Er blickte aus dem Fenster und ließ seine Gedanken schweifen. Dann schob er die Papiere zusammen, stand auf und holte die geheimen Unterlagen aus dem Safe.
Für den Fall, dass ein Code fünfzig eintrat, wurden für das entsprechende Gebiet neue Bestimmungen wirksam, so lange, bis diese von höherer Stelle wieder aufgehoben wurden. Walters musste das geplante Eindringen der beiden Forschungsschiffe melden, und die Anleitung stand hier.
Er setzte sich mit der Mappe an seinen Schreibtisch und verfasste eine E-Mail mit den entsprechenden Schlüsselbegriffen an die vorgegebene Adresse einer ihm unbekannten Regierungsbehörde, von wo aus sie dann zum tatsächlichen Empfänger weitergeleitet werden würde.
Er studierte gerade andere E-Mails seines Posteingangs, als bereits eine Antwort eintraf.
Empfang bestätigt.
Prozess unter Beobachtung halten und dokumentieren.
Keine weiteren Aktionen. Statusupdate alle 24 Stunden.
Lt. McEvoy
CSS, Fort Meade, MD
Walters lehnte sich stöhnend zurück. Er hatte erwartet, dass er bei einer höherrangigen Abteilung der Navy gelandet wäre.
Stattdessen kam die Antwort nun vom Central Security Service aus Maryland. Es war eine Organisation, die für alle Streitkräfte der USA als zentrale Schnittstelle diente und deren Aufklärungsdaten in der NSA zusammenführte. Und die NSA wiederum war der vermutlich größte Nachrichtendienst der Welt, Teil des US-Verteidigungsministeriums und zuständig für das Sammeln, Überwachen und Entschlüsseln sämtlicher weltweiter Kommunikation und Aufklärungsarbeit.
Walters atmete tief durch und straffte seinen Rücken. Ganz offenbar ging es hier um eine große Sache. Eine verdammt große.
An Bord der Argo, östlich von Great Abaco Island, Bahamas
Es war dunkel geworden, und durch die Fenster der Messe war das Meer nicht mehr zu sehen. Stattdessen spiegelten sich die Lichter der Deckenlampen in den Scheiben.
Die Argo war auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort und würde einige Stunden nach Mitternacht dort ankern, sodass sie am Morgen mit der Arbeit beginnen konnten.
Das Schiff verfügte zwar über eine kleine Offiziersmesse mit gehobener Ausstattung, aber Peter und Patrick zogen es vor, im selben Raum wie die Mannschaft zu speisen. Es schien ihnen weder notwendig noch vorteilhaft, sich abzukapseln. Da es hier mehrere Tische unterschiedlicher Größe gab, war es ihnen auch hier möglich, unter sich zu sein.
Neben John, dem Kapitän, saß nun auch Kathleen mit ihnen am Tisch.
»Erzählen Sie uns ein bisschen über sich«, bat John. »Sie arbeiten freiberuflich für FOX, sagten Sie?«
Kathleen legte ihre Gabel beiseite und schob ihre Brille zurecht. »Ja, genau. Ich habe im Auftrag der FOX International Channels eine Serie produziert. Mysterien der Geschichte, ein bisschen reißerisch aufbereitet. Sie wurden auf dem History Channel ausgestrahlt.«
»Dann sind Sie Produzentin?«, fragte John.
»Im Grunde ja, allerdings hatte ich ursprünglich Journalismus und PR studiert. Das war an einer Medienakademie, wo ich aber nach drei Jahren ins Fach Kamera und Regie gewechselt bin. Ich weiß, ein großer Sprung, doch statt für andere zu arbeiten, wollte ich lieber meine eigenen Beiträge machen. Inzwischen ist es sehr hilfreich, dass ich von allem, was ich benötige, um Beiträge zu erstellen und zu verkaufen, genug weiß, um völlig selbstständig arbeiten zu können. Ich bin meine eigene PR-Abteilung, wenn Sie so wollen.« Sie lächelte.
