»Inzwischen habe ich den Fileserver heruntergefahren«, fuhr David fort, »und alle Datenspeicher abgeklemmt. Ich habe vorhin ein Sandbox-Environment aufgesetzt, in dem ich sie wieder anschließen und scannen konnte. Ich habe mich nämlich über die Prozesse informiert.« Er machte eine bedeutungsvolle Pause. »Es sind Viren.«
»Viren?«, fragte Peter. »So etwas, das man aus dem Internet bekommt?«
»Ja. Das heißt, nein. Wir haben einen Web-Proxy, der in einer demilitarisierten Zone steht, genauso wie alle Rechner, die aufs Internet zugreifen können. Die sind mit den internen Systemen nicht vernetzt.«
»Und wie sind diese Viren dann in das System gekommen?«
»Jeder, der Zugang zu den Rechnern hat«, erklärte Patrick an den Professor gewandt, »könnte so einen Virus draufspielen. Mit einer CD-ROM oder einem Memory-Stick.«
»Ganz so einfach ist es nicht«, erklärte David. »Ohne Admin-Zugang kann man nicht einfach externe Devices mounten oder Datenträger auslesen. Das System ist eigentlich sicher.«
»Ach, eigentlich. Trotzdem hat es ja wohl offenbar geklappt!«
»Nun«, sagte Peter. »Wenn wir wissen, unter welchen Voraussetzungen so etwas möglich ist, können wir ja den Kreis der Schuldigen sicherlich eingrenzen. Wer an Bord hat denn so einen Admin-Zugang?«
»Nur David hier«, antwortete John.
»Also...«, der junge Mann zögerte, »grundsätzlich stimmt das. Aber vielleicht gibt es noch eine vergessene Nutzergruppe auf irgendeinem Rechner oder eine andere Lücke. Oder jemand hat das Passwort gehackt. Das könnte ja auch sein...«
»Vergessene Nutzergruppen? Ein gehacktes Passwort?«, fragte Patrick in scharfem Tonfall. »Tut mir leid, wenn ich von Ihren Sicherheitsmaßnahmen nicht so ganz überzeugt bin!«
»Ich meine ja bloß!«, warf David ein und hob entschuldigend die Hände. »Es ist nicht wahrscheinlich, aber es sind denkbare Szenarien. Ich muss alles checken. Ich werde mir alle Logs vornehmen und prüfen, wann und wo es Logins im System gegeben hat.«
»Und was ist mit den Daten?«, fragte Patrick.
»Die... äh... also, das ist das eigentliche Problem...«
»Spucken Sie's schon aus!«
David setzte sich und rieb die Hände aneinander. »Die Daten sind... weg.«
»Was sagen Sie da?!«, fragte Peter. »Meinen Sie gelöscht?«
»Nein... sie sind... sie wurden überschrieben. Der Virus hat die Daten nicht einfach gelöscht, sondern mit Nullen überschrieben. So lassen sie sich nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls nicht mit bloßer Software. Dazu benötigen Sie Hightechlabors, die kaum wahrnehmbare Spuren der vorherigen magnetischen Ausrichtung aufspüren können.«
»So eine Scheiße!«, entfuhr es dem Franzosen. Und nach einer Pause: »Was ist mit Backups? Sicher machen Sie regelmäßige Backups, oder?«
»Ja, vollautomatisch alle sechs Stunden. Aber ich habe sie schon geprüft... Nichts.«
»Was denn, nichts? Sind die etwa auch überschrieben?«
»Nein, das nicht. Aber sie lagern auf einer eigenen Festplatte. Und die hat einen Headcrash.«
»Das gibt's doch nicht!« Patrick stöhnte auf.
»Was ist denn ein Headcrash?«, fragte Peter.
»Es bedeutet«, sagte der Franzose, »dass die Festplatte am Arsch ist. So einfach ist es. Sämtliche Daten, die wir gesammelt haben, alle Scans, alle Fotos, alles ist futsch. Und Sie, John, haben ein erstes Problem. Jemand an Bord sabotiert die Mission. Erst werden der Presse unsere Bilder zugespielt, und nun das. Ich schlage vor, dass Sie alles stehen und liegen lassen, bis der Mann gefunden ist, damit ich ihm persönlich in die Eier treten kann.«
Kapitel 11
AUTEC U.S.-Navy-Recherche-Zentrum, Andros Island, Bahamas
Walters wusste, was ihn erwartete, als er am Montagmorgen die Basis betrat. Auf seinem Schreibtisch lagen zwei Telefonnotizen, und sein E-Mail-Postfach wies ihn mit einigen roten Ausrufezeichen auf dringende Nachrichten hin.
Er las nichts davon.
