»General, ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Es brennt mir ebenso in der Seele wie Ihnen! Nicht nur Ihrer Schwester wurde Leid zugefügt, ich selbst habe alles verloren, was ich besaß. Und mein Bruder...«
»Ihr Bruder, González, interessiert mich einen Scheißdreck! Hätte meine Schwester nicht Ihren unfähigen Bastardbruder geheiratet, wäre sie heute noch glücklich.«
»Ich bitte Sie, hören Sie, was ich Ihnen vorschlagen möchte.«
»Sie können mir gar nichts vorschlagen.«
»Es geht um Gold. Viel Gold.«
Cabrera setzte zu einer Antwort an, doch er holte nur tief Luft. »Zwei Minuten«, sagte er schließlich. »Dann will ich Sie nie wieder sehen.«
Großer Hörsaal, Museum für Völkerkunde, Hamburg
»Atlantis, meine Damen und Herren! Eine der ältesten und womöglich die größte Legende unseres kulturellen Gedächtnisses.«
Auf einer überdimensionalen Leinwand erschien die altertümliche Zeichnung einer Insel, an deren Küste sich eine von mehreren ringförmigen Wassergräben umgebene Stadt befand.
Vor dem Rednerpult auf der Bühne stand Professor Peter Lavell und sah die hölzernen Ränge hinauf. Der große Hörsaal war das Schmuckstück des Museums und glich einer ehrwürdigen Universität. Er fasste ein Auditorium von zweihundert Zuhörern, die sich, wie in einem Amphitheater, in leicht gewölbten Sitzreihen im fünfzehn Meter hohen Raum verteilten. Nicht nur die Ränge waren vollständig aus dunklem Holz, auch der Boden, die Stufen, Teile der Wandverkleidung und die aufwendige Kassettendecke. Der Saal war prachtvoll und hätte einem Abenteuerroman der Jahrhundertwende entsprungen sein können.
Der Abend unter dem Titel »Atlantis – Mythos und Wirklichkeit« war schnell ausverkauft gewesen und hatte ein gemischtes Publikum von Hobbyarchäologen, Neugierigen, Skeptikern und Esoterikern angelockt. Peter Lavell als Geschichtsprofessor und mit seiner besonderen Ausrichtung auf Anthropologie und Mythologie eilte der Ruf eines unorthodoxen Denkers voraus. Aufsehenerregende Entdeckungen im Feld wurden ihm nicht zugeschrieben, wohl aber zahlreiche kontrovers diskutierte Theorien und Veröffentlichungen, die häufig Jahre später erst durch Funde belegt werden konnten.
»Sicherlich werden Sie mir zustimmen«, fuhr Peter fort, »dass kaum ein Thema die Fantasien der Menschen über so viele Jahrhunderte gefesselt hat, und noch heute ist es immer wieder im Gespräch. Man sollte also meinen, dass wir inzwischen einiges über Atlantis wissen – schließlich sucht man seit über zweitausend Jahren nach dem versunkenen Kontinent.
Aber was wissen wir wirklich?
Unsere wichtigste Quelle ist Platon, der in seinem Werk Kritias ausführlich von Atlantis berichtet.«
Ein Raunen und einzelne Ausrufe waren im Saal zu hören. Peter Lavell hob beschwichtigend die Hand. Vor einem Publikum mit heterogenem Wissensstand war es immer schwierig, nicht die eine Hälfte zu langweilen oder die andere zu überfordern.
»Ich weiß, ich weiß. Heute führen Forscher unzählige weitere Textpassagen anderer Autoren an mit dem Hinweis, dass damit derselbe Ort gemeint sein könnte. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird Atlantis inzwischen bei Helgoland, in der Türkei, bei Thera, bei Zypern, im Süden Spaniens, auf den Azoren, vor der Westküste Afrikas, in der Antarktis oder vor Kuba vermutet, um nur einige der gängigen Theorien zu nennen. Hierbei handelt es sich aber zumeist um neuzeitliche Schlüsse und Verbindungen, sie basieren auf Quellen, die alle auf fast eintausend Jahre nach Platon datiert sind. Unsere einzige ursprüngliche Quelle, die Atlantis ausdrücklich nennt und beschreibt, bleibt Platon. Er schrieb Kritias, nachdem er fünf Jahre zuvor in seinem Werk Timaios Atlantis zum ersten Mal erwähnte. Und darin erklärt er auch, wo die Informationen über Atlantis herrühren:
In diesem über zweitausenddreihundert Jahre alten Text führen vier Menschen einen – wohlgemerkt fiktiven – Dialog. Kritias, einer der vier, erklärt, er habe die Geschichte von seinem Großvater, Kritias dem Älteren, erzählt bekommen. Kritias der Ältere selbst habe die Geschichte durch seinen Vater, Dropides, erfahren. Dropides nun hätte sie gehört von seinem Verwandten und Freund Solon. Und Solon schließlich habe die Geschichte – insgesamt nun etwa zweihundert Jahre vor Platon – von einem Priester in Ägypten erzählt bekommen.
