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Er sah auf sein Finimeter. Fast ein Drittel seiner Luft war verbraucht. Er musste sich bemühen, weniger hektisch zu atmen, wenn er mit den Profis mithalten wollte.

Sie wandten sich wieder der Untersuchung der Formation zu und schwammen langsam weiter.

Nun kamen sie in einen Bereich, in dem die Struktur viel deutlicher als zuvor eine gerade Strecke bildete, die einer Straße aus übergroßen Pflastersteinen glich. Hier erhoben sich die Steine auch weiter aus dem Boden. Dabei wurde deutlich, dass es sich nicht um eine schlichte Fläche handelte. Vielmehr lagen die Steine übereinander, und nur die oberste Schicht war zu sehen. Es wirkte wie der abgeflachte Kamm eines Damms oder einer Mole, die fast vollständig unter einer unbekannten Menge Sand begraben lag.

Patrick richtete sich im Wasser etwas auf und fächerte mit einer Flosse Sand beiseite, der von der Strömung fortgetragen wurde. Dann senkte er sich wieder, hielt sich an den Steinen fest und kratzte die Verkrustung an der Nahtstelle zweier Steine frei. Sie wurde zu einer feinen, ebenmäßigen Linie, ganz anders, als lägen diese Seiten zufällig aufeinander, sondern so, als habe man sie bewusst so platziert, ähnlich wie in den Tempelanlagen der Maya. Es war nur eine Kleinigkeit, aber es war ein deutlicher Hinweis darauf, dass dies keine natürliche Aufhäufung war.

Er sah auf und suchte Mario, überlegte, ob es sinnvoll war, dass er diese Naht filmte. Aber der Kameramann war nicht in der Nähe. Egal, dachte er, sicher würden sich noch weitere solche Stellen finden lassen. Er stieß sich ab und schwamm langsam weiter.

Die Steine boten nach einer Weile nur noch ein mehr oder weniger gleichförmiges Bild. Wiederholt ging einer der Taucher näher heran und prüfte etwas, nur um kurz darauf wieder davon abzulassen. Patrick schaute erneut auf sein Finimeter. Es zeigte neunzig Bar an. Er wusste nicht, wie weit er vom Ausstieg auf halber Strecke entfernt war, und näherte sich Susan. Er stieß sie an, wies sie auf seine verbleibende Luftmenge hin und machte das Zeichen zum Auftauchen. Gestikulierend beantwortete sie seine Frage: Auftauchen bei fünfzig Bar, weiter schwimmen. Patrick bestätigte. Fünfzig Bar war verdammt wenig. Aber wenn sie sich dann bereits direkt unter dem Dingi befanden, war der Aufstieg eine Sache von wenigen Minuten.

Er stockte, als ihm direkt unter sich eine dunkle Stelle im Stein auffiel. Mit dem Messer entfernte er eine Schicht aus dünnen Algen und Seepocken. Es war ein quadratisches Loch von sechs oder sieben Zentimetern Seitenlänge. Er fächerte mit dem Handschuh Sand heraus, dann stocherte er mit der Klinge darin herum. Das Messer versank fast bis zum Heft. Das war mit Sicherheit nicht natürlich entstanden. Jemand hatte dieses Loch in den Stein gearbeitet, vielleicht, um einen Balken oder einen Riegel aufzunehmen. Endlich ein eindeutig verwertbarer Hinweis!

Patrick griff hinter sich und klopfte mit dem Griff des Messers an seine Flasche. Die Taucher und Mario hörten das Klacken und kamen schnell herbei.

Der Kameramann brachte sich in Stellung und dokumentierte den Fund. Keith klopfte Patrick auf die Schulter, beglückwünschte ihn und wies dann zur Seite. Einen Meter entfernt befand sich noch eine quadratische Vertiefung! Sie war in einer geraden Linie mit der ersten angeordnet. Der Stein selbst unterschied sich in seiner Größe und Beschaffenheit nicht von den anderen, die ihn umgaben, vermutlich war er also ebenso alt. Dennoch war es nun notwendig, von diesem Stein eine Probe an Bord zu nehmen und diese mit einer weiteren aus einem tiefer liegenden Stein zu vergleichen.

Patrick deutete den Plan an. Daraufhin holte Keith einen Meißel und einen Hammer aus seiner Gürteltasche und begann, ein faustgroßes Stück von der Kante des Steins abzuschlagen. Danach gruben sie die Ecke eines anderen Steins frei, der nur zu einem kleinen Stück aus dem Sand herausragte. Auch hiervon brach Keith einen Brocken ab.

