Endlich sagte er: »Wir sind da, hundert Meter von der Schwelle entfernt. Ist das weit genug?«
Patrick zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt wissen wir es nicht. Diese Stelle könnte genauso gut oder schlecht sein wie jede andere.«
»Spekulation hilft uns hier nicht weiter«, sagte Peter entschlossen. »Wir können es nur ausprobieren.«
»Senken Sie ihn ab«, wies John den Piloten an.
Dick bediente die Geräte mit den Fingerspitzen.
Da auf dem Monitor nur Dunkelheit zu sehen war, richteten sich alle Augen auf die Datenanzeige. Temperatur 4,2°C, Tiefe 3512,4 Meter, Entfernung zum Boden 1,7 Meter.
Quälend langsam verringerte sich die letzte Zahl.
»Ich neige die Scheinwerfer und die Kamera so gut es geht nach unten«, erklärte Dick. Eine Veränderung am Bild war nicht zu erkennen. Nur die gemessene Tiefe, die langsam zunahm.
»Fünfzig Zentimeter über dem Boden«, sagte er. »Noch wenige Handbreit, dann setzen wir auf.«
»Wir setzen nicht auf«, sagte Patrick. »Machen Sie weiter.«
»Tun Sie, was er sagt«, bestätigte John.
Die Anzeige veränderte sich weiter.
Vierzig Zentimeter über dem Boden, dann fünfunddreißig.
»Jetzt müssten wir den Grund berühren...«, sagte der Pilot halblaut. Doch noch immer bediente er Jasons Fernsteuerung.
Dreißig Zentimeter. Fünfundzwanzig. Zwanzig.
»Ich verstehe das nicht... wir scheinen einzusinken. Jasons Kufen müssten längst aufsitzen.«
Fünfzehn.
Zehn.
Fünf.
Jasons Kamera zeigte weiterhin Schwärze.
Dann erreichte die Tiefenanzeige ihren Maximalwert. Eine Tiefe von 3514,1 Metern. Die Höhe über dem Boden zeigte 0,0 Meter.
»Wir sind da«, sagte Dick. Seine Stimme war nur ein Hauch in der atemlosen Stille des Kontrollraums.
»Noch lange nicht...«, sagte Patrick. »Gehen Sie tiefer.«
»Wir sind auf dem Boden! Es gibt kein Tiefer.«
»Glauben Sie mir.«
John legte seine Hand auf die Schulter der Piloten. »Versuchen Sie's.«
Widerwillig bediente Dick erneut die Regler. Jason setzte sich in Bewegung. Die Messwerte änderten sich.
»Was zum Henker...!«
Die Geräte meldeten nur noch eine Tiefe von 0,0 Metern. Der Wert für die Höhe über dem Boden war verschwunden, stattdessen stand dort E 99999.9.
Dicks Finger huschten über die Tastatur und riefen eine Kommandozeile auf dem Monitor hervor, in die er einige hektische Befehle eintippte, woraufhin eine Liste unverständlicher Begriffe und Werte über den Bildschirm raste.
»Es muss eine Fehlfunktion sein!«, rief der Pilot. »Der Tiefenmesser und das Sonar sind ausgefallen... Wir bekommen keine Werte mehr!« Seine Hände zuckten zwischen Tasten, Knöpfen und Reglern hin und her. »Ich habe Jason gestoppt... Merkwürdig, das Selbstdiagnose-System meldet keine Probleme ...«
»Weil es keine gibt«, sagte Patrick mit ruhiger Stimme. »Wir bekommen keine Daten, weil die schwarze Schicht alles verschluckt. Das ist völlig normal.«
»Normal?!«
»Sagen wir: Ich hatte es erwartet.« Patrick grinste. »Wir müssen noch etwas tiefer. Die Schicht durchdringen.«
John nickte.
Dick griff kopfschüttelnd zum Steuerknüppel. Es war ihm anzumerken, wie unwohl er sich dabei fühlte.
»Okay..,«, erklärte er zögernd, »er hat jetzt wieder Abtrieb und sinkt. Und die Heckpropeller laufen, er hat also ein bisschen Schub nach vorn. Jedenfalls sollte er das haben...« Er deutete auf die unveränderte Anzeige auf dem Monitor. »An den Werten hier kann ich es allerdings nicht ablesen.«
»Warten Sie einen Moment...«, sagte Patrick.
Und plötzlich flammte der schwarze Bildschirm regelrecht auf. Was sie sahen, widersprach jeder Erwartung.
