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»Ich weiß nicht, was du meinst«, gab sie zurück.

»Der Spruch am Ende: »...werden wir wohl niemals erfahren... Wie oft haben wir schon darüber gesprochen? Die Sendung soll keine Rätsel verkaufen, wir wollen unsere Zuschauer informieren! Information ist die Beseitigung jeder Unsicherheit beim Zuschauer. Informieren heißt nicht: sie verwirren. Hier soll es um Fakten gehen, um Wissen. Die Sendung heißt ›Wage zu wissen‹ und nicht ›Wage zu raten‹. Das ist nicht ›PSI Factor‹, okay?«

»Himmel, Rob, nun bleib auf dem Boden! Du weißt genauso gut wie ich, dass wir auch nicht einfach Behauptungen aufstellen können! Wer erzählt mir denn immer, der History Channel hätte einen Ruf zu verlieren?«

»Um den Ruf geht es, meine Liebe.« Rob tippte eine Abfrage in seinen Computer und drehte im Anschluss den Flachbildschirm, sodass sie von beiden Seiten des Schreibtischs daraufsehen konnten. »Mit einer Geschichte über das Abendmahl von Leonardo da Vinci können wir heute keine Maus mehr hinter dem Ofen hervorholen. Das hätte vor drei oder vier Jahren laufen müssen. Oder hier: Die Blutlinie von Jesus Christus, noch so ein Staubfänger. Und was haben wir sonst noch: Das Grabtuch von Turin, Freimaurer in Washington, Opus Dei...

Was gibt's sonst noch Neues? Ach ja, die Wikinger haben Amerika entdeckt, und die Geschichte der Sintflut stammt vom Gilgomasch-Epos ab...«

»Gilgamesch«, warf Kathleen halbherzig ein.

»Dann eben Gilgamesch, ist doch auch völlig egal. Die Sache ist die: Warum interessiert mich kein einziges dieser Themen? Na, eine Idee?«

Kathleen verdrehte die Augen. Sie hasste es, wenn er sich so aufführte.

»Ich werde es dir sagen«, fuhr Rob fort. »Es interessiert nicht, weil es schon tausendmal gelaufen ist, deswegen! Und das geht nicht nur mir so!« Wieder tippte er etwas ein, und die Anzeige auf dem Bildschirm zeigte ein mehrfarbiges Säulendiagramm. »Deine Quote ist schon wieder um zwei Prozent gesunken, du bist im freien Fall. Und dafür bist du mir ehrlich gesagt zu teuer.«

Na klar, daher weht der Wind, dachte sie und nickte innerlich. Dabei war er es gewesen, mit dem sie Anfang des letzten Jahres die Themenplanung durchgesprochen hatte. Aber natürlich war es völlig sinnlos, darüber mit ihm zu diskutieren. Die Mühe, recht zu behalten, würde nirgendwohin führen. Letzten Endes bezahlte er ihre Arbeit, und dass die Quote sank, daran war auch nicht zu rütteln. Im Grunde war es ihr egal, da sie nur an der Ausstrahlung und nicht an den Einschaltquoten verdiente, aber Rob wollte den Preis für die nächsten Projekte drücken. Sie hatte das erwartet und war vorbereitet.

»Ich werde dir auch keine neuen Folgen mehr anbieten«, antwortete sie.

Rob horchte auf. »Wie meinst du das? Willst du aufhören?«

»Du hast doch noch zwei«, sagte sie. »Dann kommt die Sommerpause, und bis dahin...« Sie ließ den Satz unbeendet.

»Ja...?«

»Bis dahin habe ich etwas anderes.«

»Etwas anderes? Willst du an einen anderen Sender verkaufen?«

Sie lächelte. Es gefiel ihr, ihn nervös zu machen. Rob zeigte es nicht deutlich, aber sie kannte ihn gut genug. Er konnte nicht auf sie verzichten, jedenfalls nicht so schnell und nicht in ihrem Preissegment. Doch sie hatte auch gar nicht vor, ihn hängen zu lassen. Er war ein verlässlicher Abnehmer.

