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Port Lounge, Miami International Airport

»Nette Aussicht«, meinte Patrick mit einem Cocktail an den Lippen. Die Loungebar befand sich auf der achten Ebene des Flughafens von Miami. Im Stil eines Atriums gebaut, atmete die Lounge tropisches Klima und öffnete den Blick auf den Flughafen und die Skyline von Miami. Peter saß neben ihm und trank einen Tee. Seit ihrem Treffen in Hamburg waren knapp vier Wochen vergangen, und viel war geschehen. Während Peter weiter an den Übersetzungen gearbeitet hatte, hatte Patrick sich um die Organisation einer Expedition bemüht.

Es stellte sich heraus, dass sie sich besser ein halbes Jahr Zeit genommen hätten, denn ihr Vorhaben war komplex und alles andere als günstig. Aber sie hatten sich entschlossen, das Unternehmen selbst zu finanzieren, was mit den Mitteln, die sie durch ihre beiden vergangenen Projekte zusammengetragen hatten, möglich war. Aus diesem Grund mussten sie sich nicht um Geldgeber bemühen und langwierige Verhandlungen um Projektkalkulationen und Businesspläne über sich ergehen lassen. Zugleich drängte die Zeit. Peter fürchtete, dass andere Forscher ihnen zuvorkommen würden, nachdem er die ersten Ergebnisse der Sichtung der Dokumente aus Alexandria weitergegeben hatte. Patrick wurde bei der Recherche klar, wie viel mehr Aufwand eine Expedition, wie sie sie planten, bedeutete als eine Tour in den Urwald, die er alleine bestreiten konnte. Sie brauchten ein Schiff, das für unterseeische Untersuchungen voll ausgestattet war. Sie benötigten aber nicht nur Taucherausrüstungen, sondern auch ferngesteuerte Roboter – sogenannte ROVs –, idealerweise sogar ein U-Boot, darüber hinaus eine Mannschaft, die all das bedienen konnte, und natürlich sämtliche Genehmigungen, die hierfür notwendig waren.

Es gab zahlreiche Organisationen, die man ansprechen konnte. Schiffe ließen sich einzeln chartern, ebenso wie eine Crew und das Equipment. Es gab auch einige Unternehmen, die alles gemeinsam, sozusagen als Paket anboten. Neben der Tatsache, dass diese günstiger waren, lag ein weiterer Vorteil darin, dass es erfahrene und eingespielte Teams auf den eigenen Schiffen waren, die sich um alles kümmerten, die also auch bei der logistischen Planung berieten und einem die Beschaffung von Genehmigungen abnahmen. Dummerweise waren diese Schiffe in der Regel mehr als ein Jahr im Voraus vollkommen ausgebucht von wissenschaftlichen Fakultäten, Forschungseinrichtungen, Behörden und Privatleuten. Aber genau hier hatte sich eine glückliche Fügung ergeben: Eines der Schiffe der Woods Hole Oceanographic Institution war kurzfristig frei geworden. Die Schiffe und ROVs der WHOI hatten unter anderem die untergegangene Titanic entdeckt. Es war die weltweit größte derartige Organisation mit einer Flotte von vier großen Forschungsschiffen und zahlreichen Unterseebooten. Nun war ein Kunde abgesprungen, und die Argo war frei. Sie war gerade auf einer Mission in der Karibik gewesen und würde in rund zwei Wochen zu den Kanaren aufbrechen. Zwei Wochen waren frei geworden, und Patrick hatte das Schiff für diesen Zeitraum chartern können. Es würde sie rund sechzigtausend Dollar pro Tag kosten, aber sie hatten sich entschlossen, dieses Geld zu investieren. Natürlich konnte niemand mit gesundem Menschenverstand annehmen, dass sie mit einer derart kurzen Vorbereitung und nur vierzehn Tagen Zeit das untergegangene Atlantis finden würden, die hartnäckigste und zugleich flüchtigste Legende der Welt. Aber es war eine einmalige Gelegenheit, und besonders Peter glaubte felsenfest an die Qualität ihrer Informationen und an den Erfolg des Projekts. Wie auch immer sich dieses gestaltete – allein eine Spur oder gar ein einzelnes Artefakt –, alles würde unbezahlbar sein. Es würde ihren Ruf sichern, Türen öffnen und weitere Projekte ermöglichen.

Die Argo lag im Hafen von Fort Pierce, rund zwei Stunden Autofahrt nördlich von Miami. Peter und Patrick waren am nächsten Morgen mit dem Kapitän dort verabredet, und erst am Mittag wurden die Leinen gelöst. Patrick wünschte, sie würden sich die Zeit nehmen, um in Miami einen netten Abend zu verbringen, aber der einzige Grund, weshalb sie noch hier waren und sich noch nicht zum Leihwagen aufgemacht hatten, war der, dass Peter sich hier oben verabredet hatte.

