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Nun lehnte Patrick sich nach vorn, ergriff die Hand mit dem Mikrofon, zog es an sich heran und rief hinein: »Sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen, Kumpel. Sie sind hier nicht erwünscht!« Der Helfer riss sich mit schmerzverzerrter Miene die Hörer vom Kopf.

Der Journalist sah sie entrüstet an. »Wir sind extra für dieses Interview aus Miami gekommen.«

»Das interessiert uns einen Dreck«, erwiderte Patrick.

»Sie wollen also, dass wir verschwinden?«

Nun blickte Peter wieder hoch und nickte. »Ja. Unbedingt.«

»Gut. Wie Sie wollen.« Damit drehte er sich um und verließ mit seinen beiden Mitarbeitern das Lokal.

Für kurze Zeit setzte Schweigen ein, bis John das Wort ergriff. »Ich vermute, mit solchen Situationen müssen Sie in Zukunft auch weiter rechnen. Es gibt immer Leute, die auf Sensationen aus sind und sich brennend dafür interessieren, wenn ein neues Projekt ansteht.«

»Wie konnten sie davon erfahren?«

»Vermutlich über die Woods Hole Website«, sagte John. »Wie Sie wissen, müssen wir Rechenschaft über unsere Projekte ablegen. Dort können Sie sogar tagesaktuell sehen, wo sich jedes einzelne unserer Forschungsschiffe gerade befindet, jedenfalls grob. Und dann gibt es natürlich noch die Pressemeldungen und den Newsletter. Ich schätze, so hat es sich herumgesprochen.«

Peter schüttelte den Kopf. Seine Zweifel an den neuen Medien bekamen wieder neue Nahrung. Jene kritische Einstellung, die ihn lange davon abgehalten hatte, auch nur einen Computer zu benutzen, geschweige denn einen Internetzugang, und die ihn an dem Wahrheitsgehalt jeder Nachricht und der Glaubwürdigkeit jeder Quelle zweifeln ließ. Immer häufiger wurden nur mehr Informationen verbreitet, vervielfältigt und verfälscht, alles versank in einem Strom von Daten und Falschmeldungen. Und nun steckte er selbst mitten drin.

»Wenn diese Leute tatsächlich von FOX waren«, warf Patrick ein, »dann haben sie ihre Infos vielleicht von unserer Freundin gestern Abend.«

»Meinen Sie?«

»Wer weiß.«

»Ich würde Ihnen empfehlen, so etwas nicht überzubewerten«, sagte der Kapitän. »Wenn wir mit unseren Schiffen unterwegs sind, passiert das häufig. Aber wenn sich keine vernünftige Nachricht daraus machen lässt, schläft das Interesse auch schnell wieder ein.«

Peter war nicht überzeugt, mochte aber auch nicht länger darüber nachdenken. Er sah hinaus zum Schiff. »Mein Kollege Patrick hat ja die ganze Koordination mit Ihnen bisher übernommen. Er sagte mir, dass Sie einen Zwischenstopp in Nassau eingeplant haben. Was hat es damit auf sich?«

»Wir müssen leider einen Umweg fahren. Als das Projekt, das ursprünglich für diesen Zeitraum geplant war, zurückgezogen wurde, haben wir diesen Termin organisiert. Wir werden dort einige Studenten an Bord nehmen. Wir verlieren einen Tag, aber der wird Ihnen natürlich nicht in Rechnung gestellt. Auf dem Weg dorthin werden wir Ihre erste Station bei Bimini untersuchen.«

Peter nickte.

»Das Gebiet um die Bimini-Straße, die Sie sich ansehen möchten, ist nicht tief«, erklärte John. »Hier haben Sie Gelegenheit zu eigenen Tauchgängen. Der zweite Ort, draußen auf dem Atlantik, den wir am Tag nach dem Zwischenstopp auf den Bahamas erreichen werden, liegt allerdings in dreieinhalbtausend Metern Tiefe. Hier werden wir zunächst Bodenprofilscans vornehmen. Wenn wir etwas finden, das Sie interessiert, schicken wir entweder Sentry oder Jason runter, das sind zwei andere Boote. Sentry ist autonom, während sich Jason steuern lässt und über Greifarme verfügt...«

»Also ein AUV und ein ROV«, fügte Peter ein.

»Richtig. Ich sehe, Sie haben sich das Fachvokabular bereits angeeignet. Und wenn wir auf diesem Weg etwas Spannendes entdecken, können Sie dann mit Alvin II persönlich auf den Meeresboden.«

Peter warf Patrick einen etwas zögerlichen Blick zu. Ob er sich wirklich in einer kleinen Kapsel in die Schwärze der Tiefsee senken lassen würde, konnte er sich bei aller Begeisterung für die aktive Feldforschung beim besten Willen nicht vorstellen.

Kapitel 5

An Bord der Libertad, etwa fünfzig Seemeilen nordöstlich von Kuba

Nuño González stand in der Offiziersmesse der Libertad.

