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»Sie werden sich der Bedeutungslosigkeit Ihrer selbst bewusst«, fuhr Gabriel fort, als Walters auch nach einer längeren Weile nichts sagte. »Das geht jedem so. Und es ist ein wichtiger Schritt. Denn in diesem Moment fällt alles von uns ab, was uns in der materiellen Welt verankert, um dessen Erhalt wir stetig kämpfen, dessen Verlust wir fürchten und betrauern. Wenn man erkennt, dass man selbst vor der Unendlichkeit keine Bedeutung hat, verliert auch alles andere seine Bedeutung. Die Kraft, die Sie aus diesem Gedanken ziehen können, ist die Kraft der Freiheit. Dinge an sich sind bedeutungslos. Es sind wir selbst, die ihnen Bedeutung geben. Wir entscheiden darüber, ob sie uns betrüben oder erfreuen, aber es sind keine Eigenschaften, die den Dingen innewohnen.« Der Hüne sprach langsam, mit kaum erhobener, aber deutlicher Stimme. »Wenn Sie einmal den Schritt gemacht haben und verstehen, dass jede Bedeutung eine Illusion ist, dann haben Sie den Schlüssel gefunden, um die Welt in sich neu zu schaffen, neu zu gestalten. Sie erleben Ursachen und Folgen, Leben und Tod, Freude und Leid als miteinander verbundene Teile eines Ganzen, Sie verstehen die Welt als Abbild der Wünsche aller Menschen, zum Teil verstärken sie sich, zum Teil sind sie unvereinbar, aber sie sind in einer steten Bewegung. Wie das Meer, das Sie nun nicht mehr mitreißt und herumwirbelt, sondern das Sie trägt, das Sie bewusst befahren und dessen ganze Schönheit Sie nun überschauen können.«

Der Weißbärtige beendete seine Ansprache, und Walters kam es so vor, als habe etwas seinen Geist durchgerüttelt. Die Rede des Mannes folgte einer Logik, der er nur knapp folgen konnte. Indem er einen Satz überdachte, schloss sich schon der nächste tiefgründige Gedanke an. Was waren das für merkwürdige Weisheiten, die der Alte da von sich gab? Wie weit war ihnen zu trauen, wo lagen ihre Fehlschlüsse, ihre Fallen?

Unvermittelt lachte Gabriel auf. »Ich weiß, das waren viele Worte auf einmal. Verzeihen Sie, wenn ich bisweilen ins Schwärmen gerate. Mir kommt es vor, als hätte ich ein ähnliches Gespräch erst gestern geführt... Aber Sie wissen vielleicht, wie es ist, man kommt herum, man macht sich Gedanken, man liest, man lernt, man wird älter, und eines Tages hört man, wie längst gestorbene Philosophen aus dem eigenen Mund sprechen.«

»Ehrlich gesagt«, meinte Walters, »habe ich diese Erfahrung bisher noch nicht gemacht.«

Gabriel lud Walters mit einer Geste ein, mit ihm gemeinsam den Weg weiterzugehen. »Nun, das wird vielleicht noch kommen«, sagte er dabei. »Sie sind deutlich jünger als ich und werden noch ausreichend Gelegenheit zum Philosophieren haben.«

»Ist es das, womit Sie Ihre Zeit verbringen, wenn Sie hierherkommen?«

»Zum Teil, ja. Um ehrlich zu sein, habe ich heute allerdings gehofft, dass ich Sie wieder hier antreffen würde.«

»Weshalb das? Auch das erste Treffen schien mir nicht zufällig gewesen zu sein.«

»In der Tat, das war es nicht. Ich wollte Sie kennenlernen und sehen, wer dieser Mann ist, der eine so wichtige Rolle in den kommenden Ereignissen spielen wird.«

»Wovon sprechen Sie?«

Gabriel schwieg einige Schritte. »Ich habe eine Aufzeichnung Ihrer Pressekonferenz gesehen«, sagte er dann. »Die Walstrandungen. Ich hatte das Gefühl, Sie fühlten sich nicht wohl in Ihrer Rolle.«

Und das nicht zum ersten Mal, fügte Walters in Gedanken hinzu. »Wie kommen Sie darauf?«, fragte er und sah Gabriel von der Seite an.

»Nennen Sie es eine Ahnung«, sagte dieser lächelnd, den Blick weiterhin auf den Weg vor ihnen geheftet. »Menschenkenntnis, wenn Sie so wollen.«

»Weshalb, denken Sie, sollte ich mich nicht wohlgefühlt haben? Ich hatte einen sehr guten Eindruck von den Antworten, die wir geben konnten.«

Nun blieb Gabriel stehen und sah Walters prüfend an. »Diese Tiere... Schnabelwale, richtig?... Sie wissen, woran sie gestorben sind, habe ich recht?«

»Nun...« Walters zögerte. »Wenn Sie die Konferenz gesehen haben, kennen Sie die Antwort.«

»Es steckt oft weniger in dem, was gesagt wird, als in dem, was nicht gesagt wird«, gab Gabriel zurück. »Mir ist allerdings aufgefallen, dass Sie zum Ende des Termins hin deutliche Worte gefunden haben. Sie sagten, Sie würden das LFAS unter Umständen nicht weiter einsetzen. Sie übernehmen Verantwortung.«

»Selbstverständlich!«

»O nein, das ist gemeinhin weit weniger selbstverständlich, als man wünschen würde. Zudem dies auch erst der Anfang ist. Denn sicher kennen Sie den Ausspruch: Man ist nicht nur verantwortlich für das, was man tut, sondern auch...«

»... für das, was man nicht tut«, vollendete Walters den Satz. »Ich weiß. Sind Sie deswegen hergekommen? Um Andachtssprüche auszutauschen?«

»Ich mache mir Sorgen«, erklärte Gabriel.