Stellen Sie sich also vor: Die Geschichte von Atlantis erzählt uns jemand in einem Buch, worin sie jemand erzählt, der sie erzählt bekommen hat, der sie erzählt bekommen hat, der sie erzählt bekommen hat. Und übrigens: Der Priester, bei dem diese Stille-Post-Kette anfängt, behauptet, das Ganze habe sich neuntausend Jahre vor seiner eigenen Zeit zugetragen. Nun könnte man sich fragen, was der für ein Gedächtnis gehabt haben muss.«
Ein kurzes Auflachen im Publikum war die Folge.
»Ihre Reaktion zeigt die Schwierigkeit an Platons Geschichte: Er stellte sie auf ein Fundament aus Strohhalmen, das jedem rationalen Wissenschaftler unglaubwürdig erscheinen musste. Und das ist einer der Gründe, weshalb sich die Menge der seriösen Wissenschaftler, die sich mit dem Mythos Atlantis beschäftigen, an einer Hand abzählen lässt. Sicher, Literatur gibt es allenthalben. Sie finden sie in Form von Abenteuergeschichten oder pseudowissenschaftlichen Sachbüchern, und Letztere zu einem großen Teil in der Esoterik-Abteilung Ihrer Buchhandlung.« Peter schmunzelte. »Und deswegen werde auch ich Ihnen heute nicht erzählen, was ich über Atlantis denke. Aber ich werde Ihnen einige der gängigen Theorien über den versunkenen Kontinent darlegen.
Platon beschreibt nicht nur die Insel, ihre geografischen Eigenheiten und ihren Untergang, er berichtet auch über die Kultur der Atlanter, in ganz ähnlicher Weise, wie wir es von Herodot aus seinen Historien kennen, in denen er unter anderem das alte Ägypten beschreibt. Nun ist Platon nicht als Reisejournalist bekannt, und schon immer stand die Frage im Raum, ob seine Dialoge nicht allesamt rein allegorischer Natur waren.
Bei rein analytischer Herangehensweise wird klar, dass es nur drei Möglichkeiten geben kann: Alles ist erfunden, alles ist wahr, oder aber es ist eine Mischung aus Fakt und Fiktion.
Wie erwähnt begnügt sich der Großteil der Wissenschaftler mit der ersten Variante und verbannt die Dialoge in den Bereich der Literatur, der Philosophie. Die Alternative, dass es sich um einen vollständigen und durch und durch wörtlich korrekten Bericht handelt, steht kaum zur Debatte, da Platons Dialoge zahlreiche offenkundige Mängel enthalten. So zum Beispiel berichtet er davon, dass die Atlanter im Krieg mit Athen lagen, einer Stadt, die neuntausend vor Christus nachweislich noch nicht existierte. So bleibt als letzte Möglichkeit die Mischform: Atlantis als eine Parabel, die einen unbekannt großen Kern von Wahrheit enthält.
Jede der Theorien, die ich Ihnen heute vorstellen werde, wählt sich dabei jeweils eine unterschiedliche Menge von Aspekten aus Platons Berichten aus. Faszinierend ist, dass sich alle Verfechter jeweils ganz sicher sind, dass ausgerechnet ihre Auswahl die richtige ist und dass man dennoch jede andere Theorie mit einem Hinweis auf Platons Wörtlichkeit zunichtemachen kann.
Was Sie heute sehen werden, ist keine Wissenschaft. Es ist eine Glaubensfrage – und wie ich schon in anderen Vorlesungen betonte: Wehe dem, der Glaube mit Wissen und Wahrheit gleichsetzt!«
Die letzten Worte hatten einen eigentümlichen Effekt auf das Publikum.
Patrick Nevreux saß in der dritten Reihe und beobachtete verstohlen, wie sich die Zuhörer auf unterschiedliche Weise getroffen fühlten. Einige senkten den Blick, andere nickten, einige hoben die Augenbrauen, verschränkten die Arme, andere verdrehten die Augen.
Patrick war zu dieser Vorlesung gekommen, da sein alter Freund ihn eingeladen hatte. Gemeinsam waren sie in Südfrankreich und in Ägypten gewesen, hatten fantastische Entdeckungen gemacht und einige brenzlige Situationen überstanden. So unterschiedlich sie hinsichtlich ihres Hintergrunds und ihres Alters auch waren, hatte sich doch ein freundschaftliches Band zwischen ihnen gebildet. Patrick war erst vor Kurzem aus Mittelamerika zurückgekehrt. Er hatte Peter von seinem Fund berichtet, in der Hoffnung, in ihm jemanden zu finden, der ihm helfen konnte, das goldene Buch einzuordnen, zu datieren, es zu schätzen oder sogar zu übersetzen. Kurz darauf hatte Peter ihn eingeladen, ihn in Hamburg zu besuchen.