gegen Ende Mai verdichteten sich diese Momente so, daß man nunmehr den Gedanken einer drohenden Auseinandersetzung auf Leben und Tod nicht mehr von sich weisen konnte.
Ich mußte nun damals immer schweigen, und es ist mir das doppelt schwer geworden. Nicht so schwer vielleicht der Heimat gegenüber; denn letzten Endes muß sie begreifen, daß es Augenblicke gibt, in denen man nicht reden kann, wenn man nicht die ganze Nation in Gefahr bringen will. Viel schlimmer ist mir das Schweigen meinen Soldaten gegenüber gefallen, die nun Division an Division an der Ostgrenze des Reiches standen und doch nicht wußten, was eigentlich vor sich ging, die keine Ahnung hatten von dem, was sich unterdes in Wirklichkeit verändert hatte, und die aber eines Tages vielleicht zu einem schweren, ja, dem schwersten Waffengang aller Zeiten antreten mußten.
Und gerade ihretwegen durfte ich ja nicht reden, denn hätte ich auch nur ein Wort verloren, dann hätte dies nicht im geringsten Herrn Stalins Entschluß geändert, aber die Überraschungsmöglichkeit, die mir als letzte Waffe blieb, wäre dann weggefallen. Und jede solche Vorankündigung, ja jede Andeutung hätte Hunderttauseriden von unseren Kameraden das Leben gekostet.
Ich habe deshalb auch in dem Augenblick noch geschwiegen, in dem ich mich endgültig entschloß, nunmehr selber den ersten Schritt zu tun. Denn wenn ich schon einmal sehe, daß ein Gegner das Gewehr anlegt, dann werde ich nicht warten, bis er abzieht, sondern dann bin ich entschlossen, lieber selber vorher abzudrücken. Es war, das darf ich hier heute aussprechen, der schwerste Entschluß meines ganzen bisherigen Lebens. Ein jeder solcher Schritt öffnet ein Tor, hinter dem sich nur Geheimnisse verbergen, und erst die Nachwelt weiß genau, wie es kam und was geschah.
So kann man sich nur im Innern mit seinem Gewissen abfinden, das Vertrauen aufsein Volk, auf die selbstgeschmiedete Waffenstärke und schließlich — was ich früher oft sagte — den Herrgott bitten, daß er dem den Segen gibt, der selbst bereit und gewillt ist, heilig und opfervoll für sein Dasein zu kämpfen.
Am 22. Juni morgens setzte nun dieser größte Kampf der Weltgeschichte ein. Seitdem sind etwas über 3Vüs Monate vergangen, und ich kann heute hier eine Feststellung treffen:
Es ist alles seitdem planmäßig verlaufen!
Was immer auch vielleicht im einzelnen der Soldat oder die Truppe an überraschendem erleben mußte — der Führung ist in dieser ganzen Zeit in keiner Sekunde das Gesetz des Handelns aus der Hand gewunden worden. Im Gegenteiclass="underline" Bis zum heutigen Tage ist jede Aktion genau so planmäßig verlaufen wie einst im Osten gegen Polen, dann gegen Norwegen und endlich gegen den Westen und auf dem Balkan.
Und noch eines muß ich hier feststellen: Wir haben uns weder in der Richtigkeit der Pläne getäuscht, noch in der einmaligen geschichtlichen Tapferkeit des deutschen Soldaten — wir haben uns schließlich auch nicht getäuscht über die Güte unserer Waffen!
Wir haben uns nicht getäuscht über das reibungslose Funktionieren unserer ganzen Organisation der Front, über die Beherrschung der gigantischen hinteren Räume und auch nicht getäuscht über die deutsche Heimat.
Wir haben uns aber über etwas getäuscht: Wir hatten keine Ahnung davon, wie gigantisch die Vorbereitungen dieses Gegners gegen Deutschland und Europa waren, und wie ungeheuer groß diese Gefahr war, wie haarscharf wir diesmal vorbeigekommen sind an der Vernichtung nicht nur Deutschlands, sondern ganz Europas. Das kann ich heute hier aussprechen.
