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Peter rief sich die Situation in Erinnerung. Er hatte die Frau mit der Kamera nicht beachtet, hatte sie für ein normales Teammitglied gehalten. Sie hatte sich tatsächlich eingeschlichen?

»Jedenfalls habe ich alles gesehen. Und ich weiß inzwischen, dass Sie einige der Texte aus der dortigen Bibliothek gesichtet und übersetzt und den vollständigen Kritias-Dialog gefunden haben.«

»Das ist ungeheuerlich!«, entfuhr es Peter. Mit einem Mal drohte ihm der sichere Boden zu entgleiten. Wenn schon die Presse davon wusste, wie war dann zu hoffen, dass sie ihre Untersuchung halbwegs ungestört durchführen konnten?

»Schätze mal, Sie nehmen es mit dem Gesetz nicht so genau?«, warf Patrick ein.

Die Journalistin hob abwehrend die Hände und rückte dann ihre Brille zurecht. »Ich bitte Sie! Ziehen Sie auf keinen Fall voreilige Schlüsse! Ich habe nicht vor, irgendetwas ohne Ihre Zustimmung – oder die des Centre d'Etudes Alexandrines – zu veröffentlichen. Sie haben mein Wort darauf! Deswegen treffe ich mich heute mit Ihnen. Es ist ein ungeheuer spannendes Feld, und Ihr Projekt ist so interessant, dass ich mit Ihnen gemeinsam eine Dokumentation daraus machen möchte.«

»Dann wissen Sie auch, weswegen wir in die Staaten gekommen sind?«, fragte Patrick misstrauisch.

»Ich weiß es natürlich nicht. Jedenfalls nicht genau. Aber ich habe erfahren, dass Sie ein Forschungsschiff aus Woods Hole gechartert haben...«

»Wie Sie das herausbekommen haben, möchte ich gar nicht wissen...«, knurrte Patrick und leerte seinen Drink.

»...und daher habe ich meine Schlüsse gezogen«, fuhr sie fort. »Es ist ja allgemein bekannt, dass Kritias sich mit Atlantis beschäftigt. Allein das ist einen Bericht wert! Und wenn Sie nun aufgrund dieses Fundes in See stechen, dann kann das nur bedeuten, dass Sie auf den Spuren des untergegangenen Kontinents sind.« Sie sah die beiden mit einer Mischung aus Eindringlichkeit und Begeisterung an.

Peter holte tief Luft. Konnte er wirklich keinen Schritt mehr tun, ohne dass es die ganze Welt erfuhr? Bei ihrem gemeinsamen Projekt in Südfrankreich, wo sie in aller Abgeschiedenheit forschen sollten, hatten sich in kürzester Zeit allerlei merkwürdige Gruppierungen an ihre Fersen geheftet. Beim Sakkara-Projekt ein Jahr später war es nicht anders gewesen; man hatte ihnen sogar die Einreise nach Ägypten verweigert, da ihnen ihr Ruf vorausgeeilt war. Und nun konnte er weder einen Fuß nach Alexandria noch nach Miami setzen, ohne dass man ihn bereits erwartete.

Noch bevor Peter etwas sagen konnte, hob die Journalistin erneut an. »Ich weiß, dass das überraschend für Sie kommt. Bestimmt wollten Sie Ihr Projekt ganz in Ruhe abwickeln, ohne Störungen von außen und ohne Publicity. Ich möchte mich auf gar keinen Fall aufdrängen, wenn Sie davon nichts wissen möchten. Ich bitte Sie nur, sich Gedanken darüber zu machen.« Sie holte eine Visitenkarte heraus, schrieb etwas darauf und überreichte sie Peter. »Sie können mich jederzeit mobil erreichen. Oder per E-Mail natürlich.«

Peter drehte die Karte in den Fingern. Gerade noch war er sich sicher gewesen, dass sie auf dem richtigen Weg waren, dass ihr Projekt erfolgreich sein würde. Und bei näherer Betrachtung mochte eine Dokumentation über sagenhafte Funde tatsächlich die beste Öffentlichkeitsarbeit sein, die er sich vorstellen konnte. Aber was, wenn sie scheiterten? Was für ein grandioses Scheitern würde das im History Channel werden? Nein, es war einfach zu früh, zu unsicher.

