»Lange wird sich das nicht verheimlichen lassen«, warf Patrick ein. »Auf der WHOI-Website kann man nachlesen, wo sich die einzelnen Forschungsschiffe aufhalten. Außerdem gibt es Satellitenortung...« Er schüttelte den Kopf. »Keine Chance, das geheim zu halten.«
»Nun, aber immerhin müssen wir es ja nicht hinausposaunen«, gab die Journalistin zurück. »Ich frage deswegen, weil es wichtig ist, welche Informationen wir an die Presse geben und welche wir zurückhalten.« Sie beobachtete Patricks skeptischen Blick und rückte daraufhin ihre Brille mit einer energischen Geste zurecht. »Sie beide haben selbst entschieden, dass ich mich um die Presse kümmern soll. Und das beinhaltet auch, einige echte Informationen rauszugeben. Mit heißer Luft allein können Sie die Profis nicht lange beeindrucken. Im Gegenteil, Sie machen sie nur umso neugieriger.«
Peter nickte. »Ja, ja, eine gute Lüge versteckt sich zwischen zwei Wahrheiten, hm?«
Kathleen lächelte. »Ganz recht.«
Patrick stand auf. »Wir besprechen das, wenn es so weit ist«, bestimmte er. »Erst einmal müssen wir etwas haben, bevor wir uns entscheiden, es nicht zu melden. Und im Alleingang werden Sie hoffentlich gar nichts unternehmen.«
»Nein, natürlich nicht!«, erwiderte Kathleen und sah dem Franzosen bestürzt hinterher, als er den Raum verließ.
»Sie müssen ihn entschuldigen«, lenkte Peter ein. »Er meint es nicht so. Er ist nur etwas...« Er suchte nach Worten.
»Rüpelhaft?«
»Skeptisch.«
Kathleen zuckte mit den Schultern. »Nun, wir werden sicher lernen, miteinander auszukommen. Ich kann mir vorstellen, dass eine Menge Druck auf ihm lastet.« Sie sah Peter von der Seite an. »Ebenso wie auf Ihnen, ist es nicht so?«
Peter lächelte sie ihn. Es gab keinen besonderen Grund zu lächeln, aber etwas an ihr, ihrer Frage und ihrer Geste, vermittelte eine Fürsorglichkeit, die ihn berührte. Sie war tatsächlich eine attraktive Frau. Es umgab sie nicht die zwanglose Naivität einer jungen Studentin, sondern sie strahlte bereits eine angenehme Reife aus und verfügte über einen von Erfolg geschmiedeten Willen. Patrick hatte recht gehabt, als er gemutmaßt hatte, dass Peter Gefallen an ihr finden könnte. Dabei ging es keineswegs um Äußerlichkeiten, ein Aspekt, dem Patrick stets viel zu viel Beachtung schenkte. Peter bemühte sich in allem, hinter die Fassade des äußeren Scheins zu sehen, und dort verbargen sich häufig die größten Überraschungen. Zugegeben, bei Menschen war dies schwieriger als in seiner Arbeit. Und ihre Mitarbeiterin Stefanie, die sie beim ersten Projekt unterstützt hatte, war ihm bis zum Schluss rätselhaft geblieben. Vielleicht war das ein Grund, weshalb er sich nie dauerhaft hatte binden können; er verstand sich nicht sonderlich auf Menschen. Aber Kathleen, so viel konnte er beurteilen, war ihm überaus sympathisch.
»Sie haben recht«, erklärte er schließlich. »Dieses Projekt bedeutet uns beiden tatsächlich sehr viel. Und wir gehen unterschiedlich damit um.«
»Nun, dann machen Sie sich ab sofort einfach etwas weniger Sorgen.« Kathleen legte eine Hand auf Peters Arm. »Jetzt sind wir zu dritt, und wir werden nicht nur das untergegangene Reich finden. Gemeinsam werden wir auch Antworten auf die Fragen unseres Ursprungs finden, und wir werden der Welt endlich ihre wahre Geschichte und Bestimmung schenken.«
An Bord der Libertad, östlich von Great Abaco Island, Bahamas
González stand auf der Brücke und betrachtete einen Monitor.
»Ich sehe nichts!«
»Natürlich nicht«, gab Manuel zurück, der neben ihm stand. »Wir sind noch zu weit entfernt. Wenn wir sie hier sehen könnten, dann könnten sie uns auch sehen!«
»Und warum hast du mich dann geholt?«
»Pass auf. Rui, die Projektion.« Der angesprochene Mann war der Zweite Offizier der Libertad und für die Navigation verantwortlich. Er saß auf einem Stuhl vor dem Monitor und bediente einige Tasten des angeschlossenen Rechners. Auf dem Bildschirm waren nun Linien und Punkte zu erkennen.