»Über die Wale? Sind Sie von Greenpeace?«

»Ich bin nur eine Privatperson. Und es geht mir nicht um die Wale, nein. Ich mache mir Sorgen um die Forschungen draußen im Atlantik. Die Forschungen, die Sie stoppen sollen.«

Walters blieb stehen und schloss die Augen. Ganz offenbar war er an einen Spinner geraten oder an jemanden, der enge Kontakte zu Militär- oder Geheimbehörden hatte. Beides keine vergnügliche Aussicht.

»Sie fragen sich, woher ich das wissen kann«, sprach Gabriel weiter. »Oder ob ich einfach nur gut geraten habe.« Er machte eine Pause, bevor er fortfuhr. »Ich gehöre keiner Ihnen bekannten Behörde an, wie ich schon das letzte Mal sagte. Aber ich bin über alles informiert, was dort auf See geschieht, und ich weiß, dass Sie im Auftrag der NSA angewiesen wurden, die Untersuchungen der Europäer zu stoppen und auch das kubanische Schiff zurückzubeordern.«

Walters schwieg. Er war zu sehr vor den Kopf geschlagen, um sich einen Reim darauf zu machen, geschweige denn, einen passenden Kommentar dazu abzugeben. Sollte der Mann erst einmal erzählen, was er zu sagen hatte.

»Wie schon gesagt, bin ich nicht in der Position, um Ihnen Anweisungen zu geben. Ich denke auch nicht, dass Sie weitere Personen schätzen würden, die Ihnen vorschreiben, was Sie tun oder lassen sollen. Auch, dass Sie an einem Scheideweg stehen, sagte ich bereits. Oftmals erkennt man bedeutende Momente erst in der Nachbetrachtung. Jene Momente, an denen sich das Schicksal in besonderer Weise geballt hat, wo eine Entscheidung etwas bewirkt hat oder hätte bewirken können, das über das Maß der üblichen Wirkungen hinausgeht. Ich habe Sie aufgesucht, um Sie für diesen Moment vorzubereiten, Ihnen so viele Informationen wie möglich zu geben, damit Sie den Moment erkennen und ihn sinnvoll abwägen können. Eine Entscheidung allerdings kann und wird Ihnen schließlich niemand abnehmen.«

Walters stöhnte innerlich auf. Das tutorenhafte Geplauder und das stets Unspezifische des Mannes begannen, ihm auf die Nerven zu gehen.

»Wenn das so ist, ist es wohl nicht zu viel verlangt, dass Sie endlich sagen, um was es geht.«

»Ich gehe davon aus, dass Sie sich informiert haben, wer die Leute sind, die da draußen auf dem Ozean ihre Roboter in der Tiefe versenken und den Meeresboden kartografieren.«

Walters nickte.

»Dann wird Ihnen aufgefallen sein, dass die Projektunterlagen, die Sie vom WHOI erhalten haben, verhältnismäßig allgemein gehalten sind.«

Walters nickte erneut. Tatsächlich konnte er sich nicht erinnern, ob in den Papieren, die man ihm besorgt hatte, überhaupt eine detaillierte Projektbeschreibung enthalten gewesen war. Falls ja, hatte er sie jedenfalls nicht gelesen. In der Tat wusste er überhaupt nicht, was genau die Forscher dort suchten, außer irgendwelchen Ruinen.

»Wenn Forscher fast eine Million Dollar für eine Hightechuntersuchung ausgeben«, fuhr der Alte fort, »ohne zu erklären, wofür, und wenn sich dann ein Geheimdienst einschaltet, um das Projekt zu stoppen, dann liegt der Schluss nahe, dass das wahre Projektziel geheim bleiben soll. Also: Um was geht es tatsächlich? Ist es richtig, das Projekt zu beenden? Oder ist es falsch? Oder ist es egal? Als Soldat ist es Ihre Aufgabe, Befehle zu befolgen, nicht sie zu hinterfragen. Aber Sie sind nicht nur Soldat, Sie sind auch Stanley Walters, geboren in Boston, Ehemann, Vater, Mensch. Die Frage ist, ob der Mensch Walters die Verantwortung dafür übernehmen kann, was der Soldat Walters tut. Ich weiß, dass Sie sich diese Frage zunehmend stellen, sonst hätte ich Sie nicht aufgesucht. Nur lässt sich dies nicht mit geschlossenen Augen beantworten. Verstehen Sie, worum es geht? Verstehen Sie, was auf dem Spiel steht? Wie können Sie ohne dieses Wissen Verantwortung übernehmen?«