»Vielen Dank für Ihr Angebot, Miss Denver«, sagte er. »Es ist tatsächlich sehr verlockend, und die Vorstellung, dass das Projekt begleitet und dokumentiert würde, noch dazu in einem so angesehenen Kanal, ist schmeichelnd. Aber sicher verstehen Sie, wenn wir uns darüber erst Gedanken machen müssen und Ihnen jetzt keine Antwort geben können.«

Sie erhob sich. »Aber natürlich! Ich verstehe das vollkommen! Und ich bin auch schon wieder weg, denn ich möchte Ihnen nicht auf die Nerven gehen.« Sie lächelte beide an und reichte ihnen die Hand. »Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Professor Lavell, und Sie, Mister Nevreux. Und natürlich wäre es für mich eine große Ehre, wenn Sie mich an Ihrem Unternehmen teilhaben lassen. Über Details können wir ja sprechen, wenn Sie es sich überlegt haben! Auf Wiedersehen. Und genießen Sie Ihren Aufenthalt in Miami.« Sie schulterte ihre Laptoptasche und ging, nicht ohne sich am Ausgang noch einmal umzudrehen und zu winken.

»Reichlich aufgedreht, die Gute«, meinte Patrick nach einer Weile.

»Und was halten Sie sonst von ihr?«

»Ist nicht mein Typ.«

»Von ihrem Angebot.«

»Schon klar.« Patrick sah hinüber zu den Fenstern. »Also ich weiß nicht. Einerseits klingt es ja wie keine schlechte Idee. Aber andererseits... Ich meine, ist doch ziemlich komisch, dass sie von der Grabung in Alexandria wusste. Und unsere Expedition hat sie Ihnen auf den Kopf zugesagt.«

»Sie meinen, der Dame sei nicht zu trauen?«

Patrick zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ist ja im Grunde ihr Job, gut informiert zu sein. Aber Reporter machen mich immer etwas nervös, wissen Sie. Vielleicht liegt es daran.«

»Ich habe kurz überlegt, dass es vorteilhaft sein könnte, sie einzubinden. Immerhin arbeitet sie nicht für einen zwielichtigen Lokalsender, sondern für einen mit internationalem Format. Sie könnte mit einer Dokumentation das Ganze in einem seriösen Licht zeigen. Es wäre vielleicht ein Weg, der Kritik zu begegnen, der wir zweifellos ausgesetzt sein werden.«

»Dem Spott viel eher«, meinte Patrick. »Es ist ja schon eine reichlich fantastische Unternehmung, die wir hier planen. ›Professor Lavell ist jetzt völlig verrückt geworden‹, wird man sagen.«

»Wenn Sie auch so denken, warum machen Sie dann mit?«

»Dass Sie verrückt sind, ist mir ja nichts Neues.« Patrick grinste. »Außerdem habe ich an einem Abenteuer in der Karibik nichts auszusetzen.«

Peter seufzte. »Wir können nur hoffen, dass es nicht halb so abenteuerlich wird wie unsere bisherigen Projekte.«

»Darauf ein Toast«, gab Patrick zurück und hob sein Glas.

Morgens, im Hafen von Fort Fierce, Florida

Die Argo war mächtiger, als Patrick sie von den Fotos im Internet in Erinnerung hatte. Er wusste zwar, dass sie das größte Schiff der Flotte und als einziges für den Einsatz des Forschungs-U-Boots ausgerüstet war. Aber nun direkt davor zu stehen, war etwas ganz anderes. Die leuchtend weißen Decks erhoben sich gute fünfzehn Meter über den dunkelblauen Rumpf bis hinauf zur quer verlaufenden Brücke. Am Heck des achtzig Meter langen Schiffes ragte der massige hochgeklappte blaue Rahmen auf, mit dem das U-Boot zu Wasser gelassen werden konnte.

Ein kräftiger Mann in einer kurzen weißen Hose trat auf sie zu und streckte ihnen die behaarte Hand entgegen. »John Harris, ich bin der Kapitän der Argo. Schön, dass Sie da sind.« Dann drehte er sich halb herum und wies lächelnd auf das Schiff. »Nun sehen Sie, was Sie gekauft haben. Ich hoffe, sie gefällt Ihnen.«

»Ich bin zutiefst beeindruckt, Mister Harris«, sagte Peter und fand keine weiteren Worte, um seinem Staunen Ausdruck zu verleihen. Hier waren keine Menschen, die alte Pergamente studierten, antike Texte übersetzten oder bestenfalls Tonscherben ausgruben. Hier manifestierten sich wissenschaftliche Forschung, Entdeckergeist und Tatendrang in Überlebensgröße.

»Nennen Sie mich John. Das spart viel Atem bei unserer Arbeit. Bestimmt möchten Sie sich alles ansehen. Aber wir haben noch Zeit genug dafür, wenn es losgeht, und ehrlich gesagt sind wir jetzt mit Aufräumen, Beladen und dem Check des Equipments beschäftigt, sodass wir die Crew nur stören würden. Ihr Gepäck lassen Sie einfach hier stehen, meine Leute werden es an Bord bringen.« Er wies auf ein niedriges Gebäude. »Ich schlage vor, dass wir dort hinten einen Kaffee trinken, und dann können wir uns in Ruhe darüber unterhalten, was auf Sie – auf uns – zukommt.«