»Wir kennen den ungefähren Zielort, also den wahrscheinlichen Kurs der Europäer«, erklärte Manuel und deutete auf die Grafik. »Dieser Punkt sind wir. Unser Mann an Bord der Argo hat uns vor einigen Minuten die aktuellen GPS-Daten durchgegeben. Das ist dieser Punkt hier. Wie du siehst, befindet er sich in der Nähe des vermuteten Kurses. Wir bekommen die Daten einmal in der Stunde übermittelt und können unser Modell so ständig erweitern. Das Programm erlernt die Geschwindigkeit und kann immer präzisere Projektionen über den Kurs und den Zielort anstellen. Wir selbst können auf diese Weise in ausreichendem Abstand bleiben, ohne von der Argo entdeckt zu werden.«
»Das ist ja ganz nett«, brummte González, »aber es nützt uns wenig, wenn sich herausstellt, dass sie genau dort tauchen wollen, wo ich es geplant habe. Dann müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.«
»Sicher. Aber das sehen wir frühestens morgen, wenn die Argo vor Anker gegangen ist.«
González wandte sich ab. »Verdammt, ich wünschte, wir wären schon da!« Er trat ans Fenster und sah über das beleuchtete Vordeck hinaus in die Dunkelheit. »Wir müssen herausfinden, was genau sie planen. Sag das deinem Mann!«
»Geduld, Manuel. Es ist sicherlich nicht leicht, an die Projektunterlagen heranzukommen.«
»Es interessiert mich nicht, wie schwierig es ist. Und es ist mir egal, wie er es hinbekommt.«
Kapitel 8
AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas
Walters hasste solche Telefonate. Es war nicht gut, den Tag so zu beginnen.
»Es tut mir wirklich leid, Süße. Ich hatte mich auch darauf gefreut. Aber es geht um eine vertrauliche Sache... Nein, nicht Washington, aber so ähnlich. Ich muss hierbleiben und im Vierundzwanzigstunden-Takt Meldung machen... Ich weiß es nicht. Dieses Wochenende mindestens. Ich hoffe, dass es dann im Lauf der Woche durch ist... Ja, mir auch... Sarah ist schon in der Schule, oder? Gib ihr einen dicken Kuss von mir, ja? Und sag ihr, wir unternehmen was Schönes, wenn ich nach Hause komme, okay?... Also dann, ich rufe heute Abend wieder an... Ich dich auch!«
Er legte auf und ließ sich zurücksinken.
Mist, verdammter!
Er sah auf die Uhr. Kurz vor acht. Keine Termine oder Projekte heute, nur reguläre Tagesabläufe in allen Bereichen, und ansonsten auf Neuigkeiten von den Schiffen warten, Meldung erstatten und dann weiter warten.
Er musste erst einmal seinen Kopf freibekommen. Danach wollte er sich ein zweites Frühstück in der Kantine gönnen. Wenn er schon heute Abend nicht nach Hause fliegen konnte und auch noch das Wochenende hier verbringen musste, dann sollte wenigstens kein Stress entstehen.
Wenige Minuten später trat Walters im Trainingsanzug auf das Gelände der Basis. Der Himmel war klar, es war weder schwül noch zu warm. Er machte ein paar Dehnübungen und trabte los, über den Parkplatz und zum Tor. Der wachhabende Soldat grüßte ihn, dann hatte er den Mann hinter sich gelassen, bog links ab und joggte entlang der Servicestraße, die ihn an der Basis vorbei und durch ein nahe gelegenes bewaldetes Gebiet führen würde.
Bald schon ging sein Atem bewusster, tiefer, und mit jedem Zug sog er die Gerüche der Natur ein. Die Steine erwärmten sich langsam, die Schatten der Bäume wurden kürzer, und das Meer, das nicht weit entfernt lag, trug sein salziges Aroma zu ihm herüber.
Andros war die größte Insel der Bahamas und zugleich die am wenigsten erschlossene. Trotz des gewaltigen vorgelagerten Korallenriffs gab es kaum Tourismus, außer den Sportfischern und Tauchern. Jedenfalls war es wenig im Vergleich zum Rest der Bahamas. Abgesehen von den rund sechstausend Bewohnern und den AUTEC-Mitarbeitern lebten hier in erster Linie Tiere in den Wäldern, Sümpfen und Mangroven. Entfernte man sich nur wenig von den Städten oder der Basis, fand man sich sofort in einer noch nahezu ursprünglichen Natur wieder.