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»Ist das der Grund, weswegen der Atlantische Ozean so heißt?«, fragte John.

»Nein, eher andersherum«, sagte Peter. »Der Name des Ozeans geht auf den Gott Atlas aus der griechischen Mythologie zurück. Er wurde bereits vor Platon nach ihm benannt. Kritias, der in Platons Dialog die Geschichte erzählt, erklärt, die Namen, die er verwende, seien bloße Übersetzungen. So hätten die Ägypter, von denen ja die Überlieferung stamme, ihrerseits bereits die ursprünglichen Namen ins Ägyptische übersetzt, und Solon, der die Geschichte von dort mitbrachte, habe sie ins Griechische übertragen. Das war natürlich eine geschickte Erklärung dafür, dass sich im Atlantis-Mythos nur griechische Namen befinden. So sind also der Staat, die Herrscher und Götter alle nach griechischem Vorbild benannt, und die damaligen Zuhörer konnten sich besser mit dem Szenario identifizieren.«

»Und was ist nun im Einzelnen über Atlantis bekannt?«, fragte John.

»Dem heutigen Mythos von Atlantis ist im Laufe der Zeit viel hinzugedichtet worden, das gar nicht aus Platons Feder stammt, ähnlich wie man heute viele christliche Mythen kennt, die mit der Bibel nichts zu tun haben, sondern aus apokryphen Schriften stammen, aus der jüdischen Mystik oder aus esoterischen Quellen. Auch hier sehen wir eine Folge der Globalisierung, wenn Sie so wollen. Immer mehr Geschichten werden in einen Topf geworfen, durchdringen einander, vermischen sich, und daraus wird von Hollywood inszenierter und mit Coca-Cola beworbener Mythenbrei, in dem jeder auf der Welt irgendwelche Aspekte wiedererkennt, der aber nur noch homöopathische Dosen der wahren Inhalte enthält. Es ist eine Schande.«

»Atlantis, Peter«, erinnerte Patrick.

»Ja, sicher. Also, die Atlanter sollen eine Seefahrernation gewesen sein, die weit über den Ozean hinaus Handel betrieb. Ihre Hauptstadt befand sich auf der größten Insel und lag dort auf einer großen Ebene, die von einer Seite vom Meer und von den anderen drei Seiten von einem Gebirge begrenzt war. Die Stadt selbst war von drei breiten Ringen umgeben, Wasserkanälen, so breit und tief, dass Schiffe darin fuhren. Von allen vier Himmelsrichtungen führte je eine Straße mittels Brücken über die Kanäle und direkt in die Stadt. In der Stadt befand sich der Poseidontempel, das höchste Heiligtum, ganz mit Gold und Silber verkleidet.

Überhaupt sollen die Atlanter nicht nur architektonische Meister, sondern überaus zivilisiert und wohlhabend gewesen sein. Zum einen, weil ihre Insel fast paradiesisch fruchtbar und sehr effektiv bewirtschaftet gewesen sein soll, aber auch, weil sie eine wirtschaftliche und militärische Großmacht waren. Atlantis verfügte angeblich nicht nur über eine Handelsflotte, die die ganze bekannte Welt bereiste, sondern auch über eine gewaltige Armada und hatte Westeuropa, Westafrika und Teile des Mittelmeerraums bis einschließlich Ägypten erobert und unter Kontrolle. Hieraus resultiert auch die Vorstellung, dass die atlantische Kultur – sollte es sie jemals gegeben haben – einen nachhaltigen Einfluss auf sämtliche späteren Kulturen gehabt, sie vielleicht sogar begründet habe.«

»Die Idee, dass die Ägypter das Pyramidenbauen von den Leuten aus Atlantis gelernt haben«, meinte Patrick.

»Ganz genau«, bestätigte Peter. »Insbesondere im Bereich der Esoterik und der Pseudowissenschaften ist dies eine der weitverbreiteten Theorien.«

»Aber nun suchen Sie selbst Atlantis«, warf Kathleen ein. »Bedeutet es dann nicht, dass das vielleicht sogar stimmt?«

Peter nickte. »Indem wir nun zum ersten Mal ganz konkrete Informationen über die exakte Lage von Atlantis haben sowie weitere Angaben, die seine Existenz wahrscheinlich machen, müssen selbstverständlich auch diese Theorien erneut betrachtet werden.«

»Was heißen soll...?«, hakte Kathleen nach.

