Walters bog von der Straße ab und wählte einen Trampelpfad. Auf diese Weise kam man zum Strand und konnte mehrere Meilen lang oberhalb des Wassers laufen. Hier war die Luft noch ein bisschen frischer, und er merkte, wie seine Gedanken klarer und sein Tritt leichter wurden.
In einiger Entfernung stand ein Mann auf dem Weg.
Zunächst hielt Walters ihn für einen Jäger oder einen Marine. Aber dann sah er, dass der Mann in einen anthrazitfarbenen Anzug gekleidet war. Weiße Haare bedeckten seinen Kopf, und ein kurz geschnittener weißer Bart umrahmte sein Gesicht. Als er näher kam, drehte sich der Mann zu ihm um, sah ihm entgegen, und Walters wurde bewusst, dass er ihn offenbar erwartete.
Er blieb vor dem Fremden stehen, der ihn fast um Haupteslänge überragte.
»Guten Morgen«, grüßte der Mann mit einer sonören Stimme und einem leichten britischen Akzent. »Ich nehme an, Sie sind Lieutenant Commander Walters? Mein Name ist Gabriel, und ich würde Sie gerne sprechen.«
Gabriel reichte Walters die Hand, der sie flüchtig entgegennahm und sofort wieder zurückzuckte.
»Ja, ich bin Commander Walters. Vereinbaren Sie doch bitte einen Termin mit meinem Büro.« Walters wies unbestimmt in die Richtung der Basis und machte Anstalten weiterzujoggen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, dass ihn irgendwelche Leute belästigten, wenn er versuchte, ein wenig abzuschalten.
»Es geht um den Weißwasservorfall«, sagte Gabriel.
Walters blieb stehen, sah sich aber nicht um.
»Sie haben sich gestern beim CSS gemeldet«, fuhr Gabriel fort. »Ich möchte gerne mit Ihnen darüber sprechen.«
CSS, der Central Security Service! Walters überlegte. Konnte es sein, dass man ihn derart schnell aufsuchte? Die NSA, zu der der CSS gehörte, war berüchtigt für ihre Agenten, die Men in Black, die auftauchten und ebenso schnell wieder verschwanden, ohne Spuren zu hinterlassen. Und der Vorfall schien immerhin wichtig genug zu sein. Aber hatte die Mail nicht besagt, dass er sich in vierundzwanzig Stunden zurückmelden solle? Von einer Kontaktaufnahme war nicht die Rede gewesen.
Walters drehte sich um und fragte: »Wer schickt Sie?«
»Keine Regierungsstelle, die Ihnen bekannt wäre«, gab Gabriel zurück. »Ich habe auch keine Befugnis, Ihnen Anweisungen zu geben. Sie müssen nicht einmal mit mir reden, wenn Sie es nicht wünschen. Ich würde es allerdings begrüßen, wenn Sie sich einen Moment Zeit nehmen könnten.«
Ein Spinner, schoss es Walters durch den Kopf. Wieder einer von diesen Verschwörungstheoretikern, wie sie immer wieder auf Andros auftauchten. Andererseits, überlegte er, waren es selten ältere Herrschaften, die sich vornehm kleideten und sich gewählt auszudrücken verstanden.
»Also gut, sagen Sie, was Sie zu sagen haben.« Er sah auf seine Uhr. »Fünf Minuten.«
Gabriel nickte und setzte sich bedächtig in Bewegung. »Fünf Minuten sind keine lange Zeit, doch im Angesicht der Jahrtausende nicht unbedeutender als eine ganze Woche. Augenblicke wichtiger Entscheidungen sind stets kurz, oft viel zu kurz im Vergleich zu ihren Auswirkungen.«
Walters schwieg. Je weniger er sagen musste, desto besser. Sollte der Mann ruhig plaudern. Wie alt mochte er sein? Sechzig? Älter? Schwer zu schätzen. Er bemerkte einen rotgoldenen Siegelring an seiner Hand mit einem seltsamen Muster aus konzentrischen Kreisen.
Gabriel fuhr fort, langsam, geradezu andächtig und mit so langen Pausen, als hätte er alle Zeit der Welt. »Oft stellen wir uns die Frage, zu welchen Auswirkungen andere Entscheidungen geführt hätten. Wir fragen uns, wie viel wir wirklich bewirkt haben, hätten bewirken können. Dabei wäre es viel wichtiger, sich bewusst zu sein, wie viel wir bewirken wollen. Was ist uns wichtig? Wofür setzen wir uns ein? Wollen wir Teil der Krankheit oder Teil der Heilung sein? Und wenn Ignoranz die Krankheit der Welt ist, was ist unser Anteil daran?«
Noch immer sagte Walters nichts. Der Alte sollte zum Punkt kommen. Außerdem wusste er nicht, was er erwidern könnte. Denn auf eine seltsame Weise betraf es ihn, was er sagte.
