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An dem Mann ist ein Dozent verloren gegangen, überlegte Walters.

»...dann erkennen Sie hier einen grauen Fleck im Wasser. Das ist eine Weißwasserzone, sehen Sie? Und in den nächsten dreißig Minuten wurde sie beständig größer.«

»Hören Sie«, sagte Walters, »das ist ja alles ganz interessant, aber es wäre wohl kein Code fünfzig, wenn da nicht auch irgendwo ein Boot gewesen wäre, oder? Kommen Sie zum Punkt.«

»Ja, natürlich, Sir. Es geht um dieses Schiff hier.« Eine Route wurde eingeblendet, an deren Ende ein kleiner Kreis zu erkennen war. »Es war ein Trawler.«

»Ein Trawler?!« Walters stöhnte innerlich. Das blieb sicher nicht unbeachtet und konnte möglicherweise Ärger bedeuten.

»Ja, Sir. Ein kubanischer Trawler, um genau zu sein. Wir haben die Daten geprüft und festgestellt, dass er in den letzten Tagen in diesem Gebiet gekreuzt ist. Dabei hat er aber nicht gefischt. Allerdings haben wir Sonarechos aufgefangen. Wir gehen davon aus, dass es sich um eines dieser umgebauten Schatzsucherschiffe gehandelt hat.«

»Gute Arbeit«, sagte Walters und war erleichtert. In der Regel interessierte sich niemand dafür, was mit solchen privaten Schiffen passierte. Und mit kubanischen Schatzsuchern schon gar nicht. »Was ist dann passiert?«, wollte er wissen.

»Nachdem das Schiff in die Weißwasserzone geraten war, ist es keine fünfzehn Minuten später vom Radar verschwunden.«

»Gesunken?«

»Vermutlich ja, Sir.«

»Notrufe?«

»Keine, Sir.«

»Gut, danke.« Walters erhob sich. Und dafür der ganze Aufstand, dachte er. Andererseits war es Teil des Protokolls. Glücklicherweise waren die Umstände so gelegen, dass er nicht weiter tätig werden musste. »Behalten Sie das Gebiet im Auge«, wies er den Unteroffizier an, »und melden Sie mir weitere Vorkommnisse, die damit in Zusammenhang stehen. Sie wissen, was Sie für einen Bericht zu schreiben haben?«

»Top Secret, Sir.«

»Gut. Wegtreten.«

Atlantik, etwa achtzig Seemeilen nördlich von Great Abaco Island, Bahamas

Als González die Wellen durchbrach, sog er gierig Luft ein, bevor er erneut unter Wasser gezogen wurde. Er wurde herumgewirbelt, unfähig, oben und unten zu unterscheiden. Um ihn herum war ein tobendes Chaos aus Luftblasen, Schaum und Wrackteilen. Als Einziger der Besatzung hatte er sich keine Schwimmweste angezogen, aber es hätte ihm auch wenig geholfen: Er würde im Strudel der Trümmer so lange mitgerissen werden, bis er ertrank. Etwas rammte ihn seitlich, und er griff danach. Es war rau und splittrig, ein großer Holzbalken oder etwas Ähnliches. Er krallte sich fest und zog den Kopf ein, als er zusammen mit dem Holzstück von einer Strömung erfasst wurde. Dann war er wieder an der Oberfläche und schnappte nach Luft. Für einen Augenblick meinte er die Juanita in der aufgewühlten See tanzen zu sehen, aber er täuschte sich. Er klammerte sich fester an das Holz und sah sich vorsichtig nach allen Seiten um. Noch immer regnete es, und der Wind riss die Spitzen der Schaumkronen ab, aber der Sturm hatte schon deutlich nachgelassen, und auch das Meer beruhigte sich. Das unwirkliche Leuchten war verschwunden und mit ihm das weiße Brodeln. Über das Wasser trieben Tanginseln, aus denen hölzerne Überreste und anderer Unrat herausstanden. Von der Juanita war nirgendwo etwas zu sehen.

González entdeckte in einiger Entfernung eine größere Ansammlung von Treibgut. Er strampelte mit den Beinen, um sein Holzstück im Wasser zu wenden und manövrierte sich schließlich zu dem Haufen. Es waren mehrere ineinander verkeilte Balken, mit Seegras und Blasentang zu einem dichten Gespinst verwoben.

Er rettete sich auf das behelfsmäßige Floß. Es schwankte und verschob sich unter ihm, aber es hielt. Auf dem Bauch liegend begann er, die Konstruktion zu verbessern. Er zog lange Streifen hellbraunen und schwarzen Tangs zwischen den Ritzen hervor und verwob sie mit anderen. Er griff nach hölzernen Stangen und Resten von Brettern und schob sie so ineinander, dass sie sich noch fester verklemmten.

