»Ganz schön aufgewühlt.«
Es war Peter, der herangekommen war und nun neben Patrick an der Reling stand.
»Oh, da sind Sie ja. Wie war es mit Kathleen?« In Patricks Stimme schwang eine neckische Zweideutigkeit mit.
»Fragen Sie mich nicht. Ich erzähle es Ihnen ein anderes Mal.«
Patrick zuckte mit den Schulten. »Ich muss ja nicht alles wissen.«
»Täuscht es, oder ist das kubanische Schiff näher gekommen?«, fragte Peter mit einem Blick auf die Wellen.
»Näher gekommen ist gut! Man kann ihnen mit dem Fernglas in die Kombüse gucken.«
»Vermutlich wissen wir noch immer nicht, was sie wollen.«
»Nein. Aber ich denke, sie spionieren uns aus. Wollen bestimmt beobachten, was wir tun.«
»Zu welchem Zweck?«
»Wer weiß schon, was in deren Köpfen vor sich geht. Würde mich nicht wundern, wenn die im Kontakt mit ihrem Saboteur hier an Bord stehen. Der funkt ihnen alle möglichen Daten rüber und winkt ihnen von irgendwo fröhlich zu.«
»Meinen Sie wirklich?«
»Ach, keine Ahnung. John hat jedenfalls die Mannschaft instruiert, alles doppelt zu checken und besonders wachsam zu sein. Ah, wenn man von ihm spricht...«
Peter folgte Patricks Blick. Der Kapitän kam gerade auf sie zu.
»So, Gentlemen«, sagte er, als er heran war, »es geht gleich los. Sind Sie schon aufgeregt?« Er lächelte.
»Meine Begeisterung, bei diesem Seegang in das kleine Ding dort zu steigen«, sagte Peter, »hält sich ehrlich gesagt in Grenzen.«
»Er freut sich wie verrückt, will er sagen«, erklärte Patrick und lachte.
»Sie sollten sich jetzt umziehen gehen«, sagte John. »Leichte und bequeme Schuhe, eine lange Hose, und nehmen Sie einen Pullover mit, es wird frisch in der Büchse. Denken Sie auch daran, noch einmal auf Toilette zu gehen. Sie werden in den nächsten Stunden keine Gelegenheit dazu haben. Alvin II sinkt mit achtundvierzig Metern pro Minute, es dauert also fast anderthalb Stunden, bis Sie unten sind, der Aufstieg noch mal so lang. Also drei Stunden reine Wegzeit, zuzüglich der Zeit, die Sie unten verbringen möchten.«
»Was ist mit dem aufgewühlten Meer?«, fragte Peter. »Ist das kein Problem?«
»Nur an der Oberfläche wird's etwas ruppig. Nach ein paar Minuten sind Sie aber schon tief genug, dort spielt der Wellengang keine Rolle mehr, nur noch die Strömung. Zur Sicherheit gibt's es aber natürlich Spucktüten an Bord.«
»Das ist sehr beruhigend.« Peter klang wenig überzeugt.
Eine Viertelstunde später waren Peter und Patrick bereit und standen unter dem Kran der Argo und vor dem Gestell, das als Treppe für den Zugang zum U-Boot diente, dessen Einstiegsluke sich auf seiner Oberseite befand.
Kathleen hielt sich ein wenig abseits, hatte die Kamera geschultert und filmte sie.
Aus der Luke kam der Kopf von Dick. »Sie können einsteigen, alles ist vorbereitet.« Dann verschwand er wieder im Inneren.
Patrick stieg die Stufen hinauf und ließ sich in die Luke gleiten. Peter folgte ihm, sah einen Moment lang in das dunkle Loch, das ihn wie ein Eingang zur Kanalisation anmutete, und kletterte dann ebenfalls hinunter.
Das Innere war deutlich kleiner, als er von außen vermutet hatte. Es war, wie er sich in Erinnerung rief, eine Sphäre, so konstruiert, um einem maximalen Druck standhalten zu können. Diese Sphäre machte lediglich das vordere Drittel des Bootes aus, und ihr Durchmesser betrug nur erschreckende zwei Meter. Aufrecht darin zu stehen wäre nur einer einzigen Person möglich gewesen. Allerdings saß im vorderen Teil der Pilot. Für die beiden begleitenden Personen waren an der linken und rechten Seite zwei Pritschen vorgesehen. Als Wissenschaftler verbrachte man den Tauchgang also liegend.