»Der trügerische Gedanke, dass man machtlos sei, raubt uns jede Kraft, umnebelt den Geist, hüllt uns in Apathie. Wenn wir nichts entscheiden, entscheiden andere für uns. Doch allein es versucht zu haben, ist mehr wert als jedes Bedauern, wenn der Tag gekommen ist, der uns vor die Taten unseres Lebens treten lässt und unsere Seele richtet.«
Gabriel blieb stehen und sah Walters an.
»Ein solcher Tag kommt für jeden von uns. An welchen Gott Sie auch glauben: Ihre Seele kennt sich selbst. Und am Ende fällt alles auf Sie zurück.«
»Sind Sie ein Wanderprediger?!«, fragte Walters. Die Worte stießen etwas schärfer hervor, als er geplant hatte.
Gabriel lächelte. »Es geht um die beiden Schiffe, die Sie beobachten«, sagte er dann. »Es sind Forschungsschiffe auf der Suche nach Antworten. Sie möchten etwas über unsere Vergangenheit erfahren, über unsere Geschichte, unser Menschsein. Und zugleich gibt es das Militär und den Geheimdienst, der ganz offenbar ebenfalls ein Interesse daran hat... Man muss sich zwangsläufig fragen, was es dort zu entdecken gibt.«
»Es ist nicht meine Aufgabe, mich in diese Angelegenheiten einzumischen. Und Ihre vermutlich auch nicht.«
»Es gibt zweierlei Aufgaben. Solche, zu denen uns andere verpflichten, und solche, die wir uns selbst wählen. Zu ersteren treibt uns unser Verstand, zu letzteren unser Herz.«
»Was wollen Sie nun eigentlich von mir? Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, fassen Sie sich kurz. Die Zeit ist gleich um.«
»Ich habe nicht vor, Sie mit Wünschen zu bedrängen. Mir war heute in erster Linie daran gelegen, Sie kennenzulernen, Lieutenant Commander. Ihnen stehen interessante Zeiten bevor, in Ihnen liegt auf eine besondere Weise der Knotenpunkt verschiedener Wege in die Zukunft. Vielleicht reicht es, Sie auf diese Bedeutsamkeit aufmerksam zu machen, um Ihre Sinne zu schärfen.«
»Gut. Das haben Sie ja nun getan. Ich möchte jetzt weiter.«
»Natürlich«, erwiderte Gabriel und trat ein wenig beiseite. »Ich gehe häufiger hier spazieren, vielleicht sehen wir uns ein anderes Mal.«
Walters zuckte mit den Schultern. »Auf Wiedersehen«, sagte er knapp und setzte seinen Lauf fort, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ein wirklich schräger Vogel, überlegte er. War er gefährlich oder einfach nur merkwürdig? Was wusste er von den Schiffen? Wie hatte er von dem Schriftverkehr mit dem CSS erfahren? Und warum hielt er ihn auf und redete auf ihn ein, wenn er doch nichts zu sagen hatte? Und im Grunde hatte er ja nichts gesagt. Oder doch?
An Bord der Argo, etwa achtzig Seemeilen nördlich von Great Abaco Island, Bahamas
Nach dem Mittagessen trafen Peter, Patrick, Kathleen und der Kapitän in einem der Labors zusammen. Entlang der Wände standen Tische, die mit Tastaturen und Monitoren überfrachtet waren, mit Messgeräten und unidentifizierbaren Apparaturen. Alles war auf die eine oder andere Weise an den Wänden oder den Tischen befestigt, festgeschraubt oder steckte in speziellen Halterungen mit Sicherungsgurten. Die kostbare Ausrüstung durfte auch bei schwerem Seegang nicht umstürzen oder durch den Raum geschleudert werden.
Die Argo war spät in der Nacht angekommen und lag seitdem an den Zielkoordinaten. Das Meer war zwar ruhig, täuschte aber durch seine schwarzblaue Farbe nicht darüber hinweg, dass es unter ihnen dreieinhalbtausend Meter in die Tiefe ging. Die Kraft, die ein stürmischer Ozean hier draußen entwickeln konnte, durfte man zu keinem Zeitpunkt unterschätzen.