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Der Vortrag lief über eine Stunde, unterstützt durch Bilder und Karten, die Peter an die Wand projizieren ließ. Es folgte eine Viertelstunde mit Fragen aus dem Plenum, und als das Licht eingeschaltet wurde und die Zuhörer den Saal verließen, stand Patrick auf und ging zur Bühne.

»Geben Sie mir ein Autogramm, Professor?«, rief er, und als Peter sich erstaunt umsah und ihn erblickte, lächelte er.

»Patrick! So eine Überraschung, ich hatte Sie nicht vor morgen erwartet.«

Der Franzose trat auf ihn zu, fasste ihn an der Schulter und grinste. »Wie hätte ich einem Vortrag von Ihnen widerstehen können?«

»Üblicherweise ist es der sicherste Weg, um Ihre Aufmerksamkeit zu zerstreuen«, erwiderte Peter lachend, der genau wusste, wie sehr Patrick seine Tendenz zum Dozieren missfiel.

»Was sagen Sie denn da? Das war doch besser als der Discovery Channel gerade. Atlantis. Meine Güte.«

»Oh, Ihnen wird das Lachen noch vergehen. Sie ahnen ja noch gar nicht, weshalb ich Sie eingeladen habe.«

»Ich kenne Sie zu gut, als dass es Atlantis sein könnte. Es geht um das goldene Buch, nicht wahr?«

»Haben Sie Geduld! Eigentlich sind Sie ja noch gar nicht hier. Wie ich Sie kenne, möchten Sie ohnehin erst einmal etwas essen gehen, habe ich recht?«

»Raus hier und eine Zigarette rauchen. Hier mag man sich ja keine anstecken, sonst geht der ganze Schuppen in Flammen auf. Aber dann essen, ja, sehr gerne!«

Während Patrick eine Packung Zigaretten aus einer Tasche fischte und sich im Saal umsah, packte Peter seine Unterlagen zusammen und vergewisserte sich, dass seine Mitarbeiter sich um die Technik kümmern würden. Dann gingen sie die Treppe hinauf zum Ausgang des Saals und verließen das Museum durch das Foyer.

Als sie zwei Stunden später vom Essen zurückkamen, war die Fassade des Gebäudes von Scheinwerfern erleuchtet.

»Ein schöner Bau«, bemerkte Patrick.

»Von außen ja, unbedingt«, bestätigte Peter. »Sie waren ja schon einmal hier. Haben Sie sich auch die Ausstellungsräume angesehen?«

»Flüchtig. Ist aber alles ein bisschen provinziell, finden Sie nicht?«

Peter seufzte. »Da haben Sie recht. Es gibt nur wenig Fördermittel, der Bestand hat seine besten Zeiten hinter sich, und nur ab und zu gastieren hier kleine Wanderausstellungen. Es ist eine Schande. Zwischenzeitlich versucht das Museum durch Diavorträge, Leseabende und andere Kulturveranstaltungen etwas mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Was hier fehlt, ist ein Mäzen.«

Peter führte den Franzosen durch einen Seitentrakt in sein Büro. Die Regale waren mit unzähligen, aber penibel sortierten Büchern bestückt, der Schreibtisch leer und aufgeräumt. Patrick nahm auf einem auffallend altmodischen Stuhl vor dem Tisch Platz und schmunzelte. »Irre ich mich, oder ist das hier immer noch derselbe?«

»Natürlich«, gab Peter zurück. »Er ist gerade mal fünfzig Jahre alt und leistet wunderbare Dienste.« Er öffnete ein Fenster und setzte sich hinter seinen Tisch, wo er eine Schublade öffnete, Utensilien hervorholte und begann, sich eine Pfeife zu stopfen.

»Ist das Rauchen hierzulande nicht auch in Büros verboten?«

»Es würde mich wundern, wenn Sie das plötzlich störte«, erwiderte der Professor verschmitzt. »Jetzt haben Sie es so lange in dem Restaurant ausgehalten, nun stecken Sie sich schon eine an. Und dann erzähle ich Ihnen, was ich herausgefunden habe.«

Aus einer weiteren Schublade holte Peter eine dicke Mappe heraus. Als er sie öffnete, kamen großformatige Fotografien der einzelnen Seiten des goldenen Buchs zutage, das Patrick in Guatemala gefunden hatte. Es folgten Papiere, in denen viele der Glyphen nachgezeichnet und offenbar übersetzt worden waren.

