Atlantis, dachte er, als er gerade den Eingang der Basis passierte. Was weißt du über Atlantis?
»Sir? Gestatten Sie?«
Der wachhabende Soldat war aus dem Häuschen getreten und sprach Walters an.
»Bitte?«
»Sir, möchten Sie vielleicht, dass Sie jemand begleitet?«
Walters sah den Mann an. War es so offensichtlich, dass er sich yerabredet hatte? Und war die Frage nicht vielleicht sogar sehr berechtigt? Von Gabriel schien bisher keine Gefahr auszugehen, aber konnte man sich darauf verlassen? Nach einem Augenblick schüttelte er den Kopf.
»Nein, vielen Dank.«
Der Mann trat beiseite, nickte und ließ Walters passieren.
Atlantis... Suchte der Professor tatsächlich nach Atlantis? Konnte das sein? Nach allem, was Walters über Peter Lavell herausgefunden hatte, könnte es durchaus zu dessen Themengebiet passen. Aber Atlantis war doch nur eine Legende! Oder etwa nicht? Vielleicht lag dort, mitten im Bermuda-Dreieck der Rest einer alten Kultur? Vielleicht gab es dort unermessliche Schätze. Wie man sie bei den Pharaonen gefunden hatte. Gold möglicherweise! Und die Regierung wollte alles für sich allein haben. Aber das waren keine US-Hoheitsgewässer. Es lag außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone, aber in der ausschließlichen Wirtschaftszone sowohl der USA als auch der Bahamas. Beide Staaten konnten dort Anspruch auf Bodenschätze erheben. Lag hierin die Brisanz der Forschung? Aber das würde doch wohl kaum die NSA interessieren...
Pünktlich um halb zwölf erreichte Walters den Weg oberhalb des Strandes, und dort stand Gabriel bereits und sah ihm entgegen.
»Es freut mich sehr, dass Sie kommen konnten«, begrüßte er den Commander und streckte ihm die Hand mit dem rotgoldenen Siegelring entgegen. »Haben Sie weitere Erkundungen einholen können?«
»Nicht so viele, wie ich mir gewünscht hätte.«
»Ja... Einmal auf der Suche ist unser Drang nach Wissen unersättlich.«
»Es war einfach zu wenig Zeit...«
Gabriel nickte. »Man kann ein ganzes Leben zur Verfügung haben, und immer wird es zu wenig Zeit sein, glauben Sie mir.«
Walters stellte sich breitbeinig hin. »Verstehen Sie mich nicht falsch, Gabriel. Aber ich hoffe, Sie haben mich nicht aufgesucht, um wieder nur Kalenderweisheiten zu teilen.«
»Kalenderweisheiten? Ist es das, was Sie denken?« Gabriel betrachtete Walters schmunzelnd und schwieg dann einen Moment. »Nun, vielleicht haben Sie recht. Ich scheine oftmals zu unkonkret zu sein. Sehen Sie, ich hoffe auf diese Weise mehr zu helfen als nur mit einem einzelnen Ratschlag. Allgemeines lässt sich eher auf Spezielles anwenden als umgekehrt.«
»Jetzt tun Sie es schon wieder.«
»Ja«, Gabriel lachte auf. »In der Tat. Es tut mir leid. Versuchen wir es anders. Haben Sie Fragen? Oder vielleicht fangen Sie damit an, mir zu erzählen, was Sie herausgefunden haben.«
»Atlantis. Suchen die Europäer Atlantis?«
»Davon ist auszugehen, ja.«
»Und der Kubaner?«
»Er sucht Gold.«
»Nur Gold?«
»Zunächst schon. Wenngleich er vermutlich in der Zwischenzeit die bisherigen Untersuchungsergebnisse der Argo studiert und eins und eins zusammengezählt haben sollte.«
»Er kennt die Untersuchungsergebnisse der Europäer?«
»Ja.«
»Können Sie nicht ein bisschen ausführlicher antworten?«
»Ich bemühe mich, so konkret wie möglich auf Ihre Fragen zu antworten, Lieutenant Commander.«
Walters seufzte. »So kommen wir nicht weiter. Sie geben mir Antworten, aber ich muss das ganze Bild verstehen.«
»Dann fragen Sie weiter.«
»Nein... ich... Ich weiß nicht einmal, welche Fragen ich stellen muss.«
»Im Gegenteil. Ich denke, Sie wissen schon sehr genau, was der Kern ist. Indem Sie sich mit der Analyse der Situation beschäftigen, verfolgen Sie ein anderes Ziel. Es geht Ihnen eigentlich nicht um die Forscher. Der Kern ist der Grund, weswegen Sie diese Fragen stellen.«
»Warum ich diese Fragen stelle...«, erwiderte Walters. »Natürlich, um eine Entscheidung treffen zu können.«
»Eine Entscheidung? Was für eine Entscheidung?«
»Ob ich das Projekt beenden lassen soll oder ob ich die Forscher gewähren lasse.«
»Haben Sie denn eine Wahl? Hat man es Ihnen nicht befohlen?«
»Natürlich! Aber darum geht es nicht. Vielleicht ist es ja falsch, das Projekt zu beenden!«
»Dann geht es Ihnen darum, eine richtige Entscheidung zu treffen? Sich notfalls über den Befehl hinwegzusetzen?«
Es war eine gradlinig formulierte Feststellung. In ihrer Deutlichkeit berührte sie etwas in Walters, das er bisher nicht in dieser Form gefühlt hatte. Er war im Begriff, sich über Befehle hinwegzusetzen. Er verriet seinen Eid als Soldat. Er machte sich unabhängig. Er übernahm...
