Peter holte eine Zeichnung hervor und hielt sie hoch.
»Diese Skizze der Formation ist die beste bekannte Reproduktion der ›Bimini-Straße‹. Kleine sowie zum Teil mehrere Meter breite Steinquader, die in zwei parallelen Spuren liegen, formen dieses etwa fünfhundert Meter lange, J-förmige Gebilde, das auf den ersten Blick wie eine antike gepflasterte Straße wirkt.
Sie können sich vorstellen, dass es die etablierte Wissenschaft für vollkommen ausgeschlossen hält, dass es sich hierbei tatsächlich um eine von Menschenhand erbaute Straße handeln könnte. Und dass die Entdeckung vor vierzig Jahren mit Schlagzeilen wie ›Atlantis gefunden?‹ durch die Presse ging, hat der Seriosität des Fundes kaum weitergeholfen. Es hat infolgedessen kaum ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen dieses Gebiets gegeben. Theorien vermuten, dass es sich um eine Ansammlung von Ballaststeinen handelt, wie sie in der Antike verwendet wurden, oder aber um natürliche Formen, sogenannten Beach Rock, wie er an Stränden durch Sand und Kalkablagerungen entsteht. Die meisten dieser Theorien sind zwanzig und dreißig Jahre alt und genauso wenig bewiesen wie die neuesten, ebenfalls nicht wissenschaftlich anerkannten Untersuchungen, die Steinkeile und Bohrlöcher gefunden haben wollen.
Um eines klarzustellen: Die Untersuchung der ›Bimini-Straße‹ hat in meinen Augen nichts mit Atlantis zu tun. Falls sich eines Tages herausstellen sollte, dass es sich hier um eine künstliche, von Menschenhand erzeugte Konstruktion handelt, dann wird dies möglicherweise auf eine präkolumbianische Kultur verweisen, vielleicht eine, die wir noch nicht kennen. Aber lassen wir Atlantis hier aus dem Spiel.
Worum es mir heute geht: Zum ersten Mal soll eine Untersuchung durch – verzeihen Sie meine damit einhergehende Selbstbeweihräucherung – seriöse und etablierte Wissenschaftler vorgenommen werden. Durch unsere Recherchen vor Ort, unsere Proben und Aufnahmen, möchte ich ein Zeichen setzen, damit, falls wir auch selbst keine endgültigen Ergebnisse erzielen sollten, andere ernsthafte Wissenschaftler es wagen, sich diesem und ähnlichen Themen zu widmen. Es gibt zu viel unentdecktes Wissen auf der Welt, das aus bloßer Scheu und akademischen Zweifeln den Heerscharen von Pseudowissenschaftlern, Sinnsuchern und Esoterikern überlassen wird. Dem möchte ich entgegenwirken. Lassen Sie uns den eingestaubten Fakultäten zeigen, dass es auch heute noch Abenteuer in unerforschten Mysterien gibt, dass es sich lohnt, nach immer neuen Antworten zu suchen.«
Spontaner Applaus und Lachen zeigten Peter, dass er die Mannschaft erreicht hatte.
Auch John grinste. Dann hob er eine Hand, woraufhin die Laute verstummten.
»Also gut, ich denke das reicht fürs Erste. Heute noch keine Vorlesung über Atlantis, dafür ist später Zeit. Jetzt werden wir die Planung für den Vormittag durchgehen. Steve, Neil, Keith und Susan, ich habe euch für die Tauchgänge eingeteilt. Mario und Ken, ihr seid wie üblich für die Kameras zuständig. Chad, du übernimmst das Dingi. Ihr bleibt also zum Briefing hier. Die andern können ihre Arbeitsbereiche auf Vordermann bringen, soweit das noch nicht der Fall ist. Heute ist auch ein guter Tag, um die Rechner zu checken und die Unterwasser-Fahrzeuge zu polieren. Mike, wir brauchen deine Unterstützung für das LAN. Labor zwei hat meines Wissens immer noch Verbindungsprobleme.«
Die Leute standen auf und verließen den Raum. Die Taucher rückten auf die vorderen Stühle.
John griff zum oberen Ende der Tafel und zog eine Leinwand herunter. Dann drückte er einige Tasten des Laptops, woraufhin sich ein Projektor ein Stück aus der Decke senkte und eine Karte auf die Leinwand projizierte. Anhand der eingezeichneten Tiefenlinien war zu erkennen, dass es sich hierbei um ein Abbild des Meeresbodens handelte.
John wies auf einen Punkt. »Das hier ist unsere momentane Position. Die Bimini-Formation befindet sich nur eine halbe Meile von hier.« Die Karte bewegte sich ein Stück, und daran, dass sich die Tiefenlinien auseinanderzogen, war zu erkennen, dass der gewählte Ausschnitt nun vergrößert wurde. Als das Bild zum Stillstand kam, erschien als Überlagerung die Skizze der Steinanordnung.