»Sie kennen sich mit den mesoamerikanischen Völkern einigermaßen aus, richtig?«

»Ja«, sagte Patrick, »sicher nicht so gut wie Sie, aber jedenfalls besser als mit den alten Ägyptern, wenn Sie darauf anspielen.«

»Gut. Dann muss ich ja nicht von vorn anfangen...«

»Danke.«

»... aber es schadet sicher nicht, wenn ich Ihnen die ungefähre Chronologie noch einmal vor Augen halte.«

»Hm...«, machte Patrick in einem Tonfall, der ein resigniertes »lässt sich wohl nicht verhindern« ausdrückte, und lehnte sich mit seiner Zigarette zurück.

»Wenn wir von Mesoamerika sprechen, dann meinen wir eigentlich keine geografische Region, sondern einen Kulturraum, der seine Grenzen im Lauf der Jahrhunderte stetig veränderte. In etwa ist damit das Gebiet von der südlichen Hälfte Mexikos über Guatemala und Belize bis nach Honduras gemeint. Was Sie hier gefunden haben«, er zeigte auf die Fotografien, »ist ein Artefakt der Maya. Die Maya lebten in der Yucatán-Region. Als die spanischen Eroberer im sechzehnten Jahrhundert kamen, waren nur noch wenige Reste dieser Kultur übrig. Sie hatten fast sechshundert Jahre zuvor ihre Blütezeit gehabt und ihr Reich inzwischen bis auf einige größere Städte eingebüßt. Die Herren Mesoamerikas waren inzwischen die Azteken weiter westlich, im Süden Mexikos, und Cortés unterwarf den letzten ihrer Herrscher, Montezuma, im Jahr 1520. Obwohl die Spanier in ihrem missionarischen Bemühen, alle heidnischen Bräuche und Schriften der Azteken auszurotten, viel vernichteten, überdauerten verhältnismäßig viele ihrer Überlieferungen, die in den folgenden Jahren von Historikern wieder zusammengetragen wurden. Anders bei den Maya. Von ihnen existieren neben den steinernen Stelen, die in erster Linie nur offizielle Namen oder Zeitdaten enthalten, weltweit lediglich vier andere schriftliche Zeugnisse, die sogenannten Codizes. Wir wissen also nur sehr wenig über das Selbstverständnis der Maya, ihre Gedankenwelt, ihre Kultur, ihre Geschichte oder ihre Religion. Wir können in erster Linie nur ableiten. Das Buch, das Sie gefunden haben, ist ein vollständiger Codex, doppelt so lang wie alle anderen Maya-Codizes zusammen. Es ist nicht nur materiell wertvoll, mehrere hunderttausend Euro sicherlich, sondern aus historischer Sicht unschätzbar. Es ist mehr als ein Multimillionenobjekt. Es ist einzigartig und vollkommen unbezahlbar. Ist Ihnen das eigentlich klar?«

Patrick nickte grinsend. »So in etwa, ja. Deswegen habe ich es auch nicht im Handgepäck mitgebracht, ich hoffe, Sie verzeihen mir.«

»Wo ist es?«

»In einem Banksafe.«

»Das ist gut! Denn die Geschichte geht weiter. Ich habe mich um die Übersetzung bemüht. Die vollständige Analyse und Übertragung wird sicher noch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, Jahre vielleicht. Aber schon gleich die erste Enthüllung war sensationelclass="underline" Ein legendärer Schöpfungsbericht, wie wir ihn bisher noch nicht kannten. Oder sagen wir: Nicht von den Maya. Es gibt einen faszinierenden Schöpfungsmythos der Azteken sowie eine Geschichte ihrer Herkunft. In Ihrem Buch nun sehen wir, dass dieser Mythos viel älter ist als die Azteken, dass ihn bereits die Maya kannten.«

»Es wäre aber denkbar, dass das goldene Buch viel jünger ist«, sagte Patrick. »Dass es verfasst wurde, als die Azteken bereits regierten und sich ihre Geschichten auch nach Guatemala verbreitet hatten.«

»Vollkommen richtig, ja. Aber die Schrift der Maya hat sich im Lauf der Zeit gewandelt. In Ihrem Buch werden Glyphen verwendet, die lange vor den Azteken schon nicht mehr in Gebrauch waren, die zurückweisen auf eine Zeit zu Beginn unserer Zeitrechnung.«

»Na gut, aber mal ehrlich: So richtig spannend ist das nicht, oder?«