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»Sie haben die Arbeiten nur meinetwegen ruhen lassen?«, fragte Peter.

»Aber nein!« Der Franzose lächelte. »Es gab genug andere Dinge zu tun. Außerdem: Wir haben so lange darauf gewartet, da kam es auf zwei Tage mehr oder weniger nicht an. Sie haben ja keine Ahnung, wie schwierig es ist, hier eine Genehmigung zu bekommen! Bukra, bukra, heißt es hier: Morgen, morgen. Was auch nächstes Jahr heißen kann... Nun, sicher kennen Sie das selbst.«

»Die Behörden sind überall auf der Welt die gleichen«, bestätigte Peter.

»Was die Arbeit hier erschwert, ist, dass eine einzelne Genehmigung nicht ausreicht. Das SCA zu überzeugen, ist dabei das kleinste Problem...«

»Das Supreme Council of Antiquities, die ägyptische Altertümerverwaltung?«

»Ja.«

»Ich hatte bereits das zweifelhafte Vergnügen, Dr. Aziz kennenzulernen.« Peter dachte zurück an sein letztes Projekt in Kairo. Sein erfolgloser Besuch beim Vorsitzenden der Zentralbehörde war ihm in lebhafter Erinnerung – ebenso wie der spätere Einbruch in dessen Haus. Er schmunzelte bei dem Gedanken.

»Aber Dr. Aziz ist nicht das Problem«, fuhr der Franzose fort. »Wir arbeiten sehr gut und eng mit dem SCA zusammen. Nein, es geht um etwas anderes. Sehen Sie, hier nebenan liegt ein griechisch-orthodoxer Friedhof, auf der anderen Seite ein katholischer. Und es gibt noch mehr: einen griechisch-katholischen, einen armenisch-koptischen, einen koptischen und sogar einen britischen Soldatenfriedhof. Sie wurden alle im Lauf der Jahrhunderte hier gebaut, ja die ganze Stadt ist über diesen Fleck gewuchert. An vielen Orten, die ehemals zu diesem Gelände gehört haben, stehen heute Gebäude. Dort können wir nur graben, wenn einmal etwas eingerissen und neu gebaut werden soll. Dann bekommen wir – wenn wir rechtzeitig zur Stelle sind – mit Glück ein paar Tage Zeit, unter den Fundamenten nachzusehen. Und was dieses freie Stück hier angeht: Durch die angrenzenden Friedhöfe müssen wir an unzähligen Stellen um Genehmigungen betteln.«

»Und nun haben Sie eine bekommen«, konstatierte Peter.

»Ja. Und wie ich Ihnen bereits schrieb, erhoffen wir uns eine ganz besondere Entdeckung.«

»Sie suchen das Grab Alexanders des Großen.«

»Es ist eines der berühmtesten Gräber der Weltgeschichte! Ach, Ihnen muss ich das nicht sagen. Wir haben die Arbeit von Professor Fausi el-Facharani übernommen. Er war es ja, der vor zehn Jahren hier mit den Untersuchungen begann.«

Yves stellte zwei Gläser auf den Tisch und schenkte Wasser ein.

Peter nahm sein Getränk dankend entgegen. »Das Alabastergrab wurde seit seiner Entdeckung immer wieder für das Grab eines ptolemäischen Herrschers gehalten«, sagte er und nahm einen Schluck. »Aber ob es ausgerechnet das von Alexander dem Großen war? Außerdem: Alexandria hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Hier steht sicher kein Stein mehr dort, wo er einmal gewesen ist. Der Überlieferung nach – oder sagen wir lieber einer Überlieferung nach – sollte sich das Grab Alexanders des Großen im Zentrum der Stadt befunden haben. Aber wo ist dieses antike Zentrum heute?«

»Ganz richtig, das war die Frage«, erklärte Yves. »Es gab zwar schon länger die Vermutung, dass sich das Zentrum möglicherweise genau hier, unter dem Lateinischen Friedhof befunden hatte. Aber auf eine bloße Ahnung hin kann man einer lebenden, modernen Stadt natürlich nicht einfach die Fundamente wegschaufeln.«

»Und jetzt sind Sie sich sicher?«

»Ja. Wir konnten die Bodenbeschaffenheit mit einem verbesserten elektromagnetischen Reflexionsverfahren systematisch nach möglichen Hohlräumen oder Fremdkörpern in den Gesteinsschichten durchsuchen. Und jetzt, viele Probebohrungen später, sind wir so weit: Wir haben einen Gang freigelegt und eine an seinem Ende liegende Tür. Wir möchten sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit untersuchen, herausfinden, was sich dahinter verbirgt, und Sie haben wir eingeladen, damit Sie diesem Ereignis beiwohnen!«

»Wie sind Sie auf mich gekommen?«, fragte Peter. »Es gibt viele andere Historiker, die mehr über Alexander den Großen wissen als ich. Die sich spezialisiert haben. Und was ist mit den großen Ägyptologen? Franck Goddio fällt mir sofort ein.«

»Alles zu seiner Zeit. Es gibt nur einen ersten Augenblick, und den möchte ich nicht mit einem ganzen Reisebus von Zuschauern teilen. Zudem...«, Yves machte eine Pause und beugte sich nach hinten, von wo er eine Schachtel hervorholte. »Zudem haben Sie offenbar einen Gönner in Kairo.«

Peter sah den Franzosen fragend an.