»Verantwortung. Es geht um Verantwortung.«
»Sehr richtig!«, antwortete Gabriel. »Sie erkennen Ihre Bedeutung. Das Gewicht Ihres Handelns oder Nichthandeins.«
Ja, das war es wohl. Er fühlte dieses Gewicht. Es war ein gutes Gewicht. Es lag in seiner Hand wie das massive Lenkrad eines Trucks oder ein schwerer Schubregler, der durch die Kraft eines entfernten Maschinenraums vibrierte.
Viele Dinge geschahen in der Welt um ihn herum, und das meiste, das außerhalb seines Einflusses lag, rauschte an ihm vorbei, formte sein Leben. Aber Einfluss bekam man nicht automatisch. Einfluss musste man sich verschaffen. Aufstehen, einen Schritt näher herangehen, um Dinge zu bewegen, die vorher entfernt schienen.
»Die Regierung möchte verhindern, dass weitere Forschungen betrieben werden«, sagte Walters. »Also geht es darum, was geschähe, wenn ich die Forscher nicht aufhalte. Ganz offenbar erwartet die Regierung, dass die Forscher dort zu einer Erkenntnis oder einem Fund gelangen können...«
»Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Überlegung kurz unterbreche«, wandte Gabriel ein. »Nur der Vollständigkeit halber möchte ich darauf hinweisen, dass es auch komplexere Gründe geben könnte.«
»Zum Beispiel?«
»Nun, vielleicht möchte die Regierung die Forschung nicht wegen eines möglichen Ergebnisses unterbinden, sondern vielleicht geht es um die Tätigkeit des Forschens als solches. Vielleicht, weil es einen Präzedenzfall schaffen würde, der schließlich irgendwo anders auf der Welt Probleme schaffen könnte.«
Walters nickte. »Sie haben recht... Sie machen es mir damit nicht leichter... Aber wollen Sie damit andeuten, dass es sich so verhält? Sollte das ein Tipp sein?«
»Nein. Es sollte lediglich Ihre Aufmerksamkeit schärfen. Ich glaube, Ihnen versichern zu können, dass es in der Tat um das geht, was sich dort draußen auf dem Meeresgrund verbirgt.«
»Endlich einmal eine klare Aussage! Aber damit haben Sie auch deutlich gemacht, wie viel Sie tatsächlich wissen.«
»Ja«, war alles, was Gabriel darauf erwiderte.
»Also gut. Die Forscher könnten also etwas entdecken. Ohne zu wissen, was es ist, was sich dort befindet, muss ich mich an der Motivation orientieren. Wer verfolgt welche Interessen? Und wer hat die größere moralische Integrität?«
»Das sind äußerst wertvolle Gedanken, Lieutenant Commander! Und eben sagten Sie noch, Sie wüssten nicht, was Sie fragen sollten.«
»Vermutlich können Sie beides nicht beantworten.«
»Das ist korrekt. Selbst wenn ich mir anmaßte, ein solches Urteil zu fällen, würde es Ihnen nicht weiterhelfen. Denn dann wären es nicht mehr zwei, sondern drei Parteien, über deren Motive und Integrität Sie sich Gedanken machen müssten.«