»Dick passt schon auf«, sagte Patrick. »Richtig?«
»Ich werde mein Bestes geben«, gab der Pilot zurück.
Jason senkte sich weiter ab. Nach zehn Metern erreichte er einen Felsen, auf den er seine Scheinwerfer richtete und an dessen Wand er sich mit einigem Abstand weiter nach unten bewegte.
»Keine Ablagerungen«, bemerkte Patrick.
»Es sieht ganz anders aus als jeder Meeresboden, den ich bisher zu Gesicht bekommen habe«, stimmte John zu.
»Keine Algen oder Korallen, nicht einmal Kalkspuren, Krebse oder Kleinlebewesen...«, zählte Patrick auf. »Das sieht ziemlich ausgestorben aus. Eine echte Mondlandschaft, wenn Sie mich fragen.«
»Vielleicht hat es mit der Schwelle zu tun«, überlegte Peter. »Viele Lebewesen, die in dreieinhalbtausend Metern Tiefe leben, gibt es bestimmt nicht. Und wenn, dann sind sie sicher dem Druck angepasst. Es ist ja fraglich, was passiert, wenn sie plötzlich die Schwelle überschreiten, wo offenbar gar kein Außendruck mehr herrscht, wie Dick eben erklärte. Vermutlich würden sie doch auf der Stelle zerplatzen, oder?«
»Da haben Sie recht«, stimmte Patrick zu. »Das betrifft aber in erster Linie Luftkammern oder sich ausdehnende Gase in den Körpern. Und das muss nicht auf alle Tiere zutreffen, schon gar nicht auf Bakterien oder Algen. Schwelle oder nicht, es könnte sich hier unten ein eigenständiges Biotop entwickelt haben. Müsste es sogar eigentlich. Aber das Wasser ist so glasklar ...«
Jason sank weiter, die Scheinwerfer auf die Felswand gerichtet.
»Wenn man es genau betrachtet«, überlegte der Franzose, »sieht das nicht nach magmatischem Gestein aus, das irgendwann aus dem Meeresboden nach oben gedrückt wurde. Es wirkt eher wie ein ganz normaler Felsen an Land. Sehen Sie: Es gibt keine horizontalen Erosionsspuren, wie sie eine Strömung erzeugen würde, sondern senkrechte Streifen, wie man sie im Gebirge findet. Das Ganze sieht aus wie eine Gebirgsspitze!«
Noch immer senkte sich Jason in die Tiefe. Die Anzeige gab eine Höhe von dreißig Metern über dem Boden an. Der Anblick der Felswand änderte sich jedoch nicht. Nachdem Patrick den Vergleich mit einem Gebirge ausgesprochen hatte, fiel es Peter zunehmend schwer, sich von diesem Gedanken zu lösen. Anders als beim bisherigen Tauchgang in die Tiefe war das Bild auf dem Monitor absolut klar, keine Schwebeteilchen tanzten durch das Licht der Scheinwerfer, die Sicht war vollkommen ungetrübt, und die an ihnen vorbeiziehende Gesteinswand sah nicht anders aus, als das, was ein Bergsteiger sieht, der sich abseilt. Die Gewissheit, Tausende von Metern tief unter Wasser zu sein, wich dem irritierenden Gefühl zu fliegen.
»Noch zehn Meter«, sagte Dick. »Ich neige Jason, sodass die Kamera nach unten gerichtet ist und wir sehen können, wo es hingeht.«
Das Bild auf dem Monitor schien zu kippen, und kurz darauf war der Boden zu sehen. Das Licht, das von der Trennschicht nach unten schien, war noch immer so hell, dass Details im Zwielicht zu erkennen waren.
»Verdammt!« Patrick zuckte auf seinem Stuhl zusammen. »Was zum Teufel ist das?!«
Von unten leuchtete ihnen etwas entgegen, das sich aus der Höhe noch nicht erkennen ließ.
»Da liegt etwas«, meinte John.
»Gehen Sie tiefer, Dick!«
Der felsige Boden kam langsam näher, das Leuchten nahm zu. Jason befand sich nur noch acht Meter darüber.
»Da leuchtet nichts...«, sagte Patrick. »Es ist eine Reflektion der Scheinwerfer.«
»Die Tiefenanzeige alterniert«, sagte Dick plötzlich.
»Wie meinen Sie das?«, fragte Peter.
