Susan fragte, ob er es noch einmal versuchen wollte. Er lehnte ab. Es hatte noch keinen Zweck, er spürte es.
Er sah hinauf. Ein Dutzend Meter. So nah! Früher hätte er allein mit einem Schnorchel so tief tauchen können. Nun, die Hälfte vielleicht, korrigierte er sich. Aber dennoch.
Über sich entdeckte er das Dingi, das gerade herankam. Keiths Umriss war an der Wasseroberfläche zu sehen. Er kletterte an Bord. Wenige Augenblick später fiel er wieder ins Wasser und kam schnell tiefer. Er transportierte etwas. Eine Druckluftflasche!
Patrick stöhnte erleichtert auf und sandte damit einen großen Schwall Luftblasen durch sein Mundstück. Eine Ersatzflasche, natürlich! Er war überhaupt nicht darauf gekommen, und Susan hatte das einzig Richtige getan.
Keith kam heran und stellte die Flasche vor Patrick in den Sand. Okay? Patrick bestätigte. Jetzt ja.
Susan legte Patricks Hände auf ihre Schultern und machte ihm so klar, dass er sich an ihr festhalten solle. Dann reichte sie ihm ihren Zweitautomat, sodass sie gemeinsam aus ihrer Flasche atmeten. Keith kam von hinten heran und löste mit langsamen Bewegungen Patricks Jackett. Er stellt es auf den Boden und löste die leere Flasche mitsamt der ersten Stufe heraus. Mit sicheren Griffen befestigte er die neue Flasche, schnallte sie fest und half Patrick dabei, die Weste wieder überzuziehen. Er zog alle Gurte fest, überprüfte den Sitz und gab dem Franzosen schließlich das Okay-Zeichen.
Patrick angelte nach dem Atemregler und nahm kurz darauf den ersten Zug aus seiner neuen Flasche.
Zweihundert Bar – jetzt hatte er wieder Zeit!
Es dauerte weitere zwanzig Minuten, bis Patrick den Aufstieg schließlich schaffte. Als er die Wasseroberfläche durchbrach, füllte er seine Tarierweste vollständig auf, sodass sie ihn wie eine Schwimmweste trug. Dann spuckte er das Mundstück aus und riss sich die Maske vom Gesicht.
Frische Luft!
»Zusammenfassend lässt sich wohl sagen, dass Ihr Tauchgang keine gute Idee war«, sagte Peter. Sie saßen im Mannschaftsraum zur Nachbesprechung und hatten den Ablauf des Tauchgangs analysiert.
»Ja, ja, schon gut«, gab Patrick zurück.
»Eine Umkehrblockade. So was kann man nicht vorhersehen«, erklärte Susan. »Vielleicht bekommt er eine Erkältung.«
»Das mag ja sein«, sagte Peter, »und wenn das einem professionellen Taucher passiert, ist das – mit Verlaub – Berufsrisiko. Aber ich halte es für leichtsinnig und überflüssig, wenn wir selbst uns in solche Gefahr begeben.«
Patrick nickte stumm. Er ärgerte sich über sich selbst. Weniger darüber, das Peter ihn zurechtwies, sondern dass er an körperliche Grenzen gestoßen war. Sicher, er war nicht mehr Mitte zwanzig, aber gerade Tauchen war nun nicht gerade ein Sport, der ein Höchstmaß an Kondition verlangte. Dass es ausgerechnet Susan gewesen war, die ihm beigestanden hatte, stellte wohl eine kleine Lektion in Sachen Demut für ihn dar. Unwillkürlich musste er lächeln. Eine andere Perspektive, und aus dem Ärger wurde eine Erkenntnis.
»Wir haben die Gesteinsbrocken zur Untersuchung weitergegeben«, warf nun John ein. »Wir haben einen Geologen an Bord, der die Stücke bestimmen wird. Wir sollten uns nun vor dem Essen noch die Aufnahmen ansehen.«
Mario hantierte bereits an seiner Kamera, die er an den Fernseher angeschlossen hatte. Kurz darauf erschienen die ersten Bilder.
Peter beobachtete die Strukturen. Ihm wurde deutlich, weswegen die Formation solch zwiespältige Ansichten hervorrief. So offensichtlich gradlinig die Anordnung der Steine auch war, so wenig eindeutig war ihr Zweck. Natürlich war es sinnlos, ein Stück Straße auf dem Meeresboden zu vermuten, das nirgendwoher kam und nirgendwohin führte. Und wie könnte dies der Kamm eines alten Deichs, einer Mole oder einer Kaimauer sein, wenn doch rundherum nichts als Sandboden und Wasser zu finden war? Dennoch: Wenn der Meeresspiegel tatsächlich in den letzten Jahrtausenden gestiegen war, konnten Wasser und Sand nun theoretisch eine größere Anlage bedecken.
