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Peter sah seinen Kollegen überrascht an. »Ich habe Sie nicht so anti-amerikanisch in Erinnerung. Ich kann mir vorstellen, dass man hierzulande ähnlich harte Worte auch über die Grande Nation findet.«

»Das hat man schon. Und ich will Frankreich überhaupt nicht verteidigen. Trotzdem kann es mir wohl erlaubt sein, mich aufzuregen.«

»Vermutlich brauchen Sie erst mal einen anständigen Kaffee. Sie werden schon sehen, dann wird alles gut.« Peter lachte.

Patrick erwiderte sein Lachen. »Sie haben ja recht... Dort, sehen Sie das dort drüben?« Er deutete auf einen gewaltigen orangefarbenen Gebäudekomplex, der sich wie eine übergroße futuristische Burg mit aberwitzigen Turmspitzen in einiger Entfernung erhob. »Das ist das Atlantis, das wohl spektakulärste Hotel in der Karibik.«

»Hotel? Das ist eine Stadt!«

»Das kann man wohl sagen. Und genau dort werden wir jetzt hingehen und etwas essen!«

Patrick suchte einen Taxistand, und kurze Zeit später waren sie auf dem Weg. Der Fahrer brachte sie zunächst in die entgegengesetzte Richtung, fuhr eine Schleife und steuerte dann auf einen breiten Highway zu, der direkt auf das Atlantis zuführte.

Die Straße stieg an, bis sie zu einer Brücke geworden war, die in zwanzig Metern Höhe über das Wasser führte. Nun war zu erkennen, dass die Argo zusammen mit einem halben Dutzend anderer ähnlich großer Schiffe auf einer künstlichen Insel festgemacht hatte, die in einem Meeresarm zwischen Nassau und jener Insel lag, auf der sich das extravagante Hotel befand und die Paradise Island hieß, wie der Fahrer erklärte.

Das türkisblaue Wasser, die weißen Segelboote und Yachten sowie die Palmen und pastellbunten Häuser am Ufer machten Peter deutlich, wie sehr sich die Welt hier von der unterschied, die er gewohnt war. Er fühlte sich wie auf einem anderen Planeten und stellte sich vor, wie es sein mochte, hier Urlaub zu machen.

Während Patrick sie kurz darauf auf der Suche nach einem Restaurant durch die Anlage lotste, hatte Peter Schwierigkeiten, die exotischen Eindrücke aufzunehmen. Ein Überborden von Farben und Formen, von Angeboten zum Amüsement und Glücksversprechungen. Fun und Action auf allen Seiten, und Hunderte, Tausende bunt gekleidete Menschen, Lachen, Kreischen, laufende Kinder, Fotoapparate, Videokameras. Sie bewegten sich wie durch einen Ameisenhaufen.

Peter sank ein Stück in seinem Sessel zusammen, als sie sich endlich für eines der zahlreichen Cafés entschieden und je ein Continental Breakfast bestellt hatten.

»Die Welt ist offenbar groß genug«, sagte er schließlich, »um neben Kriegen, Armut, Hungersnöten und Überbevölkerung auch solche Orte zu bieten.«

»Werden Sie jetzt pathetisch?«

Peter sah in eine unbestimmte Ferne. »Nein. Aber wissen Sie, manchmal denke ich... Ach, lassen Sie's gut sein. Es ist nicht wichtig, was ich denke.«

»Nun spucken Sie's schon aus.«

Peter antwortete nicht gleich. »Sehen Sie«, sagte er schließlich, »wenn man sich mit Kulturgeschichte und Archäologie beschäftigt, dann lernt man eines ganz schnelclass="underline" Das Ausmaß an künstlerischem Ausdruck ist stets ein Indikator für die Fortschrittlichkeit und den Wohlstand einer Kultur. Solange Menschen darum kämpfen müssen, ihre unmittelbaren Grundbedürfnisse zu stillen, wie Nahrung, Unterkunft, materielle und persönlicher Sicherheit, kann sich kaum Kunst entwickeln. Erst mit dem Wohlstand stehen dann Zeit und Muße zur Verfügung, und es sind Phasen des Friedens und der Prosperität, in denen Kunst erschaffen wird. Damit meine ich nicht Kunst im modernen Sinn, also Kunst, die sozialkritisch wäre, verarbeitend, anprangernd, aufrührend, aufklärend. Ich meine Kunst, in der sich der Mensch der Ästhetik und dem Wohlgefallen widmet, also Schmuck, Malerei, Musik, Poetik, Architektur. In diesem Sinn scheint ein Ort wie dieser aus der Ferne betrachtet ein Anzeichen eines besonders hohen Entwicklungsstandes unserer westlichen Kultur zu sein. Und dennoch fühlt er sich... wie soll sich sagen... falsch an. Wie ein hohler Schein. Verstehen Sie, was ich meine?«