Er glaubte zu träumen, als er wieder etwas golden aufglänzen sah, genau so wie in dem Haufen, der auf das Heck der Juanita gespült worden war. González beugte sich vor und griff tief zwischen zwei Balken hindurch, um das goldene Objekt zu fassen, das fast vollständig unter der Wasserlinie zwischen den Trümmern hing. Es war eine schmale Platte, vielleicht dieselbe wie zuvor. Ein Prickeln durchlief ihn, als seine Finger ihre Oberfläche berührten. Diese Farbe! Fast meinte er, eine Wärme zu spüren, die von dem Gegenstand ausging. Er zog leicht an der Platte, doch sie schwang plötzlich nach unten. Sie war schwer! Er hielt sie nur noch mit drei Fingern, der Rest baumelte frei unter dem Floß und drohte jeden Augenblick in die Tiefe zu sinken.

Verzweifelt rutschte González in eine günstigere Position, um mit seinem anderen Arm ebenfalls durch die Lücke im Treibgut greifen zu können.

»González!«

Überrascht drehte er den Kopf. Einige Meter vom Floß entfernt schwamm ein Mann.

»González! Hilf mir!«

Es war Raul, der mit kraftlosen Bewegungen versuchte, sich über Wasser zu halten. Seine Schwimmweste war fort, er war erschöpft und offenbar verletzt.

González wandte sich dem Mann zu, soweit es sein zwischen den Balken hängender Arm erlaubte, und streckte den anderen Arm zu ihm aus. »Komm her! Nimm meine Hand!«

Rauls Kopf sank unter Wasser. Dann schlugen seine Arme noch einmal aus, und er kam wieder hoch. Seine Kraft reichte nicht mehr für sinnvolle Schwimmbewegungen. »Hilfe!«, brachte er hervor, bevor ihm eine Welle über den Kopf spülte.

González musste ihm helfen! Aber er konnte nicht weg! Er zog seinen versenkten Arm versuchsweise heraus, doch die goldene Platte stieß dabei gegen die Unterseite des Haufens und glitt ihm fast aus der Hand. Nur noch mit eisern zusammengepressten Fingerspitzen hielt er die Kostbarkeit.

»Nur noch ein paar Meter«, rief er verzweifelt über das Wasser und streckte sich noch weiter, um Raul mit dem anderen Arm zu erreichen. Aber es war viel zu weit.

Raul sah auf, hieb um sich, doch schon wieder schwappte eine Welle über seinen Kopf, und er versank erneut. Einen Augenblick später stieß noch einmal ein Arm an die Wasseroberfläche, dann verschwand auch er in der Tiefe.

»Nein!«, schrie González. In seinen Augen mischten sich Tränen mit dem Regenwasser, und zornig fluchte er in den Sturm. Dann drückte er sein Gesicht in den nassen Tang des Floßes. Er weinte und bebte, zunächst vor Trauer, dann immer stärker vor Wut. Er sammelte Kraft, und schließlich stieß er mit dem zweiten Arm in den Zwischenraum und hinunter zu der goldenen Platte. Er ergriff sie nun vollständig und zerrte mit wilder Entschlossenheit an ihr, bis er sie wenige Minuten später zwischen den Trümmern hindurch und an die Oberfläche gezogen hatte.

Er drehte sich erschöpft auf die Seite und legte den Schatz neben sich. Die Platte war aus Gold, ohne Frage. Und sie war beschriftet! Spiralförmige Muster, feine Linien wie Konstruktionszeichnungen und Piktogramme einer fremden Sprache bedeckten die Oberfläche. So etwas hatte er noch nie gesehen, aus keiner Zeit und von keiner Kultur, von der er je gehört hätte. Aber wo sie herkam, dort würde es noch mehr davon geben.

González stieß eine Faust in Richtung Meer. »Bei diesem Gold schwöre ich, dass ich wiederkommen werde! Ich werde dir deine Schätze entreißen und den Tod meines Bruders rächen! Raul, hörst du?! Ich komme wieder, und ich werde dich rächen!«

Kapitel 2

Regenwald, etwa sechzig Meilen nördlich von Flores, Guatemala

Patrick erwachte wie schon in den letzten Tagen durch das enervierende Gezeter eines bestimmten Vogels. Sicher war es nicht derselbe, der ihnen ständig folgte, aber diese Art gab ein besonders schrilles Pfeifen von sich.