Er richtete sich in seiner Hängematte auf und zog das Moskitonetz beiseite, das er am Ast über sich befestigt hatte. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es kurz nach sieben war. Das Zwielicht des Regenwalds würde sich bald noch etwas weiter aufhellen.
»Verdammter Mist«, fluchte er, als er entdeckte, dass er seine Stiefel in der Nacht auf den Boden gestoßen hatte. Er schwang sich hinunter und streckte sich.
»¡Buenos días, señor Patrick!«, rief einer der Scouts aus einer anderen Ecke des kleinen Nachtlagers.
»Ja, Morgen«, knurrte Patrick. Er zog eine Packung Zigaretten aus der Seitentasche seiner Hose, zog eine Filterlose hervor, formte sie gerade und steckte sie an. Nach dem ersten Zug ließ er sie im Mundwinkel baumeln und bückte sich nach seinen Schuhen. Er hielt sie an der Sohle fest und schlug sie mit der Öffnung nach unten mehrfach gegen einen Baum. Der erste Stiefel war leer, aus dem zweiten fiel ein fingerdicker Tausendfüßler auf den Waldboden und verschwand eilig zwischen den Blättern.
»Los, hau ab, sonst kommst du in den Topf!«
Er zog die Stiefel an und ging zur Feuerstelle. Solange er zwei Führer dabei hatte, brauchte er sich nicht um die Verpflegung zu kümmern, und auch die Gaskartuschen des Campingkochers konnten für Notfälle aufgehoben werden. Die beiden entfachten an jeder Lagerstätte ein kleines Feuer, das sie hegten und zum Kochen verwendeten. In diesem Fall für einen starken Kaffee, und der kam Patrick am Morgen gerade recht.
Er hatte die Scouts vor einigen Tagen in Flores angeworben. Sie waren mit einem alten Geländewagen nach Carmelita gefahren, von wo aus immer wieder einige Survival-Touren und Dschungel-Exkursionen für abenteuerlustige Großstädter angeboten wurden, die für lächerlich viel Geld ein paar angeblich noch nie gesehene Maya-Ruinen in der Region erkunden wollten. Von Carmelita aus hatten sie sich in nordöstlicher Richtung in den Wald geschlagen. Allerdings hatte Patrick nicht vor, irgendwelche Maya-Tempel zu finden, dieses Mal ging es um etwas anderes.
Patrick setzte sich auf einen Holzstumpf neben dem Feuer, nahm einen Plastikbecher von Jaime, einem der Scouts, entgegen und füllte ihn mit der mokkaartigen Brühe, die in der Blechkanne am Feuer vor sich hin kochte.
»Ist es noch weit, señor Patrick?«, fragte Jaime.
»Wir kommen heute an, schätze ich.« Er nippte an dem Kaffee und sah sich um. »Wo ist denn Rodrigo?«
»Er sucht einen Weg, señor.«
»Einen Weg? Er kann keinen Weg suchen. Er weiß doch gar nicht, wo wir hingehen!«
»Ja, ja«, Jaime nickte. »Deswegen sucht er überall.«
Patrick schüttelte den Kopf. Er holte seinen GPS-Empfänger und schaltete ihn an. Das Gerät empfing die Signale mehrerer Satelliten und berechnete daraus die aktuelle Position. Eine Karte erschien oder vielmehr das, was eine Karte hätte sein sollen. Für diese Region war es allerdings nicht mehr als eine leere Fläche mit einigen wenigen Straßen, von denen sie inzwischen zu weit entfernt waren, um sie in dieser Zoomstufe zu sehen. Viel wichtiger waren ein paar andere Daten, die das Gerät aus den Satellitensignalen berechnete.
»Es sind noch acht Kilometer«, sagte Patrick. »Und wir müssen genau in diese Richtung.« Er wies in den Wald, der nach allen Seiten hin gleich aussah. Tatsächlich wusste er natürlich nicht, ob es wirklich exakt acht Kilometer waren. Das Gerät berechnete die Entfernung und die Richtung auf Basis der aktuell gemessenen Position und der Zielkoordinaten, die er zuvor eingespeist hatte. Da sie allerdings einen Ort erkunden wollten, den kein Mensch bisher vermessen hatte, der nicht einmal entdeckt worden war, hatte er diese Koordinaten nur schätzen können.