»Ich habe ein Schreiben der SCA erhalten, das Sie ausdrücklich empfiehlt.«

»Mich empfiehlt? Etwa von Dr. Aziz? Das ist unlogisch... Und außerdem: Weshalb ist er nicht selbst hier? Er scheint mir doch sonst auch keine Gelegenheit auszulassen, überall dabei zu sein und sein Gesicht in die Kamera zu strecken.«

Yves zuckte mit den Schultern. »Oh, fragen Sie mich nicht, warum. Offen gestanden wundere ich mich über die Anwandlungen der SCA schon lange nicht mehr. Aber freuen Sie sich einfach. Und dieses Päckchen hier kam heute Morgen für Sie an.« Er übereichte dem Professor die Schachtel. »Es steht kein Absender darauf. Nur eine Reihe von Hieroglyphen, dort, sehen Sie? Es bedeutet...«

»Thot Wehem Ankh Neb Seshtau«, vollendete Peter. »Der Wiedergeborene Thot, Herr der Geheimnisse. Ich kenne diesen Absender.« Er lächelte, als er sich an die Erlebnisse in Kairo erinnerte. Hierhinter verbarg sich eine geheime Gesellschaft, die ihm manche Steine in den Weg gelegt hatte, bis am Ende klar geworden war, welche Ziele sie eigentlich verfolgte. Sie waren im Guten auseinandergegangen. Allerdings hatte er nicht erwartet, jemals wieder von den Leuten zu hören. Er öffnete das Päckchen. Zuoberst lag eine Postkarte. Es war eine Ansicht des Ägyptischen Museums in Kairo. Die Rückseite enthielt nur eine Zeile:

Wissen, Erkenntnis und Weisheit. M.

Unter der Karte, in das Papier einer ägyptischen Tageszeitung gewickelt, kam eine Statuette zum Vorschein, eine ibisköpfige Gestalt in schreitender Pose. Es war der ägyptische Gott Thot, Begründer der Schrift und der Wissenschaften, der Kulturbringer der altägyptischen Tradition. Peter kannte die Figur. Es war die gleiche, vielleicht sogar dieselbe, die vor einigen Jahren auf dem Schreibtisch von Oliver Guardner gestanden hatte. Jenem alten Herrn, der ihn zur Suche nach der »Quelle des Wissens« eingeladen hatte, die ihn bis tief unter die Wüste und die Nekropole von Sakkara geführt hatte. Damals hatte er auch Melissa kennengelernt, und das »M« war nichts anderes als ihre Unterschrift. Jetzt wusste er nicht nur, dass seine Schritte erneut beobachtet wurden, sondern auch, dass man sie guthieß und dass Melissa ihren positiven Einfluss sogar bis in die Altertümerverwaltung ausgebreitet hatte. Es war ein schönes Gefühl, und mehr Worte als jene auf der Karte waren nicht notwendig.

»Ein Geschenk?«, fragte Yves.

»Ein Segen. Von guten Freunden«, antwortete Peter.

»Wunderbar. Dann können wir uns nun zur Ausgrabung begeben. Sind Sie bereit?«

»Ja, einverstanden.«

Der Franzose führte Peter hinaus, über das Gelände und zu einem knapp zwei Meter tiefen Schacht, der von einem großen Zelt überspannt wurde. Sie duckten sich unter der tief hängenden Plane hindurch und gingen einige Stufen hinab, die in das Erdreich gegraben worden waren. Am Boden der Grube war der obere Absatz einer schmalen Treppe freigelegt worden, die in einem schräg abfallenden Gang tiefer führte, in ähnlicher Weise wie die Zugänge der Gräber im Tal der Könige konstruiert waren.

Yves nahm eine Taschenlampe von einem der umherstehenden Assistenten entgegen. »Kommen Sie, Professor Lavell«, sagte er und betrat den Gang.

Sie waren der Treppe erst wenige Meter gefolgt, als erste Beklemmungsgefühle Peter befielen. Er spürte das Gewicht der Steine und der Erde über ihm, und trotz des Scheins des Eingangs hinter ihm und des Lichtkegels der Taschenlampe vor ihm drängte die Dunkelheit an ihn heran. Er hatte bemerkt, dass es mit dem Alter schlimmer wurde. Er konnte sich nicht erinnern, dass er die Dunkelheit in jungen Jahren je so drohend empfunden hatte. Es war keine konkrete Angst und auch keine unbestimmte abergläubische Furcht, sondern ein Gefühl der Haltlosigkeit, des Verlusts von Orientierung und Sicherheit. Vielleicht waren seine Erlebnisse in Südfrankreich vor mehreren Jahren der Auslöser gewesen. Besonders schlimm war es dann in Sakkara geworden. Vermutlich gab es eine psychologische Ursache, etwas, das sich in seinem Leben geändert hatte. In manchen Augenblicken, wenn er die Erlebnisse der letzten Jahre rekapitulierte, schien er kurz davor, die Lösung mit den Händen greifen zu können. Aber stets entzog sie sich ihm, wie die Erinnerung an einen Traum.