»Nein, das nicht«, sagte sie schließlich, »aber ich arbeite an einem neuen Konzept. Bis zum Sommer habe ich die ersten Folgen fertig.«

»Ein neues Konzept, aha. Fragt sich, wer dir das abnehmen soll.«

»Du, wer sonst?« Kathleen lächelte ihn an und wusste, welchen Effekt das auf ihn hatte. Vor zwei Jahren waren sie sich auf einer Weihnachtsfeier nähergekommen, und Rob, der fast zehn Jahre jünger war als sie, hatte ihr gestanden, dass er seit geraumer Zeit ein Auge auf sie geworfen hatte. Das kam aus keiner weinseligen Laune heraus, tatsächlich hatte sie das auch schon länger vermutet, und am Ende des Abends waren sie in seinem Apartment und in seinem Bett gelandet. Für sie war es nicht mehr als ein Abenteuer gewesen, und am Morgen danach hatte sie ihm behutsam, aber bestimmt erklärt, dass sie es bei dieser Nacht belassen sollten. Er hatte die Kröte tapfer geschluckt, und seitdem konnten sie tatsächlich weiterhin gut zusammenarbeiten. Aber sie waren beide Single geblieben, und sie wusste, dass er sich noch immer Hoffnungen machte. In Augenblicken wie dem heutigen nutzte sie seine Schwäche gerne aus.

»Ich?«, gab er zurück und lächelte ebenfalls.

»Aber ja«, antwortete sie sanft. »Oder dachtest du, ich würde nicht ständig an dich denken?«

»Vermutlich hauptsächlich an mein Geld.«

»Rob, also wirklich! Denkst du etwa so von mir?«

»Kathleen, meine Liebe, du weißt, dass ich selbst dir keine Katze im Sack abkaufe.«

»Du meinst, ich müsste dir ein bisschen mehr bieten?«

»Ich weiß ganz gut, was du zu bieten hast...« Er machte dabei einen vielsagenden Gesichtsausdruck, und sie erwiderte ihn offenherzig. »Aber ich weiß auch«, fuhr er fort, »dass du nur eine Sendung meinst.«

»Nur eine Sendung?«, gab sie mit gespielter Entrüstung zurück. »Wenn das so ist, dann muss ich sie ja vielleicht doch CBS anbieten.«

Rob lachte auf. »Ist ja schon gut. Also zeig her!«

Sie grinste und reichte ihm eine Mappe über den Tisch. Er schlug die Unterlagen auf und studierte sie einen Augenblick.

»Eine neue Entdeckung?«, fragte er, ohne den Blick zu heben. »Weiß jemand davon?«

Kathleen stand auf und beugte sich über den Schreibtisch. »Nein«, sagte sie. »Ich habe es von einem Informanten. Es ist absolut aktuell, die Presse weiß noch nichts davon. Bis der Boulevard Staub aufwirbelt, habe ich schon eine ganze Reportage zusammengestellt! Dann haben wir die Nase wieder vorn!«

Rob sah auf. »Und wie kommt es, dass das Ganze so günstig sein soll?«

»Ich dachte mir, wir ändern den Deal. Du beteiligst dich an den Spesen, und die Senderechte halbieren wir.« Sie deutete auf eine andere Seite der Unterlagen. »Dafür will ich eine gestaffelte Prämie, die sich an den Einschaltquoten orientiert.«

Rob gab einige Zahlen in den Rechner ein. »Nach dem Stand der letzten Folge machst du damit Verlust.«

»Ich weiß«, gab sie zurück. »Aber diese neue Reihe wird einschlagen wie eine Bombe.«

»Du scheinst dir sehr sicher zu sein.«

»Ja, absolut!«

Rob sah sie eine Weile an. Dann nickte er. »Ist gut, einverstanden. Ich gebe es an die Rechtsabteilung weiter, die können die Details prüfen.« Er reichte ihre eine Hand über den Tisch.

Sie ergriff seine Hand, zog ihn ein Stück vor und küsste ihn auf die Wange. »Danke, Rob, du bist ein Schatz!« Dann verließ sie das Büro, erfreut, ihr Ziel erreicht zu haben, und ließ den seufzenden Mann zurück.

Atlantik, etwa achtzig Seemeilen nördlich von Great Abaco Island, Bahamas

González starrte ungläubig auf das leuchtende Meer. Vor seinen Augen begann es zu strahlen, als befände sich eine stetig größer werdende Lichtquelle unter Wasser. Etwas, das an die Oberfläche strebte. Blasen durchbrachen die Wellen und zerplatzten zu weißem Schaum. Der ganze Bereich unmittelbar um das Heck der Juanita herum begann zu brodeln.

Ein heftiger Schlag ließ das Schiff erbeben und schleuderte González beiseite. Er prallte gegen eine Luke und versuchte, sich mit seinen klammen Fingern daran festzuhalten. Unter sich spürte er, wie der Rumpf der Juanita knirschte. Dann schlugen erneut Wellen über das Deck, und das Schiff neigte sich zur Seite.

Alarmiert rappelte er sich auf und taumelte zurück zur Brücke. Die Tür war aufgerissen und schlug in ihren Angeln. Er stürmte hindurch. »Raul! Weg hier, volle Kraft!«