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»Klar doch, Susan, kein Problem. Komm her, Kumpel. Hier gibt's noch ein paar Leckerbissen.«

»Ich lasse euch alleine, Jungs, okay? Und Patrick, wenn du noch andere Fragen hast... such mich einfach.«

Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie davon und ließ den Franzosen stehen.

»Die ist heiß, sage ich dir«, meinte Dick, der neben ihn getreten war.

»Wie bitte?«

»Heiß. Im Sinne von ›man verbrennt sich daran‹.«

Patrick sah den Mann irritiert an. »Was willst du mir damit sagen, Mann?«

»Nichts für ungut, Kumpel, aber Susan hat noch keiner bekommen. Und sie weiß genau, wie sie einem den Kopf verdreht. Aber sie spielt nur. Ignorier sie also am besten, sonst verbrennst du dich.«

»Hör mal zu: Das geht dich einen Mist an, okay? Ich werd mich schon nicht bei dir ausheulen. Hauptsache, du kennst dich mit diesem Baby hier genauso gut aus.« Er klopfte mit der flachen Hand an die Außenwand des Bootes. »Also, was ist, machst du die große Tour mit mir?«

Dick lachte. »Na klar doch. Das ist wenigstens etwas, auf das man sich verlassen kann. Also, los geht's.«

Fast zwei Stunden später saß Patrick wieder in seiner Kabine. Dick hatte ihm im Detail und in leuchtenden Farben sämtliche Eigenschaften von Alvin II beschrieben. Wie ein stolzer Vater hatte er ihm die Messgeräte gezeigt, die Konstruktion erklärt, die Steuerkonsole und letztlich sogar die komplette Bedienung. Das Boot war ein wirkliches Wunderwerk, das auf engstem Raum optimiert alle Erfahrung in sich vereinte, die in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Vorgängermodell und weltweit vergleichbaren U-Booten gemacht worden waren. Dem Ingenieur Patrick hatte die Führung ein erregtes Kribbeln beschert, das jetzt erst etwas nachließ. Sicher, er hatte schon zuvor Roboter und Sonden betreut und bedient, aber Alvin II übertraf sie alle. Wenn man die Tiefsee mit der Lebensfeindlichkeit und Unergründlichkeit des Alls verglich, dann war dieses Boot gleichsam ihre Raumkapsel, ein Panzer, mehr noch, ein Exoskelett, um in Regionen vorzudringen, für die Menschen nicht geschaffen waren.

Sie alle auf diesem Schiff waren Abenteurer. Aber sie suchten keine toten Ruinen im Urwald, erforschten keine Gräber, nein, sie waren wahre Entdecker neuer Welten.

Patrick dachte an Susan, die ihn am Hangar hatte stehen lassen. Sie war eine von ihnen, und schon allein der Gedanke übte eine neue Faszination auf ihn aus. Susan war die erste Frau seit langem, die ihn wieder mehr beschäftigte. Früher, noch bevor er mit dem Professor auf Reisen gegangen war, hatte er viele Liebschaften gehabt, immer leidenschaftlich, aber niemals für längere Zeit. In den letzten Jahren allerdings hatte sich das geändert. Ihn zog das an, was größer war als er selbst, das auch ihn erhöhte. Und etwas, das eine Tiefe besaß, die auch ihn erfüllte.

Zuletzt war dies Melissa gewesen, der er in Kairo begegnet war. Trotz ihrer scheinbar oberflächlichen Ungezwungenheit hatte er etwas Ähnliches in ihr gespürt, und die Ereignisse hatten ihm schließlich recht gegeben. Aber sie hatte nicht an jene Frau herangereicht, die ihr vorangegangen war, ja, mit der vielleicht sogar alles begonnen hatte: Stefanie.

Peter und er hatten sie in Südfrankreich kennengelernt, als sie sich ihrem Projekt angeschlossen hatte. Diese Frau, die er nie anders als freundschaftlich berührt hatte und der er dennoch auf eine Art nähergekommen war, die sich nicht beschreiben ließ. Während ihres gemeinsamen Erlebnisses in der mysteriösen Höhle hatte er eine Vision von ihr gehabt, gleichsam als sei für einen Lidschlag der Vorhang der Welt aufgerissen und hätte den gleißenden Schimmer eines höheren Wesens gezeigt. Trotz des furchtbaren Unfalls danach lebte sie seit dieser Zeit in seinen Gedanken weiter. Einige Male hatte er gemeint, sie auf der Straße zu sehen, und immer wieder träumte er von ihr. Er bedauerte ihre Abwesenheit mehr als alles, aber diese Visionen waren tröstend, ganz so, als sei sie in seiner Nähe, bereit, jederzeit wieder aufzutauchen.

