»Es gibt ja zwei wesentliche Fragen, die Platons Dialoge aufwarfen. Erstens: Handelt es sich hier um Wahrheit oder Fiktion? Und zweitens: Wo genau lag denn nun Atlantis? Über beide Punkte gibt der verlorene Teil des Kritias-Dialogs Aufschluss. Ich könnte die Dokumente holen, wenn Sie möchten...«
Peter machte bereits Anstalten aufzustehen, doch John schüttelte den Kopf, und Kathleen sagte: »Das wird nicht nötig sein. Erzählen Sie es uns einfach.«
Peter lehnte sich wieder zurück. »Die Frage nach der Authentizität wird durch Sokrates beantwortet. Er ist einer der Personen, die sich in Platons Dialog unterhalten. Kritias erzählt die Geschichte, und Sokrates nimmt am Ende die Rolle des kritischen Publikums ein. Er stellt dabei explizit eben jene Fragen, die sich auch spätere Historiker gestellt haben. So fragt er zum Beispiel, wie es sein könne, dass Atlantis einen Krieg gegen Athen geführt habe, schließlich sei Athen keine neuntausend Jahre alt. Es stellt sich dann heraus, dass tatsächlich nicht Athen gemeint sei, sondern dass es sich um ein Sinnbild handelte, damit man sich besser damit identifizieren konnte. In der ägyptischen Version der Geschichte war daher stattdessen Memphis genannt worden – das natürlich damals ebenfalls noch nicht existierte. Auf die Frage, ob dann Atlantis vielleicht ebenfalls ein Sinnbild sei, beteuert Kritias, dass die Beschreibungen sämtlich der Wahrheit entsprächen. Sokrates fragt als Nächstes, wie ein Land, das so groß wie Libyen und Asien zusammen gewesen sei, jenseits der Säulen des Herakles, also draußen auf dem endlosen und unerforschten Meer, existieren könne, wo man das Ende der Welt oder allenfalls grauenvolle Monster vermutete. Damals verwendete man den Begriff Libyen für ganz Nordafrika abzüglich Ägyptens, und unter Asien verstand man immerhin die bekannten Länder Vorderasiens. Atlantis müsste der Beschreibung nach also fast so groß wie Westeuropa gewesen sein. Kritias erklärt daraufhin noch einmal, was an anderer Stelle des Dialogs auch schon steht, dass es sich bei Atlantis um eine Inselgruppe gehandelt habe, die tatsächlich so groß gewesen sei. Er beschreibt, dass man mit dem Schiff eine wochenlange Reise zurücklegen musste, um sie zu erreichen, und dass jenseits von Atlantis ein weiteres Festland läge, das so groß sei, dass man es neben den drei von Herodot genannten Kontinenten Europa, Libyen – also Afrika – und Asien, ebenfalls als einen eigenen Kontinent ansehen müsse.«
»Der erste geschichtliche Hinweis auf Amerika?«, fragte Kathleen.
»So scheint es, ja. Nachdem Atlantis versank, heißt es in der Erzählung, sei ein Meer aus Schlamm übrig geblieben, das für kein Schiff passierbar sei. Und tatsächlich gibt es die sogenannte Sargassosee. Das ist ein Bereich des Meeres, der östlich der Bermuda-Inseln beginnt und sich länglich fast bis zu den Azoren ausdehnt. Die Meeresströmungen umschlingen dieses Gebiet. Fährt man von Europa aus mit dem Schiff westwärts, folgt man üblicherweise den Strömungen und Winden weiter südlich, und fährt man zurück nach Europa, folgt man dem Golfstrom oberhalb. Immer umfährt man die Sargassosee, jedenfalls galt dies, solange man auf Segel und die Kraft des Meeres angewiesen war. Dieser Bereich des Meeres ist salziger als normal, Flauten sind häufig, es existieren keine hilfreichen Strömungen, und das Wasser ist streckenweise mit einem dicken Teppich aus gelbbraunen Algen bedeckt, in dem kleinere Schiffe leicht stecken bleiben können. Historiker haben schon häufiger vermutet, dass das »unpassierbare Meer aus Schlamm‹ nichts anderes als eine Beschreibung der Sargassosee sein könnte.«
»Aber wenn da wirklich einmal eine riesenhafte Insel war«, warf John ein, »die irgendwann verschwand – auf welche Weise auch immer –, sollten dann die Strömungen dieses ›Loch‹ mitten auf dem Ozean nicht einfach füllen? Ich meine, weshalb fließen sie noch immer darum herum, als ob Atlantis noch da wäre?«
»Ja, es sieht tatsächlich so aus, als würde das Wasser um eine unsichtbare Insel herumfließen. Aber tatsächlich wissen wir nicht, wie sich die Strömungen verhalten haben, als es Atlantis noch gab. Es ist ja mehr als wahrscheinlich, dass eine so große Inselgruppe einen Einfluss gehabt und sich das heutige Verhalten der Strömungen erst nach dem Verschwinden der Inseln eingestellt hat.«
»Dann könnte das Rätsel der Aalwanderung tatsächlich auch mit Atlantis zusammenhängen«, sagte Kathleen.
