Ankern war hier natürlich nicht möglich, aber die satellitengestützten Positionierungssysteme prüften ständig die genaue Lage der Argo und würden sie automatisch korrigieren, wenn die Strömung das Schiff abzutreiben drohte.
Am Morgen war der autonom arbeitende Roboter Sentry abgetaucht. Der leuchtend gelbe, torpedoförmige Körper von Sentry hatte aufgebockt in einem großen Metallkäfig gelegen, den drei Besatzungsmitglieder aus dem Hangar gerollt hatten. Das rund drei Meter lange Gefährt verfügte am vorderen und hinteren Ende über je zwei breite, rote Flossen, die dem Ganzen die Erscheinung eines eigenartigen Fisches gaben. Ein Kran hatte es aus dem Käfig gehoben und ins Wasser gesenkt.
Dort hatten sich zwei Taucher um das Gerät gekümmert und es ein letztes Mal geprüft, bis es schließlich in der Tiefe des Ozeans versunken war.
Susan hatte ihnen erklärt, dass es rund dreieinhalb Stunden dauern würde, bis der Roboter den Grund erreichte. Etwa fünfzig oder hundert Meter über dem Boden hatte er dann angehalten, die Gewichte gelöst, die ihn nach unten gezogen hatten. Seitdem schwebte er und durchlief sein Scanprogramm. Sentry arbeitete sich dabei streifenweise vor und zurück, ähnlich wie ein Rasenmäher. Mit seinem Sonar maß er das Bodenprofil, und die einzelnen Streifen wurden über die Kabel zum Schiff gesendet und hier im Labor an den Computern zusammengesetzt. So ergab sich eine topografische Karte des Meeresbodens.
»Holen Sie sich Stühle und setzen Sie sich neben mich«, sagte John. Er hatte vor einem Rechner Platz genommen und startete ein Programm. »Diese Software zeigt die Daten, die Sentry bisher gesammelt hat. Er arbeitet noch immer, aber dieser Teil hier ist schon fertig aufbereitet.«
Der Monitor zeigte eine graue Fläche mit einzelnen schwarzen Rissen und scharfkantigen Klumpen.
»Das Sonar von Sentry wirkt wie eine Taschenlampe, die man schräg auf eine Fläche richtet. Durch den flachen Winkel werden alle Unebenheiten der Oberfläche besonders deutlich, weil sich dahinter Schatten bilden, gegen die sich jede Erhebung abhebt.« John wandte sich an Peter. »Nach genau demselben Prinzip betrachten Archäologen alte Inschriften auf einem Stein: Man hält einen Spiegel so, dass die Sonnenstrahlen ganz flach auftreffen und noch die schwächsten Spuren hervortreten.«
»Dann sind das dort...«
»Das sind vermutlich Felsen«, erklärte John.
»Macht jetzt keinen allzu spannenden Eindruck auf mich«, meinte Patrick. »Und mehr hat Ihr AUV nicht gefunden?«
»Oh, das ist beileibe nicht alles!« John bediente einige Symbole mit dem Mauszeiger. »Sehen Sie, die Auflösung ist sehr hoch. Diese Felsen sind lediglich... hier steht es: fünf Meter breit. Sentry wird aber heute rund zehn Kilometer Strecke zurücklegen und abtasten. Die Fläche, die wir uns also an den Monitoren ansehen können, ist noch wesentlich größer! Ich kann ein wenig auszoomen, dann sehen wir mehr von dem Gebiet.«
Indem John die Vergrößerungsstufe reduzierte, schrumpfte der Fels auf einen kleinen Punkt zusammen, und die graue Fläche erweiterte sich nach allen Seiten.
»Was ist dieser schwarze Streifen am linken Rand?«, erkundigte sich Kathleen.