Als er jetzt wieder an Susan dachte, stellte er fest, dass seine Gedanken sich nun auf eine ganz andere Weise mit ihr beschäftigten als noch kurz zuvor an Deck. Natürlich war sie anziehend, und ja, er bewunderte sie. Aber unter der Oberfläche dieser Anerkennung lag ein anderes Gefühl. Wie alt mochte sie sein? Mitte zwanzig? Jünger? Und dabei mit einem solchem Können, solcher Selbstsicherheit... Sie war ihm nicht tatsächlich überlegen, sicher nicht in jedem Aspekt, vielleicht sogar in den wenigsten. War es keine Tiefe, sondern lediglich die besondere Entfernung, die Unerreichbarkeit, die er wahrnahm? Gehörte sie bereits einer ganz anderen Generation an? Ging es so schnell, dass man den Anschluss verlor, ohne dass man es bemerkte?

Gedankenverloren zog er ein Softpack aus der Seitentasche seiner Hose und klopfte eine Zigarette heraus. Sein Blick wanderte zum Rauchmelder an der Decke. Er verzog den Mund und steckte alles wieder ein. Dann setzte er sich vor seinen Rechner und startete das E-Mail-Programm.

Tatsächlich: Gérard hatte geantwortet!

Es war eine E-Mail mit diversen Anhängen. Patrick war neugierig und öffnete zunächst die beigefügten Dokumente. Es handelte sich um Analysen, ein paar Kurvendiagramme und mathematische Reihen. Wie erwartet, hatte Gérard die Symbole auf der Platte mit den Mitteln eines Kryptologen behandelt und versucht, in den Zeichen Muster, Regelmäßigkeiten oder einen Code zu finden. Patrick erinnerte sich, wie er vor einigen Jahren in Frankreich gemeinsam mit Stefanie in ähnlicher Art und Weise eine verschlüsselte Botschaft aus dem Inneren der Höhle entziffert hatte. Damals hatte er sich mit einer Software selbst beholfen. Glücklicherweise hatte es geklappt, doch dies war kein Vergleich zu den Möglichkeiten, die Gérard zur Verfügung standen. Patrick las die E-Mail.

Hallo Patrick,

danke für deine zwar kurzfristige, aber sehr interessante Anfrage!

Auf die Schnelle habe ich nicht viel herausfinden können. Wie du dir sicher schon denken konntest, hast du mir zu wenige Anhaltspunkte gegeben. Wenn man etwas über die Herkunft oder das Alter wüsste, könnte man Annahmen hinsichtlich der Sprachfamilie treffen. Aber so... Außerdem sind es zu wenig Zeichen für eine vernünftige statistische Analyse. Ich habe dir ein paar der bisherigen Auswertungen beigefügt.

Ich habe zwar das Gefühl, es könnte sich tatsächlich um eine Sprache handeln, aber belegen lässt sich das im Moment noch nicht. Du müsstest mir mehr Informationen geben, und vor allen Dingen brauche ich längere Texte, mit denen ich arbeiten kann.

Übrigens werde ich in den nächsten zwei Wochen unterwegs sein und kann erst danach wieder antworten. Diesen Account hier liest aber meine Assistentin, Marie, sie wird euch auch helfen können, und wenn es ganz dringend ist, kann sie mich erreichen. Viel Erfolg, und Glückwunsch zu dem Fund, was auch immer es ist.

Gérard

Patrick nickte. Ja, das hatte er sich schon gedacht. Mit den Zeichen auf dieser Platte allein ließ sich noch nichts entschlüsseln.

Aber immerhin. Nun mussten sie weitere Textteile finden, dann konnten sie Gérard füttern. Vielleicht brachte ja schon der heutige Tauchgang neue Erkenntnisse.

Nach dem Mittagessen trafen sie sich im Kontrollraum, von wo aus der Roboter ferngesteuert werden konnte. John kam in Begleitung von Dick, dem U-Boot-Piloten, den Patrick schon kennengelernt hatte.

»Für diese feinmotorische Arbeit ist Dick besser geeignet als ich«, sagte der Kapitän zur Erklärung. Der Techniker setzte sich vor einen Computer, an den eine Konsole mit zwei kleinen Steuerknüppeln sowie verschiedenen Reglern und Knöpfen angeschlossen waren. Er bediente einiges davon, und kurz darauf erwachte ein Bildschirm über ihnen zum Leben. Zu sehen war allerdings wenig, nur schwach beleuchteter Sandboden, einige im Scheinwerferlicht tanzende Schwebeteilchen, und alles umgeben von absoluter Schwärze.