Als Patrick sie sah, erkannte er das Symbol plötzlich.
»Ja, ganz recht«, sagte Peter, der die gehobenen Augenbrauen des Franzosen bemerkte. »Dies hier ist eine Skizze der Hauptstadt von Atlantis, wie Platon sie beschreibt. Sie ist von drei Wasserkanälen umgeben und verfügt über Straßen, die von außen direkt zur Mitte führen.«
»Sie meinen...« Patrick zögerte, es auszusprechen.
»Diese uns unverständlichen und offenbar hoch technisierten Überreste einer unbekannten und längst verschollenen Kultur, die wir gefunden haben – sowohl in Frankreich als auch in Ägypten –, trugen den Grundriss von Atlantis.«
Patrick schwieg und betrachtete das Symbol. Hier tat sich eine unerwartete und im Grunde vollkommen surreale Verbindung auf. »Aber das kann auch Zufall sein«, sagte er schließlich. »Auch wenn Atlantis niemals existiert hat, könnte jemand ein ähnliches Muster entwickelt haben.«
»Es geht noch weiter«, beharrte Peter. »Die Höhle in Frankreich war mit Inschriften übersät. Alle diese Texte gaben Schöpfungsmythen wieder. Es waren allerdings ausschließlich solche, die von einer Sintflut berichteten. Schon damals hatten wir überlegt, auf welchen Zusammenhang uns das hinweisen sollte. Plötzlich erscheint es klar: Es sollte auf einen gemeinsamen Ursprung hinweisen, einen Ursprung, der in einem Untergang seinen Anfang hatte.«
»Aber...«
»Und in Sakkara«, fuhr Peter fort. »Die beiden großen Säulen in der Halle der Aufzeichnungen! Es waren die der Legende nach von Noah nach der Sintflut gefundenen Säulen mit den Weisheiten der Welt. Wissen Sie noch? Die Freimaurerin, die keine war, erzählte uns in Notre-Dame davon.«
»Ich muss sagen«, brachte Patrick schließlich hervor und lehnte sich zurück, »das ist alles wirklich erstaunlich... Sicher, wir waren die ganze Zeit auf der Suche nach dem Ursprung einer vergangenen Kultur, die möglicherweise sogar die alten Ägypter inspiriert oder vielleicht auch unterrichtet hat. Irgendwelche Leute, die Wissensarchive hinterlassen haben, von denen wir weder wissen, wie sie funktionieren, noch, wie alt sie sind... Aber könnte es nicht sein, dass Sie jetzt selbst das betreiben, was Sie gerade erklärt haben? Sie möchten Atlantis sehen und entdecken plötzlich überall Hinweise.«
»Schon möglich. Scharf kombiniert«, gab Peter zurück und schmunzelte.
»Und zudem: Selbst wenn es stimmt, wenn das alles Hinweise sind, dann wüssten wir immer noch nicht, wo wir suchen sollten. Genauso wenig wie alle anderen.«
»Und das ist der Trugschluss!«, trumpfte nun Peter auf, und sein Lächeln wurde breiter. »Sie wissen nämlich noch nicht, was ich weiß. Was ich hier in dieser Schublade habe.« Er sah den Franzosen unverwandt an und kostete den Augenblick ganz offenbar aus.
Patrick tat ihm nicht den Gefallen nachzufragen, aber innerlich brannte er darauf, was der Professor nun herbeizaubern würde. Nach Atlantis zu suchen, war so ziemlich das Letzte, was er sich als Ingenieur, als Seifmade-Feldforscher oder besserer Schatzsucher je vorgenommen hätte. Ganz zu schweigen von einem seriösen Wissenschaftler wie Peter Lavell, der zwar unkonventionelle Gedanken und Verbindungen schätzte, der aber durch und durch Realist war und sich niemals vor der Öffentlichkeit lächerlich machen würde. Wenn Peter so hartnäckig an eine Idee glaubte, hatte er aller Erfahrung nach eine bessere Grundlage als jeder andere. Und Patrick musste zugeben, dass ihre bisherigen Untersuchungen, so unerklärlich sie gewesen waren, in diesem Licht eine merkwürdige, fast natürliche Logik entwickelten. Sein Instinkt regte sich, ein untrügliches Gefühl, dass hier etwas Großes lauerte. Seit seinem Erlebnis in der Höhle des Wissens in Südfrankreich verfolgten ihn Ahnungen und während ihres Projektes in Ägypten zuletzt sogar regelrechte Visionen, die ihm Richtungen wiesen. Und hier, in Peters Büro, mit den Worten des Professors in den Ohren und dem Blick auf dem mysteriösen Symbol, das sie so lange verfolgten hatten, regten sich mit einem Mal seine inneren Antennen.