»Vorgestern waren da zwei ziemlich aufdringliche Typen«, sagte Patrick, »die bei FOX über uns berichtet haben. Haben Sie was mit denen zu tun?«
»Aber nein!«, antwortete Kathleen. »Doch diese Nachricht ist ein gutes Beispiel dafür, weshalb ich denke, dass ich Ihnen helfen könnte. Ich möchte nicht nur eine Dokumentation über dieses Projekt erstellen, sondern biete Ihnen an, die PR-Arbeit für Sie zu übernehmen. Wie ich Professor Lavell schon erklärte, kann ich Kontaktanfragen abwimmeln, Ihre Pressemitteilungen erstellen und dafür sorgen, dass sie in die richtigen Hände geraten. Ich kann Ihnen die nötige Aufmerksamkeit verschaffen.«
»Nun, über diesen letzten Punkt können wir ja sprechen, wenn es so weit ist«, sagte Peter. »Zunächst einmal ist uns schon geholfen, wenn wir durch Sie unliebsame Journalisten irgendwie fernhalten können.« Mit einem Blick auf den Franzosen fügte er hinzu: »Und zwar so, dass wir nicht wieder als ›Die unverschämten Europäer in den Nachrichten landen.«
Patrick griff zu seinem Weinglas. »Botschaft angekommen, vielen Dank.«
»Ich bin sicher, dass dies ein ganz und gar spannendes Projekt wird«, sagt Kathleen. »Ich fühle mich geehrt, dass ich dabei sein darf.«
»Wie wollen Sie das Projekt dokumentieren?«, fragte John.
»Ich habe eine vollständige Kameraausrüstung dabei«, erklärte sie. »Wann immer es sinnvoll ist, werde ich Aufnahmen machen. Wir können sie gemeinsam auf meinem Rechner prüfen. Schnitt und Postproduction finden natürlich später mit anderem Equipment statt. Außerdem werde ich fotografieren. Und wenn ich darf, würde ich gerne ab und zu auch ein paar Interviewfragen stellen und Ihre Antworten mitschneiden.«
Peter nickte. »Solange Sie den Ablauf und unsere Arbeit nicht behindern, soll es mir recht sein«, sagte er. »Gibt es auch beschränkte Bereiche auf dem Schiff, John?«
»Ich wünsche keine Aufnahmen im Bereich der Brücke ohne meine ausdrückliche Genehmigung und ohne meine Anwesenheit«, antwortete der Kapitän. »Abgesehen davon gelten für Miss Denver dieselben Beschränkungen wie für andere Passagiere. Der Maschinenraum ist also tabu, und auch der Frachtraum, und die Labore dürfen nicht ohne Begleitung durch mich oder das Personal betreten werden.«
»Das ist selbstverständlich, Mister Harris«, sagte die Reporterin und nickte. »Aber bitte, nennen Sie mich alle einfach Kathleen.«
»Nun, nachdem das geklärt wäre«, sagte der Kapitän, und wandte sich wieder Peter zu, »würde es mich interessieren, was Sie uns über das Projekt erzählen können. Wie Sie auf die Idee zu dieser Unternehmung gekommen sind und was uns erwartet.«
Peter räusperte sich, legte sein Besteck auf den Teller, faltete seine Serviette und lehnte sich zurück. Dann begann er von seiner Arbeit zu erzählen und davon, wie er und der Franzose sich kennengelernt hatten. Er beschrieb den Fund in Alexandria und erklärte, was Patricks Expedition in Guatemala ans Licht gefördert hatte.
»Sehen Sie: Atlantis war stets nur eine Legende. Eine vielfach beachtete Legende zwar, aber es gab keinerlei historische Grundlagen. Außer jenem Text von Platon, der allerdings nur wenige konkrete Hinweise enthielt und der ja auch ebenso gut bloß eine Parabel hätte sein können.«
»Der Kritias-Dialog«, warf Kathleen ein.
»Dieser, so wie der Timaios-Dialog, ganz genau. Die wenigen Anhaltspunkte, die man aus den Texten ziehen kann, und die in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder herangezogen wurden, sind zum Teil widersprüchlich, sodass man nie sicher sein konnte, welcher Teil davon Wahrheit war – wenn überhaupt.
Nun kann man sich fragen, was die Legende von Atlantis zu einer so erfolgreichen Geschichte machte, die niemals in Vergessenheit geriet. Zum einen handelt es sich dabei um das archetypische Motiv des Sündenfalls. Wir finden es bei fast allen Völkern der Welt. Eine glanzvolle Kultur, die sich von seinen Werten entfernte und daher unterging. Aber darüber hinaus faszinierten seit jeher auch die Mutmaßungen über den hohen Zivilisationsstand. Atlantis wird beschrieben als ein Weltreich, dessen Ausdehnung dem des Römischen Reichs um nichts nachstand. Platon berichtet, Atlantis sei eine Insel so groß wie ein Kontinent gewesen, die sich außerhalb der Säulen des Herakles befunden habe. Dies war die alte Bezeichnung der Meerenge von Gibraltar. Demnach müsste Atlantis im Atlantik gelegen haben.«