Es war ein Schiff der Fuerzas Armadas Revolucionarias, genauer der kubanischen Marine. Es war ursprünglich ein sowjetisches Forschungsschiff gewesen, das kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion an Kuba übergeben worden war. Schon damals war die Maschine veraltet gewesen, vom wissenschaftlichen Equipment ganz zu schweigen. Bei genauer Betrachtung hatte der Kahn vermutlich kurz vor der Ausmusterung gestanden. Aber die kubanische Marine hatte das Schiff nach besten Möglichkeiten generalüberholt. Der Rumpf war verstärkt worden, einige Aufbauten waren verschwunden und hatten einer Hubschrauberlandeplattform Platz gemacht. Mit großem Aufwand war ein neuer Dieselmotor eingesetzt, die Brücke entkernt und der Leitstand mehr oder wenig vollkommen ausgetauscht worden. Die technische Ausrüstung an Bord entsprach inzwischen zwar auch schon nicht mehr dem neuesten Stand, aber immerhin war sie nicht mehr vierzig Jahre alt. Sogar die Kajüten hatte man renoviert – jedenfalls die der Offiziere, von denen González eine belegte.

»¡Camarados!«, begann er, »Heute ist der erste Abend unserer Mission und auf diesem Schiff, der Libertad. Und eine Freiheit soll sie uns bringen! Freiheit für das, was wir hinter uns lassen, Freiheit für unsere Zukunft und Freiheit für das Gold auf dem Meeresboden!«

Die Männer der versammelten Mannschaft lachten, rissen die Arme nach oben und riefen González begeistert zu.

»Heute Abend feiern wir gemeinsam, und ab morgen kämpfen wir gemeinsam. Wir bezwingen dieses Meer, die Tiefe, und wir holen uns den Schatz!«

Wieder jubelte die Mannschaft. González hob eine Hand und gebot den Männern mit einem strengen Blick zu schweigen.

»Wenn wir von dieser Mission zurückkehren, seid ihr alle freie Männer, zum ersten Mal richtig frei. Könnt neue Autos kaufen, große Häuser bauen und euren Familien Ruhm und Reichtum bringen. Aber bis es so weit ist, gibt es zwei eiserne Gesetze an Bord der Libertad, und ich werde keine Übertretungen dulden. Zwei Gesetze, mehr nicht. Eines dieser Gesetze ist Capitán Manuel. Er ist der Herr über die Libertad.« González deutete auf den Kapitän, der breitschultrig und in Uniform neben ihm stand. »Alles hier gehört ihm, ihr seid nur seine Gäste. Seinen Anweisungen wird nicht widersprochen.«

Die Männer nickten schweigend.

»Und das andere Gesetz bin ich, der Comandante dieser Mission. Was das Schiff angeht, beuge auch ich mich dem Capitán, aber alles andere bestimme ich. Mein Wort ist das erste und das letzte. Es gibt keine Diskussionen. Wer mit diesen Regeln nicht einverstanden ist, hat jetzt die Möglichkeit, fünfzig Seemeilen an Land zu schwimmen. Morgen werden es hundert sein. Wer aber einverstanden ist, wer mit uns kämpfen und siegen will, der gehört zu unserer Familie, und der ruft nun: ›¡Viva la libertad!‹«

Die Männer stimmten energisch ein, dann sagte González: »Und dies war mein letztes Wort zum heutigen Abend! ¡Viva la fiesta!«

Wenig später war die Mannschaft mit Essen und Trinken beschäftigt. Es gab Kartoffeln, Bohnen, gebratene Lammkoteletts und ausreichend Bier und Rum. Es wurde viel gelacht, und González, der am Rand einer Tischreihe saß, ließ seine Augen über die Männer wandern. Es waren zehn gute Kerle. Die meisten kannte er persönlich. Es waren entfernte Verwandte, Freunde von Verwandten oder Verwandte von Freunden, und er hatte sich ihre Geschichten erzählen lassen, die sie alle etwas größer, kräftiger und erfahrener gemacht hatten, als sie vermutlich waren. Es war niemand unter ihnen, dem er nicht die besten Absichten unterstellen würde, der nicht den Drang hatte, alles zu geben, um erfolgreich zu sein. Es waren keine reichen Leute, die wenigsten hatten nach der Schule eine richtige Ausbildung begonnen, einige waren in der Armee gewesen und hatten sogar Tauchen gelernt, andere arbeiteten jedoch als Lastwagenfahrer, als Werftarbeiter oder Tagelöhner. Doch wichtiger als eine Ausbildung waren ihr Herz, ihre Energie und dass sie zupacken konnten. Capitán Manuel befahl selbst eine Crew von einem halben Dutzend Matrosen an Bord, die sowohl das Schiff als auch die wissenschaftliche Ausrüstung betreuten. González konnte sich also auf die Suche und die Handarbeit konzentrieren, wusste, dass die Technik in der Hand von Experten war.