Peter öffnete die Schublade seines Schreibtischs und holte eine weitere Mappe hervor. Mit bedächtigen Bewegungen räumte er erst die Maya-Dokumente beiseite, schob die Mappe dann Patrick entgegen und öffnete sie. In ihrem Inneren fanden sich ebenfalls Fotografien, die er nebeneinander vor dem Franzosen ausbreitete. Die Bilder zeigten antike Handschriften, im fortgeschrittenen Zustand der Auflösung begriffen, mit einer feinen Schrift in griechischen Buchstaben.
»Vor zwei Wochen«, erklärte Peter, »wurde ich zu einer Ausgrabung nach Alexandria eingeladen. Man vermutete, das Grab Alexanders des Großen gefunden zu haben. Aber der Raum, bei dessen Öffnung ich anwesend sein durfte, war kein Grab. Es war eine uralte Bibliothek voller Handschriften, rund zweitausend Jahre alt.«
Patrick nahm die Fotografien in die Hand. Die Dokumente erinnerten an die Überreste der Qumran-Rollen.
»Wissen Sie, weshalb ich nach Alexandria eingeladen wurde?«
Patrick zuckte mit den Schultern.
»Sehen Sie mal in das Regal dort drüben.«
Patrick wendete den Blick und entdeckte dort eine kleine Statuette. Er hatte sie schon einmal gesehen. Sie war altägyptischen Ursprungs und stellte den Gott Thot dar. »Ist das...«, begann er.
»Ja, sie ist es. Die Figur von Oliver Guardners Schreibtisch. Die Organisation, die die Ausgrabung in Alexandria betrieb, hatte von der SCA aus Kairo die ausdrückliche Bitte erhalten, mich einzubinden, und als ich ankam, erwartete mich dort ein Paket mit diesem Geschenk und einer Karte von Melissa!«
»Melissa? Unsere Melissa aus dem Museum?« Patrick erinnerte sich nur zu deutlich an die Rothaarige, deren scheinbar naiver Charme ihm eine Zeit lang ordentlich zugesetzt hatte. Sie waren einander nähergekommen und hatten das Projekt schließlich gemeinsam abgeschlossen.
»Ebendiese. Auf der Karte stand lediglich ›Wissen, Erkenntnis und Weisheit‹, mehr nicht. Aber es war klar, dass ich unbedingt dabei sein sollte. Ganz offenbar, weil sie wusste, was wir finden würden.«
Patrick staunte. Melissa war in Kairo geblieben. Sie hatte die Aufgabe übernommen, sich um die Hinterlassenschaft zu kümmern, die sie entdeckt hatten. Und nun wies sie aus der Ferne einen neuen Weg!
»Also sagen Sie schon«, drängte Patrick nun, der es nicht mehr aushielt. »Was haben Sie gefunden?«
Peter lachte auf. »Na endlich, da ist der Funke! Dann spanne ich Sie nicht länger auf die Folter. Ich wurde nicht nur eingeladen, ich erhielt sogar den Auftrag, die gefundenen Dokumente zu sichten. Es sind Schätze, sage ich Ihnen! Es sind gerettete oder kopierte Dokumente, Teile dessen, was vielleicht einmal die Bibliothek von Alexandria gewesen sein mochte. Und was alles übertrifft, ist das, was Sie vor sich sehen. Erinnern Sie sich, was ich über Platons Dialoge Timaios und Kritias erzählte? Sie sind unsere einzige ursprüngliche Quelle über den Mythos von Atlantis. So detailliert viele der Beschreibungen Platons auch waren, hatten sie einen maßgeblichen Schönheitsfehler: Der entscheidende Dialog, Kritias, war unvollständig! Platon berichtet, dass Zeus seine Götter versammelte, und bricht dann mit den Worten ab: ›Nachdem er sie zusammenberufen hatte, sprach er.‹