»Wenn Sie klaustrophobisch sind«, meinte Dick, der sich in seinem Sitz halb herumdrehte, »wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, es zu sagen.«
»Ach«, winkte Patrick ab, »wir sind schon in so machen Katakomben herumgekrochen. Das macht ihm nichts.«
Peter zögerte. Die Enge war unangenehm, aber nicht halb so schlimm wie die Vorstellung, mit dieser Nussschale Tausende von Metern in die absolute Dunkelheit zu sinken. Andererseits, vielleicht vergaß man das, immerhin waren sie zu dritt, konnten sie sich unterhalten, und es würde hoffentlich einiges zu sehen geben – wenigstens, wenn sie erst einmal unten angelangt waren.
Aufgeregte Rufe, die von außen durch die noch offen stehende Luke klangen, rissen ihn aus seinen Gedanken.
»Was ist da los?«, fragte Patrick. »Lassen Sie mich mal vorbei, Peter.« Er drängte sich an dem Engländer vorbei und stieg nach oben. Als er aus der Luke blickte, sah er, dass sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Wasser richtete. Er stieg hinab und eilte zur Reling. Ein motorbetriebenes Schlauchboot tanzte auf den Wellen. Darauf befanden sich zwei Männer, ein dritter war im Wasser, klammerte sich an den Rand. Ebenfalls im Wasser erkannte Patrick Susans neonrote Flossen. Sie näherte sich dem Schlauchboot.
»Halt ihn fest!«
»Schnapp ihn!«
»Pass auf!«
Verschiedene Rufe ertönten. Fast die halbe Besatzung der Argo war hier versammelt, sie riefen, schwenkten die Arme und verfolgten die Vorgänge voller Anspannung.
Patrick entdeckte den Kapitän und ging zu ihm.
»Was ist los?«
»Das Boot gehört zur Libertad. Ist vor ein paar Minuten herübergekommen, und dann ist plötzlich Ricardo ins Wasser gesprungen. Sieht so aus, als wollten die Kubaner ihn abholen. Susan ist gleich hinterher.«
»Könnte es sein, dass er der Saboteur war?«
»Möglich wär's. Wir kennen ihn nicht näher. Er ist der Student, den wir in Nassau als Ersatz aufgenommen haben ...«
»Was macht sie denn da?!«, rief Patrick.
Susan, noch im Wasser, hatte sich an das Bein von Ricardo geklammert, der gerade von den Männern auf das schwankende Schlauchboot hochgezogen wurde. Sie versuchte, ihn zurück ins Wasser zu ziehen. Durch die Tauchflasche zusätzlich beschwert, sah es aus, als könnte es ihr gelingen. Doch der Mann trat um sich, und plötzlich erwischte er Susans Gesicht. Sie ließ von ihm ab, stürzte rückwärts in ein Wellental und wurde augenblicklich überspült.
Instinktiv setzte Patrick sich in Bewegung. Er kletterte über die Brüstung und sprang ins Wasser. Nur vage registrierte er, dass links und rechts neben ihm weitere Crewmitglieder denselben Impuls hatten.
Er tauchte steil ein, musste sich mühevoll nach oben kämpfen. Die vollgesogene Kleidung behinderte seine Bewegungen. Als er auftauchte, schlug ihm eine Welle ins Gesicht. Er schluckte Wasser, strampelte und kam schließlich prustend an die Oberfläche. Eine weitere Welle kam heran, er versuchte, sich von ihr nach oben tragen zu lassen, und endlich gelang es ihm, sich nach dem Schlauchboot umzusehen. Er hörte die Rufe vom Deck der Argo hinter sich, als er sich mit großen Schwimmzügen zu der Stelle bewegte, an der er Susan hatte untergehen sehen. Die Männer auf dem Schlauchboot gestikulierten heftig, einer machte sich bereit, ins Wasser zu springen. Als Patrick in die Nähe kam, tauchte er ab und versuchte, unter Wasser etwas zu erkennen. Das Salzwasser brannte in seinen Augen, er erkannte nur eine verschwommene, dunkelblaue Gleichförmigkeit. Dann aber nahm er ein neonrotes Leuchten wahr. Er stieg noch einmal an die Oberfläche, holte tief Luft und tauchte wieder hinunter. Er konnte die Entfernung nicht schätzen. Schon nach drei Metern schlug ihm der Druck auf die Ohren, und er spürte, wie ihm die Luft in den Lungen brannte. Er war zu hektisch, zu angestrengt, und er verfügte über keine Kondition mehr. Es war ein irrsinniger Gedanke, in diesem Zustand jemanden retten zu wollen. Er musste vielmehr an sich selbst denken! Er drehte um in Richtung Oberfläche, als er einen heftigen Schlag gegen den Kopf spürte. Nur für einen Sekundenbruchteil blitzte eine Schwimmflosse neben ihm auf, dann verlor er das Bewusstsein.