Patrick prüfte den Druck seiner Flasche. Die Nadel lang am Rand des roten Bereichs: Fünfzig Bar! Er ballte seine rechte Hand zu einer Faust, wies dann auf sich und schließlich mit dem ausgestreckten Daumen nach oben, das Zeichen, dass er auftauchen wollte.

Er stieg auf, doch schon nach wenigen Metern spürte er ein Ziehen in seinen Ohren. Beim Abtauchen in größere Tiefen nahm der Druck zu und die Trommelfelle wölbten sich schmerzhaft nach innen. Dem konnte man entgegenwirken, indem man sich die Nase zuhielt und dagegen pustete. Beim langsamen Aufsteigen hingegen glich sich der Druck üblicherweise von alleine aus. Doch etwas blockierte Patricks Ohren. Er stieg versuchsweise einen weiteren Meter auf, doch das Stechen in seinem Ohr nahm so sehr zu, dass er sich sofort wieder absinken ließ.

Susan beobachtete ihn. Okay?, fragte sie mit einem Zeichen. Patrick machte eine wackelnde Bewegung mit der flachen Hand und wies dann auf seine Ohren. Druckausgleichprobleme!

Susan kam näher, hielt sich an seinem Arm fest, sodass sie auf gleicher Höhe schwebten. Sie bat ihn, Kaubewegungen zu machen und dann noch einmal durch die geschlossene Nase zu blasen. Patrick folgte ihren Anweisungen. Sie griff nach seinem Finimeter, prüfte den Druck und gab ihm zu verstehen, dass er ganz ruhig bleiben, wiederholt versuchen solle, ein Stück nach oben zu schwimmen und bei Bedarf wieder herunterzukommen.

Wieder versuchte er einen Aufstieg, aber erneut wurde das Stechen in seinen Ohren zu stark, sodass er nach wenigen Metern aufgeben musste.

Er befand sich nur knappe zehn Meter unter der Meeresoberfläche, aber er konnte sie nicht erreichen! Es war zum Verrücktwerden. Und bei aller Anstrengung und Aufregung verbrauchte er viel mehr Luft als normal. In zehn Minuten musste er oben sein, sonst würde er hier unten ersticken.

Er mahnte sich, sein Atmen zu beruhigen. Panik war der schlimmste Feind des Tauchers. Er ließ sich auf den Boden sinken, setzte sich und konzentrierte sich ganz auf das sanfte Schaukeln der Strömung. Zwei Minuten später versuchte er es erneut, aber die Schmerzen ließen nicht nach. Er konnte unmöglich auftauchen, ohne dass seine Trommelfelle reißen würden – aber er konnte auch nicht viel länger unten blieben!

Er beobachtete, dass sich Susan mit Keith austauschte, woraufhin der junge Taucher nach oben verschwand.

Es fiel Patrick schwer, die Ruhe zu bewahren. Seine Druckanzeige war tief im roten Bereich. Susan blieb bei ihm, streckte ihm ihr Finimeter entgegen, sodass er ihre Restluft ablesen konnte. Patrick war wenig verwundert: Sie hatte ihre Flasche gerade bis zur Hälfte geleert. Das war der Unterschied zwischen einem Profi und ihm. Er fluchte innerlich. Dieses Mal hatte er sich ganz offenbar zu viel zugemutet. Sie legte eine Hand auf seine Schulter, strich ihm mit der anderen Hand über die Wange und machte eine beschwichtigende Handbewegung. Sie wies auf den Zweitautomaten, der an einer Schlaufe ihrer Weste steckte und deutete damit an, dass sie ihm Luft geben konnte, wenn es knapp werden würde.

Sie setzten sich gemeinsam auf den Boden. Er zwang sich, langsam zu atmen. Seine Ohren nahmen ihm das häufige Auf und Ab übel und pochten dumpf.

Nur noch zwanzig Bar.

Ein Taucher ohne Luft! Was für eine Ironie, dachte er. Die meisten Tauchunfälle geschahen tatsächlich an der Oberfläche durch Unachtsamkeit. Auf die Luft unter Wasser zu achten, war hingegen so selbstverständlich und sicher, wie man beim Autofahren auf den Tank achtete. Er hatte nur ein einziges Mal keine Luft in der Flache gehabt: Sein Tauchlehrer hatte ihm nach Ankündigung das Ventil in fünf Metern Tiefe für einen Moment zugedreht, um ihn spüren zu lassen, was passiert, wenn die letzten Kubikzentimeter verbraucht sind. Es waren die längsten Sekunden unter Wasser gewesen, die er je erlebt hatte, und er hatte nicht das geringste Interesse, diese Erfahrung zu wiederholen.