Der Bootsmann hantierte an den Instrumenten herum. »Es geht nicht!«, rief er.
González eilte auf ihn zu und drängte ihn beiseite, sodass er gegen einen der Seeleute prallte, der erstarrt daneben stand. »Was soll das heißen?!« Alle Anzeigen waren ausgefallen. Nachdem zunächst nur die empfindlichen elektronischen Geräte ausgefallen waren, war nun das ganze Schiff tot. »¡Mierda!«, fluchte González und hieb auf die Konsolen ein. »Das darf doch nicht wahr sein! Los, alle Mann Rettungswesten anziehen.« Der Seemann sah ihn entgeistert an, rührte sich aber nicht. »Habt ihr nicht gehört? Sofort!«
Ein neuerlicher Schlag dröhnte durch das Schiff. Die Schlagseite nahm zu. González hangelte sich an den Schränken entlang durch den Kommandoraum und die Treppe hinunter unter Deck.
»Rettungswesten an und alle an Deck! Los, los!«, schrie er durch den Gang. An den panischen Männern vorbei hastete er weiter nach hinten. Er öffnete die Tür zum Maschinenraum und wollte ebenfalls hineinbrüllen, als ihm eine heiße Wolke aus ölig stinkendem, beißendem Dampf entgegenschlug. Er trat beiseite, wollte den Rauch entweichen lassen, doch mit einer plötzlichen Bewegung der Juanita schoss ihm ein Schwall Wasser entgegen. Das Schiff war leckgeschlagen! Das Wasser flutete bereits den Maschinenraum!
González stemmte sich gegen die Tür. Er musste sie schließen, wenn sie eine Chance haben wollten. Er stützte sich an der gegenüberliegenden Wand des schmalen Gangs ab und drückte mit aller Kraft, bis es ihm schließlich gelang, die Tür wieder in ihre Position zu pressen, und ihr Schloss einschnappte. Es war kein regelrechtes Schott, nur eine einfache Stahltür, aber das musste genügen.
Er hastete den Gang zurück und hoch zur Brücke. Seine Männer hatten sich hier versammelt. Sie kämpften mit der Schräglage des Schiffs, lehnten an der Wand und bemühten sich hektisch, ihre Westen anzulegen.
»Wo ist Pedro?«, fragte González. Er hoffte, dass der Ingenieur nicht im Maschinenraum eingeschlossen war. Ein schneller Blick über die verwirrten Gesichter der Anwesenden bestätigte seine Befürchtungen. Für den Mann gab es keine Rettung mehr.
Ein gewaltiges Krachen fuhr durch das Schiff. Die Juanita bäumte sich nach hinten, und zwei der Männer wurden durch den kleinen Raum geschleudert. Einer schlug mit den Zähnen auf einen Handlauf aus Metall, der andere krachte gegen den Türrahmen. Die Juanita hatte ihren gesamten Bug erhoben. Das Schiff stand fast zehn Grad geneigt im Wasser.
»Festhalten!«, brüllte González, der erwartete, dass das Schiff jeden Augenblick wieder zurückfallen würde. Doch einige schreckliche Augenblicke vergingen und nichts geschah.
»Padre nuestro, que estás en el cielo...«, begann einer der Seemänner, andere senkten ihre Köpfe.
»Ihr bleibt hier, ist das klar? Keiner geht nach unten«, rief González. »Wenn die Juanita sinkt, macht, dass ihr hier rauskommt!« Damit verließ er die Brücke und trat an Deck. Regen peitschte in sein Gesicht und raubte ihm fast den Atem. Durch die halb geschlossenen Augen nahm er wieder das Leuchten wahr, und er zwang sich, genauer hinzusehen. Das weiß schäumende Brodeln hatte sich rund um das Schiff ausgebreitet. Das Wasser schien förmlich zu kochen, und obwohl sich der Bug der Juanita nun einige Meter aus dem Meer gehoben hatte, spritzte es von allen Seiten bis in diese Höhe.
González griff nach der Reling und bahnte sich vorsichtig den Weg in Richtung des abfallenden Hecks. Als er ankam, traute er seinen Augen zunächst nicht. Hier war der Ozean noch stärker aufgewühlt, fremdartige Wrackteile und undefinierbare Trümmer wurden von den Wellen umhergeschleudert. Über die Slip bis weit über das Achterdeck war ein gewaltiger zusammenhängender Haufen aus Tang, Treibgut und Gestein auf das Schiff geschleudert worden. Der größere Teil davon schien noch im Wasser zu hängen, denn er zog das Heck des Trawlers unter die Wasserlinie.