Er hatte Wochen in alten spanischen Bibliotheken in Toledo und Sevilla zugebracht und schließlich lange um eine Recherche-Erlaubnis in einem katholischen Archiv in Rom gekämpft. Aber die Suche hatte sich gelohnt. Er war auf der Spur von Padre Guilherme de Navarra, einem Dominikanermönch, der im siebzehnten Jahrhundert in die Kolonien der neuen Welt strafversetzt worden war. Wie viele andere Geistliche im jungen Vizekönigreich Neuspanien sollte er als Sühne die Heiden bekehren. Das Besondere an Padre Guilherme war, dass einige seiner überlieferten Briefe aus dieser Zeit Hinweise auf einen besonderen Schatz enthielten. Der Padre hatte sich nicht bei einer der vielen Missionen gemeldet, wie es von ihm erwartet wurde, sondern war stattdessen tief in den Urwald Yucatáns eingedrungen und hatte ohne Befugnis eine eigene Mission gegründet. Patrick hatte die in den Briefen verstreuten Hinweise auf die Umgebung der Mission, die angegebenen Längen von Reisen und die Beschreibungen verschiedener Landmarken zusammengetragen und mit Satellitenbildern höchster Auflösung verglichen. Seine eigene Erfahrung im mittelamerikanischen Urwald half ihm dabei, diese Informationen richtig einzuschätzen; er wusste, wie das Gelände und der Regenwald beschaffen waren, er konnte nach vollziehen, wie aufwendig es hier war, Flüsse zu überwinden, und wie weit eine Tagesreise führen konnte. Auf diese Weise hatte er die wahrscheinlichste Lage der Mission ermitteln können, die nie gefunden wurde und die inzwischen vergessen war. Und diese Daten hatte er als Zielkoordinaten verwendet. Möglich, dass er sich dabei verschätzt oder vermessen hatte, aber das würde er den beiden Scouts natürlich nicht auf die Nase binden.
Wie jeden Morgen gab es neben dem Kaffee eine im Feuer aufgewärmte Dose mit Eintopf. Es war bei Weitem nicht die Art von Frühstück, wie Patrick es sich wünschte. Genau genommen hatte er direkt nach dem Aufstehen überhaupt keinen Hunger. Aber der Marsch durch den Dschungel war kräftezehrend, und spätestens in einer Stunde würde er froh sein, etwas im Magen zu haben.
Sie brachen auf, als die ersten Sonnenstrahlen in den Baumkronen glänzten und der Wald schon kurze Zeit später schwülen Dunst zu schwitzen begann. Das allgegenwärtige, lautstarke Zirpen der fremdartigen Insektenwelt umhüllte sie, schrille Vogelstimmen begleiteten sie und immer wieder das unwirkliche Geschrei der Brüllaffen in den Wipfeln. Patrick ließ die Scouts mit ihren Macheten vorangehen. Sie erkannten und schafften die leichtesten Durchgänge in dem so dicht verflochtenen Wald, dass ein Unkundiger darin verzweifelt wäre. Stellenweise war der Übergang zwischen Unterholz, Lianen und Bäumen nicht auszumachen, es war nicht immer klar, ob sie sich noch am Boden bewegten oder zwischen den starren Luftwurzeln der Würgefeigen. Die Scouts mieden Pflanzen, deren Stacheln giftig waren, und sie vertrieben einige der Schlangen, die sich erschreckend häufig zwischen den Ästen fanden. Die meisten Tiere ließen sie jedoch unbehelligt, da sie angeblich ungiftig waren. Patrick hoffte, dass sie recht hatten. Er war kein Biologe oder Fachmann für die Tierwelt des Regelwalds. Im Grunde hatte er mit einer solchen Menge an Natur – und mehr Natur als hier war kaum möglich – gar nichts am Hut. Tatsächlich war er gelernter Ingenieur, kein Naturbursche. Aber er verfügte über ein gewisses pragmatisches Geschick und einen zumeist untrüglichen Instinkt. Das war der Grund, weshalb er sich nicht scheute, Expeditionen zu unternehmen. Nachdem er zu Beginn dessen, was andere vielleicht als Karriere bezeichnet hätten, was aber nicht mehr war, als eine zufällige Entwicklung, einige archäologische Untersuchungen mit seiner technischen Expertise unterstützt hatte, war er zu dem Schluss gekommen, sein Wissen und seine Fähigkeiten besser selbstständig einzusetzen. Er hatte mit Forschungsrobotern gearbeitet und antike Ruinen untersucht, wenngleich nicht immer mit offizieller Genehmigung. Aber so hatte er einige aufsehenerregende Funde gemacht. Eine Zeit lang hatte er mit dem Gedanken gespielt, das sagenhafte Goldland Eldorado zu finden, aber er war an der Suche nach risikofreudigen Geldgebern gescheitert. Bis er den Professor kennengelernt hatte. Gemeinsam mit dem Geschichtsprofessor Peter Lavell hatte er zwei Projekte unternommen, die ihn für lange Zeit abgelenkt hatten. Nun waren zwei Jahre vergangen, und es hatte ihn in den Fingern gejuckt, erneut etwas zu unternehmen. Nichts Großes, keine Suche nach Eldorado, aber endlich einmal wieder einen handfesten Schatz. Etwas, das ihm gemeinsam mit dem Professor immer verwehrt worden war. Nun ging es um die Schätze des Padre Guilherme, und noch an diesem Abend wollte er die Mission gefunden haben.