Der Tiefenmesser zählte langsam von null aufwärts, ganz so, als hätte der Roboter gerade erst die Wasseroberfläche durchbrochen. Die Entfernung zum Boden gaben die Geräte mit 57,2. Metern an. Das Erstaunlichste jedoch war, was die Kamera einfing. Statt der bisherigen absoluten Dunkelheit eröffnete sich unter ihnen das Panorama einer Unterwasserwelt, wie man sie beim Schnorcheln hätte sehen können. Lebewesen gab es keine, aber zerklüftete Felsformationen, die in ein dahingleitendes, violett-blaues Licht getaucht waren und sich in der Tiefe verloren.
»Anhalten!«, rief Patrick. »Halten Sie Jason an.«
Dick folgte den Anweisungen, und der Roboter verharrte.
»Es klappt«, bemerkte Peter mit einem Flüstern, das nur Patrick verstand. Der Franzose nickte ihm erleichtert zu. Die Gefahr, dass die Schwelle die Kommunikation mit dem Gerät unterbrechen würde, war gebannt.
»Gut...«, sagte Patrick. »Nun richten Sie ihn so, dass wir nach oben sehen können, zur schwarzen Decke, durch die wir gerade gekommen sind.«
Langsam neigten sich der Roboter und dessen Kamera.
Doch statt einer schwarzen Fläche kam eine leuchtende Ebene über ihnen ins Bild, die sich wie ein unwirklicher Himmel durch das Wasser zog.
»Die Trennschicht!«, sagte Patrick. »Sehen Sie sich das an, Peter. Sie wirkt nach beiden Seiten unterschiedlich!«
»Äußerst faszinierend«, gab der Professor halblaut zurück.
»So etwas habe ich noch nie gesehen!«, sagte John und rückte ein Stück nach vorn. »Was ist das?«
»Das kann alles überhaupt nicht sein!«, sagte Dick. »Die Tiefe wird über den Außendruck gemessen. Wenn die Daten stimmen, dann herrscht hier plötzlich nur noch ein Druck wie kurz unter der Wasseroberfläche. Wie soll das funktionieren?!«
»Vielleicht ist es ein gigantisches Kraftfeld«, sagte Patrick.
»Ein Kraftfeld?!«
»Wir wissen nicht, wie dieser Effekt erzeugt wird«, sagte Peter. »Aber die Kultur, die wir suchen, verfügte offenbar über eine Technologie, die uns bisher unbekannt ist.«
»Das ist unglaublich...«, murmelte Kathleen.
»Können Sie Jason wieder nach unten richten?«, fragte Patrick. »Ich will sehen, was da unten ist!«
Langsam wanderte das Auge der Kamera nach unten. Jason sank hinab und drehte sich dabei langsam um die eigene Achse. Die surreale Landschaft aus Felsnadeln, Terrassen und Abhängen breitete sich nach allen Seiten hin aus. An einigen Stellen ragten die Felsen fast bis zur Trennschicht auf, an anderen lag der Boden in unergründlicher Tiefe.
»Da haben wir uns eine passende Lücke zum Abtauchen ausgesucht«, sagte Patrick.
»Das Gebiet ist sehr unübersichtlich«, meinte Peter. »Als wäre man mitten im Gebirge.«
»Ja«, sagte Patrick. »Eigentlich müssten wir erst mal Sentry hier runterschicken, um es zu kartografieren. Sonst haben wir keine Chance, hier etwas zu finden.«
»Trotzdem sollten wir noch einmal tiefer gehen«, sagte Peter.
»Was denn, um Steine anzugucken?«
»Selbst wenn es nur das wäre, ja!«, sagte der Professor. »Sind Sie nicht genauso aufgeregt wie ich? Wir sind vermutlich die ersten Menschen seit Zehntausenden von Jahren, die das hier sehen, vielleicht die ersten Menschen überhaupt! Es ist eine Expedition in eine fremde Welt, und wir sind mit einer Kamera dabei. Das müssen wir doch ausnutzen!«
»Das sehe ich auch so«, warf Kathleen ein. »Wir sollten uns noch ein wenig umsehen, solange wir können.«
»Ich verstehe Ihren Wunsch«, sagte der Kapitän. »Aber in diesem Gebiet können wir nur sehr behutsam navigieren. Und vor allen Dingen können wir nicht sehr tief gehen. Das Risiko, dass die Kabel an den Felsen hängen bleiben, ist zu groß, wenn wir die Umgebung nicht genau kennen.«