»Dann willst du also, dass wir die Berge überqueren?«
Auraya nickte. »Ja, aber...« Sie hielt inne und sah Juran an. »Vielleicht nicht alle Truppen. Vielleicht sollten einige Dunweger in ihrer Heimat bleiben. Falls die Pentadrianer in Dunwegen einfallen, können eure Krieger ihr Fortkommen verlangsamen und uns auf diese Weise Zeit verschaffen, um die Berge zu überqueren und uns dem Feind entgegenzustellen.«
Diese Leute werden keinen Unterschied machen, dachte Lanren. Aber... ich glaube, sie weiß das.
Sie möchte den Dunwegern lediglich ein gewisses Gefühl von Sicherheit geben. Es wird jedoch nicht funktionieren. Sie kennen sich zu gut in militärischen Fragen aus, um sich von einer solchen Illusion in Sicherheit wiegen zu lassen.
Juran wandte sich zu Lanren um und schüttelte den Kopf. »Einige wenige Kämpfer würden eine Armee von der Größe, wie unsere Feinde sie aufgestellt haben, nicht verlangsamen können.«
»Er hat recht«, stimmte der dunwegische Botschafter zu. »Darf ich einen Vorschlag machen?«, warf Lanren ein. Juran nickte.
»Wir wissen, dass die Pentadrianer sich nicht weit von den Bergen entfernt befinden«, sagte Lanren. »Je mehr Zeit wir haben, um unsere Position auf dem Pass zu erreichen und zu befestigen, desto besser. Sollten die dunwegischen Krieger durch die Berge kommen, könnten sie Fallen aufstellen, um das Fortkommen der Pentadrianer zu verlangsamen.« Und sie werden ihren Spaß dabei haben, fügte Lanren in Gedanken hinzu. Juran lächelte. »Das wäre durchaus möglich.« Er sah die anderen Weißen an, die ihm alle mit einem kurzen Nicken antworteten. Dann wandte er sich wieder an den dunwegischen Botschafter. »Bitte, übermittle I-Portak unsere Einschätzung der Lage und unsere Vorschläge. Teile ihm mit, dass es uns lieber wäre, wenn er hier zu uns stoßen würde, aber offenbare ihm auch das Risiko, das ein solcher Schritt birgt. Wir werden die Entscheidung ihm überlassen.«
Der Botschafter nickte. »Ich werde deinem Wunsch Folge leisten.«
Juran schaute auf die Karte hinab, schürzte die Lippen und straffte sich dann. »Die Berichte des heutigen Abends über die Position der Pentadrianer sind noch nicht eingetroffen. Lasst uns zeitig essen und dann wieder herkommen, um unsere Reise zum Pass zu erörtern. Ich würde gern auch die Siyee an diesem Gespräch beteiligen.«
Viele der Anwesenden im Zelt wirkten erleichtert. Lanren unterdrückte ein Lächeln. Obwohl keiner von ihnen seit ihrem Aufbruch aus Jarime mehr als einige wenige Schritte zu Fuß getan hatte, waren sie alle müde. Sie hatten in den Nächten kaum Schlaf gefunden, da ihre Erörterungen im Allgemeinen bis weit nach Mitternacht dauerten. Lanren war nicht der Einzige, der sich daran gewöhnt hatte, aufrecht sitzend in einem schaukelnden Tarn zu schlafen.
Wie immer blieb Lanren hinter den anderen zurück und beobachtete, wer mit wem das Zelt verließ. Er sah, wie Auraya Danjin Speers Blick suchte. Der Mann wirkte bereits nicht mehr gar so verloren. Dann kam plötzlich etwas Kleines in das Zelt gesprungen und stürzte sich auf Auraya.
»Owaya! Owaya!«
Ein kleines, graues Geschöpf lief Aurayas Zirk hinauf und auf ihren Rücken. Dann begann der Veez, keuchend vor Anstrengung, von einer ihrer Schultern auf die andere zu hüpfen.
»Hallo, Unfug«, sagte Auraya mit vor Erheiterung leuchtenden Augen. »Ich freue mich ebenfalls, dich zu sehen. Komm, lass dich – ich möchte dich nur -, wirst du endlich für einen Moment still halten?«
Er wich ihrer Hand aus, dann hielt er inne, um ihr die Ohren zu lecken.
»Ah! Unfug! Hör auf damit!«, rief sie. Sie zuckte leicht zusammen, nahm ihn von ihrer Schulter und hielt ihn dann mit einer Hand fest an sich gedrückt, während sie ihm mit der anderen den Kopf kraulte. Die kleine Kreatur blickte hingebungsvoll zu ihr auf.
»Owaya zu Hause.«
»Ja, und ich habe Hunger«, erklärte sie ihm. Dann sah sie Danjin an. »Und was ist mit dir?« »Ich auch«, antwortete Danjin.