Dick wies mit einer Hand auf den Tiefenwert auf dem Monitor, während er mit der anderen Hand weiterhin den Steuerknüppel bediente. »Sehen Sie? Acht Meter bis zum Grund. Und wenn Jason sich nur ein winziges Stück zur Seite bewegt: nur noch zwei Meter. Und hier wieder: acht. Das bedeutet, dass da irgendetwas Dünnes vom Boden aus etwa sechs Meter nach oben ragt.«
»Und zwar etwas Spiegelndes...«, vermutete Patrick und rutschte auf seinem Stuhl noch weiter nach vorn. »Steuern Sie vorsichtig in den tieferen, sicheren Bereich, sodass Sie genug Spielraum haben, und lassen Sie uns bis nach ganz unten gehen, damit wir sehen können, was es ist!«
Der Roboter schwenkte ein Stück zur Seite und tauchte weiter behutsam ab. Und tatsächlich geriet nach zwei Metern ein Objekt in den Bereich der Kamera. Langsam schob es sich von unten nach oben durch das Bild, während Jason daran vorbeiglitt.
»Sehen Sie sich das an!«, rief Patrick.
Vor ihren Augen ragte eine dünne Konstruktion aus poliertem Metall vom Meeresboden auf. Es war ein kompliziert verwobenes Gestänge, nicht breiter als fünfzehn oder zwanzig Zentimeter, mit zahlreichen seitlichen Auswüchsen, Vorsprüngen und Kanten. Die Form mutete an wie eine wild gewucherte Kristallstruktur. Aber feine Rillen, die in geschwungenen Bahnen die Oberfläche durchzogen, machten deutlich, dass es sich um eine künstliche, eine technische Apparatur handelte. Und was schließlich im tiefer liegenden Teil des Objekts jeden Zweifel ausräumte, waren die darauf befindlichen Schriftzeichen.
»Schriftzeichen, Peter! Dieselben wie auf den schwarzen Blöcken!«
»Ich sehe es...« Der Professor konnte die Erregung in seiner Stimme kaum unterdrücken.
»Vielleicht ist es etwas, das aus einem Schiff gefallen ist«, überlegte John vorsichtig, selbst unfähig, den Blick vom Bildschirm zu lösen. »Und dann ist es kopfüber hier unten stecken geblieben.«
»Nur noch ein halber Meter über Grund«, informierte Dick. »Ich neige die Kamera.«
»Also, zufällig im Boden stecken geblieben ist das nicht, John«, sagte Patrick. Im Licht der Scheinwerfer war zu erkennen, dass die Konstruktion zum Fuß hin breiter wurde und mit einer Bodenplatte im Untergrund verankert war. »Das Ding hat man hier ganz bewusst installiert.«
»Aber wer würde in dieser Tiefe etwas befestigen?«, fragte Kathleen.
»Die Frage ist viel eher«, meinte Dick, »wie man in dieser Tiefe überhaupt etwas befestigen kann!«
»Wenn dies Teile des Kontinents sind«, überlegte Peter, »der auf irgendeine Weise im Meer versunken ist, und dieses Objekt schon so alt ist, wie es demnach sein müsste, denn befand es sich nicht immer unter Wasser. Im Gegenteil, es stand auf einem erhöhten Punkt, möglicherweise im Gebirge, und wir sehen von dem Gebiet hier nur die Teile, die ursprünglich die Gipfel waren.«
»Soll ich versuchen, eine Materialprobe zu entnehmen?«, fragte der Pilot.
»Nein!«, rief Patrick, und etwas leiser: »Auf keinen Fall. Wir wissen nicht, was das ist. Wir können nicht ahnen, was passiert, wenn wir es berühren.«
»Was sollte denn passieren?«, fragte John. »Es ist bloß ein Gestänge. Noch dazu wer weiß wie alt. Ein Wunder, dass es nicht verrottet ist. Haben Sie Angst, dass es zerbröselt?«
»Keineswegs«, entgegnete Patrick. »Aber meinen Sie, die Trennschicht und dieses Kraftfeld, oder was immer es ist, in dem wir uns befinden, sind natürliche Phänomene? Peter und ich sind schon in anderen Ländern auf Reste dieser Technologie gestoßen. Und wie alt auch immer sie ist: Sie funktioniert noch. Das Ding hier könnte ein Transmitter sein, ein Sendemast, eine Energiequelle, was auch immer. Es könnte ähnlich ungesund sein, daran rumzufummeln, wie in einem Umspannwerk mit einem Bolzenschneider zu hantieren.«
»Ihre Fantasie möchte ich haben«, meinte John.
»Jetzt klingen Sie wie Peter.«
»Er hat recht, John«, mischte sich der Professor ein. »Diese Technik übersteigt unser Wissen bei Weitem. Wir sollten uns davon so fern wie möglich halten, bis wir wissen, womit wir es zu tun haben.«
»Und wie wollen Sie das herausfinden?«