»Ich will damit sagen, dass ich es in Anbetracht der neuen Informationslage und der Erfahrungen, die Patrick und ich bei den letzten Projekten gemacht haben, für möglich halte, dass Atlantis – sollte es existiert haben – tatsächlich spätere Kulturen geprägt hat.«

»Und könnte es dann sein, dass andere Teile der Atlantis-Geschichte dann ebenfalls stimmen?«

»Nun, wie ich schon erwähnte, muss man unterscheiden zwischen dem originären Text und Teilen, die später hinzugedichtet wurden. So berichtet Platon beispielsweise unter anderem von einem besonderen Metall, das er Oreichalkos oder auch Goldkupfererz nennt. Auch wenn wir nicht wissen, was damit gemeint sein könnte, ist der Wahrheitsgehalt dieser Information vermutlich höher als der der späteren Quellen. Dort wird den Atlantern unter anderem nachgesagt, dass sie dieses Metall als eine besondere Energiequelle verwendet hätten. Dass sie über Maschinen und Flugkörper verfügt hätten sowie über hoch entwickelte Waffen, die mit Lichtstrahlen gearbeitet hätten, die durch Kristalle gebündelt wurden.«

»Laser«, warf Patrick ein.

»So etwas in der Art, ja. Andere Quellen wollen wissen, dass das Volk von Atlantis selbst eine ursprüngliche, hoch entwickelte Wesensform gewesen sei, menschenähnlich, aber zugleich transzendent, welche das geistige Potenzial höher ausschöpfte, als uns das heute möglich ist, fähig zu Telepathie, Seelenwanderung und so weiter. Die heute lebenden Menschen seien quasi eine Rückentwicklung zu einer primitiveren Stufe, von der wir uns durch einen Weg der Erleuchtung befreien müssten.«

»Und das alles ist vollkommen abwegig?«, fragte Kathleen.

Peter lächelte. »Um ehrlich zu sein, ist auch hier die Beurteilung nicht mehr ganz so einfach, wie sie einmal gewesen sein mag. In dem Augenblick, wo man die reale Existenz dieser untergegangenen Welt postuliert, werden auch viele andere Aspekte plötzlich denkbar. Ich sage nicht wahrscheinlich, aber denkbar. Sehen Sie, neben Geschichte habe ich Anthropologie studiert und mich jahrzehntelang mit der Kulturgeschichte der Religionen beschäftigt. Die sich durchdringenden Ströme und die weltweit wiederkehrenden Motive, die wie von einer zentralen Quelle zu stammen scheinen, sind allgemein bekannt. Es gibt zahlreiche Bücher, ja eine ganze Subkultur, die sich heute mit der Idee beschäftigt, dass sich alle Berichte über Götter des Altertums auf Besuche von Außerirdischen zurückführen lassen. Das mag lächerlich scheinen, insbesondere im Lichte dessen, was wir heute über das Universum und die Möglichkeiten von Reisen durch den Weltraum wissen... Nun, Patrick könnte Ihnen da sicher mehr sagen als ich. Aber viele der Schlüsse sind durchaus logisch – lediglich äußerst unwahrscheinlich. Was aber, wenn wir annähmen, es hätte eine Hochkultur wie die von Atlantis gegeben? Und wenn diese die Entwicklung anderer Völker beeinflusst, beschleunigt haben könnte – könnte sie dann nicht auch esoterisches Wissen hinterlassen und unwissentlich Religionen begründet haben?«

Für einen Augenblick trat Schweigen ein. Insbesondere Patrick, der sich üblicherweise einen spitzzüngigen Kommentar zu diesen Themen nicht hätte verkneifen können, wusste nicht gleich, was er dazu sagen sollte. Es stimmte, bei ihren letzten Projekten hatten sie die Spur einer Wissensquelle verfolgt, die sie immer weiter in die Vergangenheit geführt hatte. Sie hatten damals in Ägypten sogar ein Artefakt gefunden, dessen Alter jeder Lehrmeinung widersprach. Stammte es vielleicht aus Atlantis, und war Atlantis diese ursprüngliche Quelle des Wissens und der Weisheit? Es müsste lächerlich sein, absurd, aber der Gedanke kam ihm seltsam vertraut vor, fast so, als sei er eine Erinnerung aus seiner Schulzeit oder Kindheit.

Es war der Kapitän, der die Unterhaltung fortsetzte: »Was genau haben Sie denn nun gefunden, das Sie so sicher macht, dass Atlantis existiert, dass Sie es finden können?«