Ich spreche das erst heute aus, weil ich es heute sagen darf, daß dieser Gegner bereits gebrochen ist und sich nie mehr erheben wird!
Hier hat sich gegen Europa eine Macht zusammengeballt, von der leider die meisten keine Ahnung hatten und viele heute noch keine Ahnung besitzen. Es wäre dies ein zweiter Mongolensturm eines neuen Dschingis Khan geworden.Daß diese Gefahr abgewendet wurde, das verdanken wir zunächst der Tapferkeit, der Ausdauer und Opferwilligkeit unserer deutschen Soldaten und dann auch den Opfern aller derer, die mit uns marschiert sind. Denn zum erstenmal ist diesmal doch so etwas wie ein europäisches Erwachen durch diesen Kontinent gegangen.
Im Norden kämpft Finnland — ein wahres Heldenvolk! In seinen weiten Räumen steht es oft ganz allein, nur auf seine eigene Kraft, auf seinen Mut, auf seine Tapferkeit und seine Zähigkeit angewiesen.
Im Süden kämpft Rumänien. Es hat sich aus einer der schwersten Staatskrisen, die ein Volk und ein Land befallen können, in erstaunenswerter Schnelligkeit erholt, unter einem ebenso tapferen wie entschlußfreudigen Mann.
Und damit umfassen wir auch bereits die ganze Weite dieses Kriegsschauplatzes vom Weißen bis zum Schwarzen Meer. Und in diesen Räumen kämpfen nun unsere deutschen Soldaten und in ihren Reihen und mit ihnen gemeinsam Italiener, die Finnen, die Ungarn, die Rumänen, Slowaken. Kroaten sind im Anmarsch, Spanier — sie rücken jetzt in die Schlacht. Belgier, Holländer, Dänen, Norweger, ja selbst Franzosen sind eingerückt in die große Front oder werden es demnächst sein.
Der Ablauf dieses einmaligen Geschehens ist Ihnen, soweit es zurückliegt, im großen bereits jetzt bekannt.
Drei deutsche Heeresgruppen traten an. Eine hatte die Aufgabe, die Mitte aufzubrechen. Eine der beiden Flanken hatte den Auftrag, gegen Leningrad vorzustoßen, und die andere, die Ukraine zu besetzen. Im wesentlichen sind diese ersten Aufgaben gelöst.
Wenn die Gegner in dieser Zeit gewaltigster, weltgeschichtlich einmaliger Kämpfe oft sagten: «Warum geschieht jetzt nichts?» — nun, es ist immer etwas geschehen! Gerade weil etwas geschah, konnten wir ja auch nicht reden!
Wenn ich heute englischer Ministerpräsident sein müßte, würde ich unter diesen Umständen vielleicht auch dauernd reden — weil dort eben nichts geschieht. Aber gerade das ist der Unterschied! Meine Volksgenossen, ich muß das heute hier vor dem ganzen deutschen Volk einmal aussprechen: Es konnte oft einfach nicht geredet werden: — nicht etwa, weil wir die ununterbrochenen gewaltigen Leistungen unserer Soldaten nicht genügend würdigen, — sondern weil wir dem Gegner nicht voreilig von Situationen Kenntnis geben dürfen, die ihm selbst, bei seinem miserablen Nachrichtendienst, oft Tage, ja manchmal erst Wochen später bewußt werden.
Denn — ich habe das neulich schon im Wehrmachtbericht bringen lassen — Der deutsche Wehrmachtbericht ist ein Bericht der Wahrheit.
Wenn irgendein blöder britischer Zeitungslümmel nun erklärt, das müßte erst bestätigt werden: Der deutsche Wehrmachtbericht ist bisher schon gründlich bestätigt worden!
Es gibt doch wohl keinen Zweifel, daß wir in Polen gesiegt haben und nicht die Polen, obwohl die britische Presse es anders behauptet hat.