»Dies ist die Lage der sogenannten Bimini-Straße, maßstabsgetreu eingeblendet. Wie der Professor vorhin schon erklärt hat, gibt es keine seriöseren und verifizierten Daten, das hier ist vermutlich nur eine Annäherung. Meer und Wetter sehen zwar ruhig aus, aber in zehn Metern Tiefe haben wir eine Unterströmung gemessen, es wird also ein Strömungstauchgang, und daher werden wir mit dem Dingi hierhin fahren und dort den Einstieg vornehmen.« Nun zeigten sich mehrere farbige Linien auf der Karte. »Den ersten Tauchgang unternehmen Keith und Susan. Mario, du begleitest sie und dokumentierst mit der Kamera. An dieser Stelle hier wird Chad warten und euch das zweite Set Flaschen runterlassen. Danach fährt er zum Ende der Straße, um euch in diesem Gebiet wieder an Bord zu holen.«
Die Angesprochenen nickten. Patrick sah zur Seite und musterte sie. Besonders an Susan blieb sein Blick hängen. Sie war sehr jung und sah gar nicht sonderlich sportlich aus. Vielleicht lag es an ihrem übergroßen Pullover. Er hätte sie auf der Straße spontan für eine Verkäuferin im Bio-Laden gehalten. Er legte den Kopf schief. Wie leicht es immer wieder fiel, Menschen nach dem Äußeren zu beurteilen. Dabei verstand sie vermutlich ihr Handwerk, sonst hätte der Kapitän sie nicht ausgewählt. Susan bemerkte, dass der Franzose sie taxierte, und nickte ihm zu. Offenbar hatte er keinen allzu geringschätzigen Gesichtsausdruck gehabt, oder sie ließ es sich nicht anmerken. Patrick nahm sich vor, sich mehr zurückzuhalten. Vor einigen Jahren war es ihm vollkommen egal gewesen, was andere von ihm dachten, und in seiner Meinung hatte er sich stets alle Bewertungen erlaubt. Noch immer brach es manchmal aus ihm heraus, wie bei diesem vorlauten Journalisten. Aber in den letzten Jahren hatte er sich verändert, nicht zuletzt durch die Projekte mit dem Professor. Nachdem er sich zunehmend mit Fragen nach den Ursprüngen des Seins beschäftigt hatte, nach dem Sinn des Daseins, hatte er auch einen anderen Blick auf die kleinen Dinge bekommen. Er schmunzelte über sich selbst und fragte sich, ob es wirklich nur mit seinem Erlebnis in der Höhle damals in Südfrankreich zusammenhing.
Und nun suchte Peter Atlantis. Eine wahnwitzige Idee. Der Professor hatte ihm in Hamburg eine Kopie von Platons Dialog gegeben, und in den folgenden Wochen hatten sie das Projekt geplant. Patrick hatte dies alles unter der Prämisse getan, es sei ein reguläres archäologisches Projekt, das sich auf geschichtliche Fakten berief. Tatsächlich war dem natürlich nicht so, und obwohl auch Patrick schon so abenteuerlich scheinende Projekte wie die Suche nach Eldorado angezettelt hatte, war Atlantis eine völlig andere Größenordnung. Ein Unternehmen, das selbst ihm, dem risikofreudigen Abenteurer, schlicht lächerlich vorkommen musste. Dennoch... Etwas war da. Er spürte es wie eine tief vergrabene Erinnerung, wie ein Wort, das einem auf der Zunge lag. Er suchte keine wissenschaftliche Anerkennung, die Peter zum Ende seiner Karriere wichtig geworden zu sein schien, Patrick suchte auch keine Schätze, vermutete nicht einmal, etwas anderes als höchstens alte Steine zu finden. Patrick wusste nicht, auf was sie stoßen würden, aber er spürte, dass sie sich etwas Großem näherten. Vielleicht war es kein Gegenstand, kein Fund, vielleicht war es etwas Virtuelles, ein Ereignis, eine Erkenntnis. Er musste plötzlich an Melissa denken, die er in Ägypten kennengelernt hatte. Sie war der Ansicht gewesen, dass er eine Art Sehergabe besaß, was auch immer man sich unter solchem esoterischen Quatsch vorstellen sollte. Vielleicht nicht mehr als ein besonders gutes Gedächtnis, eine außergewöhnliche Auffassungsgabe oder einen herausragenden Instinkt. In jedem Fall ahnte er aber, was sie gemeint hatte. Patrick zuckte mit den Schultern. Melissa hatte ihm und dem Professor in ihrem Abschiedsbrief ein Leben in interessanten Zeiten gewünscht... und nichts anderes geschah gerade.