Stattdessen ging er durch die Gänge, grüßte die Leute und blieb länger als sonst in den Türen stehen, um sich ein wenig über Belanglosigkeiten zu unterhalten. Das Wetter am Wochenende, die gefangenen Fische und die kommende Saison für die Miami Dolphins.
Um halb neun bestellte er Officer Parker in sein Büro und ging mit ihm den Plan für die Woche durch. Es gab keinen konkreten Anlass. Letztlich dauerte das Gespräch nur deswegen zehn Minuten, weil sie sich über Parkers Sohn unterhielten, beim dem in einer Schuluntersuchung Legasthenie festgestellt worden war.
Kurze Zeit später war Walters wieder allein.
Als das Telefon klingelte und er auf dem Display sah, dass es seine Sekretärin war, hob er nicht ab, sondern ging in den Vorraum.
»Was gibt es denn, Helen?«
»Sir, es ist jemand aus Fort Meade, der Sie seit heute Morgen um sieben dringend erreichen möchte. Ich habe Ihnen schon einige Notizen dazu hingelegt.«
Walters nickte. »Gut. Sagen Sie, dass ich den ganzen Tag in einer Besprechung bin und sofort rauskomme, sobald es möglich ist.«
»Es scheint sehr wichtig zu sein, Sir...«
»Ich weiß. Danke, Helen.«
Walters drehte sich um und ging zurück in sein Büro.
Am Schreibtisch angekommen, setzte er seinen Kaffeebecher an, der bereits vor einer Viertelstunde leer gewesen war, stellte ihn wieder ab, lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Was war seine erkaufte Zeit wert, wenn er sie nicht nutzte? Aber was konnte er tun? Recherchieren? Die Forscher auf der Argo anrufen und nach ihren Beweggründen fragen?
Das Klingeln seines Telefons riss ihn aus den Gedanken. Missmutig hob er ab.
»Helen, ich sagte Ihnen doch, dass ich in einer Besprechung bin.«
»Sir, dieses Mal ist es kein Anruf. Am Eingang hat sich ein Mann gemeldet und sich nach Ihnen erkundigt.«
»Und?«
»Es ist ein älterer Herr, er scheint nicht aus Fort Meade zu sein, gibt aber an, dass Sie ihn kennen. Sagt Ihnen der Name Gabriel Thornton etwas?«
Gabriel!
»Hat er sich ausgewiesen?«
»Natürlich, Sir.«
Walters zögerte. Dann sagte er: »Stellen Sie mich zum Wachhabenden durch.«
Einen Augenblick später war der Mann am Empfang in der Leitung und reichte dort das Gespräch an Gabriel weiter.
»Lieutenant Commander Walters hier. Was kann ich für Sie tun, Gabriel?«
»Guten Morgen, Lieutenant Commander. Ich hoffe, dass ich Sie nicht in einer dringenden Angelegenheit störe. Ich kam zufällig an der Basis vorbei und fragte mich, ob Sie vielleicht Zeit hätten, einen Kaffee trinken zu gehen. Und sich ein wenig zu unterhalten.«
Walters stockte. Das war ein reichlich absurder Vorschlag.
Als ob man erwarten könnte, dass der Befehlshaber einer militärischen Einrichtung mal eben... Andererseits nagte die Unruhe in ihm. Es gab zu viele Fragen. Und wenn er seine Zeit tatsächlich nutzen wollte... Walters überschlug die Möglichkeiten. Er konnte den Fremden unmöglich in die Basis lassen. Und Übereifrigkeit würde auch unpassend sein. Er sah auf seine Uhr.
»Gerade passt es nicht. Aber ich werde vor dem Mittagessen noch eine Runde joggen gehen. Vielleicht treffe ich Sie ja an der üblichen Stelle? So gegen halb zwölf vielleicht?«
»Natürlich«, gab Gabriel zurück. »Also, bis später.«
Die Zeit verging schleppend. Noch zweimal kam seine Sekretärin herein und legte ihm schweigend Telefonnotizen auf den Tisch, während er sich die Website der Woods Hole Oceanographic Institution ansah, sich über Forschungsschiffe und Roboter erkundigte, die Seite des Museums für Völkerkunde in Hamburg studierte und schließlich einen Artikel des Professors über die möglichen Ursprünge der ägyptischen Kultur fand. Es war eine Welt, die mit der seinen keinerlei Berührungspunkte hatte. Jedenfalls bis jetzt nicht. Über Google stieß er auf einen Zeitungsbericht des Miami Herald, wo ihm das Wort Atlantis entgegensprang, als sein Outlook-Kalender ihn mit einer akustischen Meldung darauf hinwies, dass es Viertel nach elf war. Zeit loszujoggen.