»Was denn für ein Aalrätsel?«, fragte Patrick.
»Aale«, erklärte Kathleen, offenbar begierig, etwas zum Thema beitragen zu können, »also Süßwasseraale, leben in Seen und Flüssen, wie Sie sicher wissen. Sie legen nur einmal in ihrem Leben Eier. Wenn die Zeit gekommen ist, wandern sie von Europa aus mehrere tausend Kilometer westwärts, hinaus auf das Meer, und laichen in der Sargassosee, in drei- oder viertausend Metern Tiefe. Wussten Sie das nicht? Niemand kann bis heute erklären, warum die Fische dies tun. Man weiß von anderen Tieren, zum Beispiel von Meeresforellen und Lachsen, dass sie in Flüssen geboren werden, ihr Leben im Meer verbringen und dann zum Laichen in die Flüsse ihrer Geburt zurückkehren. Aber der Aal unternimmt zum Laichen eine Reise, die ihn ins Nirgendwo führt. Vielleicht an einen Ort, wo früher einmal andere Inseln und andere Flüsse gewesen sind.«
»Ja«, bestätigte Peter, »die Aale sind in den letzten vierzig Jahren häufig mit Atlantis in Verbindung gebracht worden. Insbesondere von pseudowissenschaftlichen Sachbuchautoren, weswegen sich vermutlich kaum ein seriöser Wissenschaftler näher damit befasst hat. Es ist bis heute ein ungelöstes Rätsel.«
»Das ist ja schön und gut«, sagte John, »aber die Sargassosee ist groß. Wie sind Sie zu so präzisen Koordinaten gekommen, wie wir sie gerade ansteuern?«
Peter lächelte. »Ja, das ist eine gute Frage. Auch das hat uns der verlorene Teil des Dialogs verraten. Tatsächlich gelang es uns mithilfe einer Art Triangulation, wie ich von Patrick gelernt habe. Wir konnten drei im Manuskript beschriebene Orte identifizieren. Der offensichtlichste von ihnen war natürlich ›die Säulen des Herakles‹, der Name für die Meerenge von Gibraltar. Es waren Reisedauer und die ungefähre Richtung der Reise beschrieben. Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Strömungen und Winde ließen sich ungefähre Radien berechnen und somit Gebiete aufzeigen, die man so erreichen würde. Da wir dies mit drei verschiedenen Orten vornehmen konnten, brauchten wir lediglich die Schnittpunkte der Radien zu untersuchen.« Peter winkte ab. »Nun, ehrlich gesagt war es etwas komplizierter als das, aber darum hat Patrick sich gekümmert. Ich vertraue hier ganz auf sein technisches Verständnis.«
»Das ist ja großartig!«, sagte Kathleen. Ihre Augen leuchteten. »Dann haben Sie das wirklich bis ins Letzte durchdacht, und wir könnten Atlantis tatsächlich finden. Aber...« Sie stockte. »Wenn es Ihnen gelang, könnte dann nicht jeder andere dieselben Berechnungen anstellen?«
»Selbstverständlich«, stimmte Peter zu. »Das ist nur eine Frage der Zeit. Noch haben wir allerdings einen Vorsprung, da ich erstens schon länger mit dem Dialog gearbeitet habe und die Arbeit ja erst jetzt veröffentlicht wurde, und zweitens bedarf es außergewöhnlicher geschichtlicher Vorkenntnisse, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Was – mit Verlaub – meine Spezialität ist und sich nicht so häufig findet. Und zuletzt gibt es nicht viele Forschungsschiffe wie dieses hier, insbesondere nicht so kurzfristig. Dafür schulden wir dem Woods-Hole-Institut ganz besonderen Dank.«
Ein Matrose betrat den Raum und kam an ihren Tisch.
»Kapitän Harris, könnten Sie auf die Brücke kommen? Eric hat etwas auf dem Radar entdeckt.«
John nickte und erhob sich. »Entschuldigen Sie mich bitte. Es geht um Navigationsfragen. Falls wir uns heute nicht mehr sehen, wünsche ich Ihnen jetzt schon eine gute Nacht.«
Als der Kapitän gegangen war, beugte Kathleen sich vor. »Wenn wir den Vorsprung beibehalten wollen, sollten wir also auf keinen Fall verraten, wo genau wir suchen wollen, richtig?«