Ungläubig trat González näher, bis ihm das über das Deck schlagende Wasser bis zu den Waden reichte. Aus der schwarz glänzenden Masse aus Treibgut und Bruchstücken ragte ein Arm heraus. Pedro! Ins Meer gerissen, ausgespien und begraben in einem unentwirrbaren Trümmerhaufen, der nun nach der Juanita griff!
González wollte sich gerade abwenden, als er etwas in dem Haufen aufblitzen sah. Sein Blick blieb an einem unnatürlich glänzenden Stück hängen, das unter einem von Tang umklammerten Korallenbrocken hervorstach. Er beugte sich hinunter, ergriff die freiliegende Ecke des Stücks und versuchte, das Objekt freizubekommen. Es war Teil einer altertümlichen Metallplatte. Und es war kein normales Metall. Es war Gold!
González lehnte sich mit dem ganzen Körper in die Masse, drückte sich zwischen die nassen Trümmer, stemmte sie weg und zog an der fingerdicken Platte. Gerade, als sie sich löste, gab der gesamte Haufen nach und rutschte weiter nach hinten. Entsetzt wollte González sich aufrichten, als er merkte, dass sich das gesamte Heck weiter absenkte. Doch sein Ärmel hing an den scharfkantigen Korallen fest. Die Trümmer zogen ihn mit sich! Verzweifelt bemühte er sich, sich loszureißen, als eine gewaltige Welle über das Heck des Schiffes schlug und alles in einem tobenden Strudel aus Wasser und Dunkelheit verschlang.
AUTEC U.S. Navy Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas
»Sir, wir haben einen Code fünfzig, Sir!«
Der Soldat blieb in der Tür stehen und salutierte. Lieutenant Commander Walters sah von seinen Papieren auf. Er erinnerte sich vage an diese Bezeichnung, etwas Dringliches, aber seit seiner Stationierung auf Andros war es noch nicht vorgekommen.
»Danke«, sagte er schließlich und nickte. »Man soll alle Informationen zusammentragen, ich komme sofort.«
Als der Soldat gegangen war, stand Walters auf und öffnete seinen Wandsafe. Neben einigen aktuellen Projektunterlagen befand sich hier auch eine Mappe mit vertraulichen Anweisungen und Maßnahmeregelungen. Er schlug Code fünfzig nach, las einige Absätze und legte das Material wieder zurück.
Kurze Zeit später betrat er den Kontrollraum der Luft- und Seeüberwachung. Die Anwesenden sahen auf und strafften sich, aber Walters hob nur eine Hand und winkte ab. Der wachhabende Unteroffizier kam auf ihn zu.
»Ich habe Sie informieren lassen wegen des Codes fünfzig, Sir.«
»Und jetzt bin ich hier. Also schießen Sie los.«
»Wenn Sie mir folgen möchten, Sir.« Der Unteroffizier öffnete die gläserne Tür eines angrenzenden Besprechungszimmers. Dann dimmte er das Licht und bediente eine Computerkonsole, woraufhin die Projektion einer Karte an der Wand erschien.
Walters setzte sich und sah auf das Bild. Es war eine aus Satellitenaufnahmen zusammengesetzte Karte, die den Norden der Bahamas bis hinauf nach Abaco Island zeigte, sowie einen guten Teil des Atlantiks nordöstlich davon. In der Fußzeile waren Angaben über Maßstab, Datum, Uhrzeit sowie einige meteorologische Daten zu sehen.
Der rote Lichtpunkt eines Laserpointers erschien und wanderte über die Karte.
»Beachten Sie diese Region, Sir«, sagte der Unteroffizier. »Dieses Standbild ist vor etwa einer Stunde aufgenommen worden. Ich werde nun die Wolkenschichten einblenden, dann sehen Sie, dass der Himmel zwar bedeckt war, mit Windgeschwindigkeiten zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Knoten, also zum Teil starkem Wind, aber im ganzen Gebiet gab es keine Stürme oder Unwetter.«
Walters rieb sich den Nacken. Wetterkunde hatte er schon in der Ausbildung gehasst. Nun waren zwar die Visualisierungsmethoden fortschrittlicher geworden, aber das machte die Materie nicht wesentlich interessanter. Also schön, kein Unwetter im fraglichen Zeitraum, gut, weiter!
»Ich vergrößere nun den entsprechenden Ausschnitt. Dies entspricht etwa einer Höhe von fünfzehn Meilen, und wenn ich Ihre Aufmerksamkeit nun auf die überlagerten Daten aus dem Frequenzfilter-Scan lenken darf...«