Patrick sah den Professor nur an. Der zurückhaltende Engländer war nicht häufig in so tiefsinniger Stimmung. Er gab nur wenig von sich preis, und in seinen Äußerungen beschränkte er sich in der Regel darauf, aus seinem zwar theoretischen, aber scheinbar bodenlosen Wissensschatz zu schöpfen. Er war ein verschlossener Mensch, und trotz der beiden Projekte, die sie schon gemeinsam überstanden hatten, konnte Patrick nur ahnen, welche Gedanken und Interessen hinter den aufmerksam blitzenden Augen des älteren Herren verborgen lagen. Patrick wusste um Peters Sinn für Humor, ebenso wie um dessen Scharfsinn und Bodenständigkeit. Er kannte Peters altertümlich anmutende Scheu vor moderner Technik, Peters Beklemmungen in der Dunkelheit und Peters Mut. Aber was trieb Peter im Inneren an? Wie dachte er über das Leben und die Welt?

»Man sieht sich diese Paläste an«, fuhr Peter fort, »und denkt: Ist das unser Ziel? Dies zu erreichen? Und was haben wir tatsächlich erreicht, wenn der Großteil der Weltbevölkerung dahinsiecht? Ist dies hier dann nicht ein Spott?«

Die Bedienung brachte ihr Frühstück. Patrick nickte nur, sagte aber nichts. Er wollte Peters Gedanken nicht ablenken und freute sich, als der Professor seine Überlegungen fortsetzte, während er sich Tee einschenkte.

»Sie erinnern sich an die Texte, die wir in Südfrankreich gefunden haben. Letztlich deuteten Sie damals schon auf die Legende von Atlantis hin, wie wir jetzt wissen. Es waren Schöpfungsgeschichten aus aller Herren Länder, denen die Eigenheit gemeinsam war, dass es sich um Geschichten einer Sintflut handelte. In jedem dieser Fälle wurde eine erste Kultur durch den Zorn Gottes vernichtet. Und die Begründung war stets, dass sich die Menschen aufgelehnt oder von Gott abgewandt hatten, dass sie aufbegehrten und den Weg von Moral und Ethik verlassen hatten. Auch Atlantis ging unter, weil sich die Kultur vom Spirituellen losgesagt und dem Materiellen und der Selbstgefälligkeit verschrieben hatte. So jedenfalls die Legenden.« Peter nahm einen Schluck von seinem Tee. »Ich will damit nicht ausdrücken, dass ich eine göttliche Strafe erwarte, weil hier ein großes Hotel steht. Was ich nur denke, wenn ich das hier sehe, ist, ob wir aus diesen alten Geschichten nicht etwas gelernt haben sollten. So wie uns Märchen etwas über Recht und Unrecht erzählen, über Ängste, über Regeln, über Moral, so liegt in allen überlieferten Legenden offenbar eine Wahrheit, die sie hat überleben lassen. Die Bibel oder die religiösen Texte anderer Religionen sind natürlich das Paradebeispiel dafür. Aber auch die Geschichte von Atlantis hat einen Kern, der unabhängig davon, ob es den Kontinent je gab, etwas aussagen will.«

»Demut«, sagte Patrick.

Peter sah ihn einen Augenblick lang an. »Ja, so könnte man es sagen. Ich denke, es fehlt in allem an Demut. Demut den überlieferten Weisheiten gegenüber, Demut den alles umfassenden Zusammenhängen gegenüber und Demut der Zukunft unseres Planeten gegenüber...«

Sie verbrachten die restliche Zeit des Frühstücks größtenteils schweigend, und jeder hing seinen Gedanken nach. Patrick erkannte in Peters Ausführungen ähnliche Beobachtungen, wie er sie selbst in den letzten Jahren zunehmend gemacht hatte. Er hatte dies darauf zurückgeführt, dass er in jener Höhle in Südfrankreich gewesen war, die etwas in seinem Denken verändert hatte. Doch auch Peter schien es so zu gehen. Vielleicht war das durch ihr Projekt in Ägypten ausgelöst worden?