»Das ist unbekanntes Gelände. Erst ab dieser Stelle hier hat der Scan begonnen. Wenn wir uns weiter nach rechts bewegen werden wir ebenfalls so einen Rand finden, nämlich dort, wo Sentry noch arbeitet. Das Ganze wird eine große, rechteckige Fläche ergeben. Aber die Daten müssen ja erst übermittelt und in Bilder umgerechnet werden. Die Darstellung erfolgt also nicht in Echtzeit. Wenn wir uns den letzten Teil des heutigen Gebiets ansehen können, wird er schon wieder auf dem Weg nach oben sein.«
»Das bedeutet, wir können gar nicht eingreifen, wenn wir hier etwas Interessantes sehen?«
»Nur mit einer Verzögerung. Für eine solche Untersuchung wäre auch eher Jason geeignet. Sentry arbeitet autonom nach einem Programm, das wir vorher festgelegt haben. Aber keine Sorge. Diese Karte wird nicht alles sein, was er liefert. Wir bekommen auch Messwerte von Temperatur und Salzgehalt, und in regelmäßigen Abständen senkt sich der Roboter bis auf wenige Meter über den Boden und macht Fotos. Das ist hilfreich, um die Beschaffenheit des Sediments zu erkennen oder um Wrackteile von Felsen zu unterscheiden.«
»Ich bin beeindruckt«, sagte Peter. »Es wird kolportiert, die Tiefsee sei weniger gut erforscht als der Mond. Aber nun muss ich sehen, dass die Technik doch bereits Erstaunliches leistet!«
»Die Leute haben trotzdem recht«, erklärte Patrick. »Eine solche Messung wie heute ist, wie wir selbst wissen, sehr teuer und zeitaufwendig. In dieser Auflösung den ganzen Meeresboden zu scannen, würde Hunderte von Jahren dauern. Von der Erde haben wir ein besseres Bild, weil wir durch die Satelliten aus viel größerer Höhe und mit viel weiter entwickelten Messgeräten arbeiten können. Wir können nicht bloß Schallwellenechos, sondern viele unterschiedliche Strahlen und Wellen messen. Außerdem gibt es viel mehr Satelliten. Dann darf man auch nicht vergessen, dass die Kontinente nur ein Drittel der Planetenoberfläche ausmachen, der Meeresboden ist aber doppelt so groß. Und zuletzt ist das Meer – anders als die Länder an der Oberfläche – von gewaltigem Volumen. Es geht nicht nur darum, wie der Boden aussieht, sondern um die Bedingungen und Lebensformen in dem viele Kilometer hohen Raum darüber. Nur weil Sie wissen, wie der Boden einer Keksdose aussieht, wissen Sie ja noch längst nicht, was drin ist.«
Peter schwieg. Wie leicht war es, der Selbstherrlichkeit zu verfallen. Und das bloß wegen einer erstaunlichen technischen Fähigkeit. Es lehrte wieder einmal – ebenso wie seine eigene Beschäftigung mit der Vergangenheit –, dass die eigene Perspektive nur einem winzigem Punkt in einem unendlich größeren Gefüge gleichkam.
John steuerte mit der Maus über die Karte, sodass diese sich langsam über den Bildschirm bewegte. Es war, als betrachte man Luftaufnahmen einer Fels wüste. An einigen Stellen verliefen regelmäßige, gewellte Muster über den ebenen Boden, was John als Sandflächen identifizierte, dann tauchten Steinhaufen auf, kleine gebirgsähnliche Formationen mit Plateaus und steilen Hängen, als Nächstes waren flache Gräben zu erkennen und tiefere Klüfte. Mehrmals stießen sie an den oberen Rand der Karte. Hier schob der Kapitän den Bildausschnitt ein wenig zur Seite und ließ die Karte wie herabwandern, bis das Spiel am unteren Ende der Karte erneut losging. Im Zickzackkurs folgten sie der Rasenmäherspur des Roboters.
»Was ist das dort?«, fragte Patrick und zeigte auf eine Erhebung, die wie mit dem Lineal gezogen zu sein schien. »Können Sie das mal näher heranholen?«
John vergrößerte das Bild so weit, bis sich keine weiteren Details aus den Pixeln herausschälten.
»Sieht wie eine künstliche Struktur aus«, überlegte der Kapitän. »Könnte natürlich auch Zufall sein. Vielleicht ist es ein Container, der von einem Frachtschiff gefallen ist, oder ein Wrackteil.« Der Meeresboden wanderte langsam vorüber. An der vom Sonar wiedergegebenen Form allein war nicht auszumachen, worum es sich handelte. Bald wurden immer mehr Objekte mit graden Kanten und rechten Winkeln sichtbar. »Nein, Container sind es nicht«, sagte John. »Achten Sie auf den Maßstab. Diese Blöcke sind nur wenige Meter lang. Nicht einmal halb so groß wie ein Überseecontainer.« Was zunächst wie eine Anzahl kleiner Quader ausgesehen hatte, wuchs sich zu einem umfangreichen Trümmerhaufen aus, je weiter das Bild sich voranschob.
Patrick rutschte auf seinem Stuhl nach vorn, als sich inmitten des zufälligen Gerümpels einige parallele Linien zeigten.
»Da! Sehen Sie mal! Sind das etwa Stufen?«
Erst drei, dann ein halbes Dutzend, und schließlich waren fast zwei Dutzend regelmäßige, eng nebeneinander verlaufende Kanten zu erkennen. Dass mehrere einzelne Objekte ein so gleichmäßiges Muster bildeten, war mit einem natürlichen Ursprung kaum zu erklären, und zufällig in Reih und Glied gefallen sein konnten sie auch nicht. Gerade als Patrick eine Bemerkung machen wollte, senkte sich vom oberen Teil der Karte ein grobkörniger Schnee über die Landschaft. John zoomte heraus, um mehr erkennen zu können. Wie das weiße Rauschen auf einem alten Fernsehgerät war der gesamte restliche Teil der Scans verdorben, bestand nur noch aus zufälligen hellen und dunklen Pixeln.