Schließlich zeigte der Film die rechteckigen Löcher, die Patrick entdeckt hatte, und Peter lehnte sich ein Stück nach vorn. Das war es! Vermeintliche Bohrlöcher, von denen auch frühere Untersuchungen berichtet hatten. Der Unterschied war nur, dass sie jetzt die Möglichkeit hatten, sie wissenschaftlich zu dokumentieren, und einen Ruf, durch den man ihre Publikationen ernst nehmen würde.
»Das hatte ich gehofft«, sagte er. »Wie viele dieser Löcher haben Sie gefunden?«
»Nur diese zwei«, erklärte Patrick. »Dann mussten wir den Tauchgang abbrechen.«
»Wenn Sie möchten, können wir uns heute Nachmittag auf diese Löcher konzentrieren«, sagte Keith. »Wir könnten sowohl diese hier präzise vermessen, als auch nach weiteren Ausschau halten und sehen, ob sie sich dazu in Beziehung setzen lassen.«
»Ja, das wäre sehr gut«, sagte Peter. »Wie schon gesagt, die Bimini-Straße ist nicht der Hauptzweck unseres Projekts. Eine vollständige Erforschung ist also ohnehin nicht möglich. Daher sollten wir uns auf diese Merkmale konzentrieren. Wenn uns noch dazu eine Alters- oder Herkunftsbestimmung der Gesteine möglich ist, haben wir das Interimsziel erreicht.«
»Wenn es sich nicht um ein Sediment handelt«, sagte Patrick, »und es sah mir nicht danach aus, wird es mit der Altersbestimmung schwer.«
»Lassen wir unserem Geoteam ein bisschen Zeit«, sagte der Kapitän und stand auf. »In einer halben Stunde gibt es Mittagessen, vielleicht haben wir bis dahin erste Ergebnisse. Keith, Susan, Mario, danke für die gute Arbeit.«
»Susan!« Patrick war der Taucherin auf das erste Unterdeck gefolgt.
Sie drehte sich um. »Patrick, was kann ich für Sie tun?«
Er streckte ihr seine Hand entgegen. »Ich wollte mich für deine Hilfe bedanken.«
Sie ergriff seine Hand und grinste. »Okay, dann mal los.«
Patrick erwiderte ihr Lächeln. »Danke!«
»Kein Problem. Du solltest in der nächsten Zeit aber nicht mehr tauchen. Kurier dich erst aus, da ist vielleicht etwas im Anmarsch.«
»Ich habe dich unterschätzt. Das wollte ich noch sagen. Ihr macht eine tolle Arbeit hier an Bord.«
Sie winkte ab. »Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Was ist eigentlich dein Fachgebiet? Tauchen offenbar nicht.«
»John hat es ja schon gesagt: Ich bin Ingenieur. Ich habe viel mit Feldforschung zu tun gehabt und mich mit allen möglichen technischen Geräten beschäftigt, die man dafür braucht. Also Forschungsroboter, Sonden, Computer und solche Sachen.«
»Wie ein Computerfreak siehst du aber nicht aus.«
»Nein, bin ich auch nicht. Aber ich weiß in etwa, wie das alles funktioniert, und kenne zur Not Leute, die bei den Details helfen können. Peter ist ein Typ, der hauptsächlich am Schreibtisch sitzt und seine Nase in Bücher steckt, aber ich halte mich lieber draußen auf.«
»Hast du dir schon die ROVs hier an Bord angesehen?«
»Nein.«
»Möchtest du?«
»Gerne.«
»Warte hier.« Sie deutete auf ihre Kabinentür. »Ich ziehe mich nur schnell um und führe dich gleich mal herum.«
Wenige Minuten später waren sie auf dem Weg zum Oberdeck.
»Wir haben drei verschiedene Geräte an Bord«, erklärte Susan, »die alle vom Heck aus ins Wasser gelassen werden. Deswegen sind sie dort auch untergebracht.«
»Sentry, Jason und Alvin II.«
»Ja, genau. Ich schätze, du hast dir die Spezifikationen schon in den Unterlagen angesehen, die ihr bei der Organisation des Projekts bekommen habt. Ist im Wesentlichen auch keine Zauberei. Was dich aber sicher interessiert, ist unser neues U-Boot! Hat John euch schon davon erzählt?«