Es handelte sich um eine Fernseh-Journalistin, die von ihrem Unternehmen gehört hatte und sich nun mit ihnen treffen wollte. Patrick hatte keine Vorstellung, wie um alles in der Welt die Frau Wind von der Sache bekommen hatte. In seinen Augen machte das die Frau verdächtig, doch dies traf im Grunde auf jede andere Journalistin auch zu. Peter hatte sich mit Details zurückgehalten, wollte aber, dass sie sich unvoreingenommen anhörten, was die Frau zu sagen hatte. Erst danach wollte er mit Patrick darüber reden.

Patrick bestellte sich gerade einen zweiten Long Island Icetea, als sie angesprochen wurden. Sie drehten sich um. Vor ihnen stand eine Frau mittleren Alters, Patrick schätzte sie auf Anfang vierzig, sportlich-leger in Jeans und Sweatshirt gekleidet, die schwarzen Haaren zu einem kurzen Zopf gebunden, mit einer schwarzrandigen Brille auf der Nase und einer Laptoptasche über der Schulter.

»Professor Peter Lavell?«, fragte sie.

Peter erhob sich von seinem Barhocker und reichte der Frau die Hand. »Das bin ich, ja. Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sie müssen Kathleen Denver sein.«

»Richtig.«

»Das hier ist mein Kollege, Patrick Nevreux.«

»Sehr erfreut! Sind Sie Franzose?«

»Haarscharf kombiniert«, gab Patrick zurück.

»Wollen wir uns dort drüben hinsetzen?« Sie deutete auf eine freie Sitzgruppe.

Nachdem sie mit ihren Getränken umgezogen und der Journalistin etwas bestellt hatten, kam sie schnell zur Sache. Was besonders Patrick sehr zu schätzen wusste.

»Ich freue mich, dass Sie meiner Bitte, sich mit mir zu treffen, so schnell gefolgt sind. Kurz zu mir: Ich bin freie Journalistin und arbeite zurzeit für die FOX International Channels, die unter anderem den History Channel verantworten. Meine Serie wird in diesem Rahmen gezeigt. ›Dare to Know‹. Vielleicht haben Sie sie schon einmal gesehen...« Als sie Patricks Schulterzucken sah, lenkte sie ein. »Es ist eine Reihe, die sich mit Rätseln der Menschheitsgeschichte beschäftigt. Wir hatten da schon etwas über die Templer, etwas über das Letzte Abendmahl, über die Bundeslade... und solche Sachen.«

Ein Ober brachte ihren Drink, und sie nahmen gemeinsam einen Schluck aus ihren Gläsern, bevor sie fortfuhr. »Wie dem auch sei, wenn Sie die Reihe nicht kennen, macht das nichts.« Sie öffnete ihre Tasche und holte eine DVD heraus. »Ich habe Ihnen ein paar Folgen gebrannt, damit Sie sich ein Bild machen können. Diese Reihe läuft allerdings im Sommer aus, und ich arbeite jetzt an einem neuen Konzept. Weniger reißerisch, weniger spekulativ, weniger nachgespielte Szenen in Kostümen...

sondern mehr echte Geschichte, mehr Wissenschaft und die Berichterstattung möglichst live.«

Peter nickte nur, sagte aber nichts. So viel wusste er bereits, als sich die Frau per E-Mail bei ihm gemeldet hatte.

»Nun habe ich von Ihrem Vorhaben gehört und möchte gerne über Ihr Projekt berichten. Was halten Sie davon?«

»Was wissen Sie über unsere Pläne?«, fragte Patrick.

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie, Professor Lavell, in Alexandria einen besonderen Fund gemacht haben...« Sie nahm einen weiteren Schluck. »Nein, stimmt nicht. Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Ich war sogar dabei.«

»Sie waren dabei?!« Peter hob eine Augenbraue.

Sie lächelte. »Ja. Ich war bei Ihnen, als Sie das Grab geöffnet haben, das dann gar keines war. Ich hatte mich in das Grabungsteam eingeschlichen, nachdem ich erfahren hatte, dass man etwas gefunden hatte... Sie müssen wissen, dass ich mich für solche Sachen naturgemäß besonders interessiere... Ich wollte schon einmal eine Sendung über Alexander den Großen machen und hatte so bereits einige Kontakte und wusste von den voranschreitenden Arbeiten. Als ich nun hörte, dass es ernst wurde, habe ich kurzfristig einen Kameramann im Team abgelöst. Ich war unten und habe Sie gefilmt, wie Sie sich vielleicht erinnern.«