Ihr Lächeln wurde breiter. »Dann wollen wir doch mal sehen, was wir an Essbarem auftreiben können. Du kannst mir erzählen, was Unfug getrieben hat, während ich fort war.«
»Eine Menge«, erwiderte Danjin trocken.
Als sie das Zelt verließen, verspürte Lanren eine vertraute Regung, die sich in seinen Gedanken festsetzte. Es war ein Gefühl, das ihn immer überkam, wenn er etwas gesehen hatte, das sich vielleicht als wichtig erweisen könnte. Und es hing mit diesem kurzen Zwischenspiel zusammen, das er soeben beobachtet hatte.
Oder waren es einfach die verschiedenen Möglichkeiten, die dem Veez selbst zu eigen waren, die seine Aufmerksamkeit fesselten? Diese Tiere konnten sehr nützlich als Späher oder Kuriere sein.
Sein Magen knurrte. Kopfschüttelnd schob Lanren den Gedanken beiseite und machte sich auf den Weg, um etwas zu essen.
Noch lange nach Mitternacht ging Auraya in ihrem Zelt auf und ab. Der Kriegsrat hatte sich über etliche Stunden erstreckt. Zuerst war die Zeit wie im Flug vergangen, aber im Laufe der Stunden hatte die Anwesenheit der neuen Traumweberratgeberin Auraya immer deutlicher an die Fragen erinnert, die sie Leiard stellen wollte.
Aus Raelis Gedanken wusste sie, dass die Frau keine Ahnung hatte, warum Leiard von dem Posten zurückgetreten war. Die Antwort darauf konnte Auraya mühelos erraten. Jeder der anderen Weißen hätte nur seine Gedanken zu lesen brauchen, um von ihrer Affäre zu erfahren. Leiard musste zurückgetreten sein, um das zu verhindern. Ihr Gewissen regte sich. Wenn ihr in jener Nacht, als sie ihn in ihr Bett genommen hatte, die Konsequenzen ihres Tuns klar gewesen wären... Aber in Augenblicken der Leidenschaft dachte man nicht wirklich nach. So hieß es jedenfalls in den Märchen, die von Liebe und Heldentum erzählten. Und selbst in diesen Geschichten hatte verbotene Liebe immer einen Preis. Offensichtlich war auch Leiard nicht bewusst gewesen, welche Probleme sie sich einhandeln würden. Selbst wenn sie sich in jener Nacht zurückgehalten hätten, wäre die Offenbarung ihrer Liebe zueinander nicht zu leugnen gewesen. Das zumindest hätten die Weißen aus seinen Gedanken lesen können.
Besteht die Chance, dass sie meine Wahl eines Geliebten akzeptieren könnten? Ich bezweifle, dass sie glücklich darüber wären, aber mit der Zeit würden sie vielleicht sogar einen gewissen Nutzen in unserer Verbindung sehen. Wir könnten zu einem Symbol der Einheit zwischen Zirklern und Traumwebern werden.
Es war schön und gut, von etwas Derartigem zu träumen, solange sie nicht wusste, wo er war oder – bei diesem Gedanken krampfte sich ihr Magen zusammen – ob er noch immer genauso für sie empfand. Während des Essens hatte sie Danjin gefragt, ob er Leiard gesehen habe. Er hatte keine Ahnung, wo sich Leiard oder die anderen Traumweber aufhielten. Sie wusste, dass sie es vorzogen, nicht mit Armeen zu reisen oder bei kriegerischen Auseinandersetzungen für eine Seite Partei zu ergreifen, aber sie konnten nicht allzu weit entfernt sein. Ihr Bestimmungsort war derselbe wie der beider Armeen: das Schlachtfeld.
Sie hätte eigentlich schlafen sollen, wusste aber, dass sie kein Auge würde zu tun können. Morgen würde Juran von ihr erwarten, dass sie die Armee zusammen mit den anderen Weißen in den Krieg führte. Diese wenigen Nachtstunden waren ihre einzige Gelegenheit, um nach Leiard zu suchen.
Als sie den Eingang des Zelts erreichte, hörte sie eine leise, gedämpfte Stimme.
»Owaya gehen?«
Sie sah zu dem Korb hinüber, den Unfug als sein Bett erwählt hatte. Zwischen den Decken erschienen ein kleiner Kopf und zwei leuchtende Augen.
»Ja«, sagte sie. »Unfug bleiben.«
»Unfug Owaya gehen.«
Auraya hielt inne, da sie sich nicht sicher war, was der Veez mit diesen Worten meinte. Das Tier sprang aus dem Korb und hüpfte an ihr vorbei. Einige Schritte von ihr entfernt blieb der Veez stehen und drehte sich zu ihr um.