Immerhin, so überlegte er, war damit am Morgen vielleicht das Schlimmste vorbei, und sie konnten endlich ihren vielleicht einzigen Tauchgang mit Alvin unternehmen. Nicht, dass er viel Wert auf eine Fahrt in der winzigen Kugel hinab in die Finsternis legen würde. Aber hierin gipfelte die ganze Expedition, dies war der Grund, weswegen sie hier waren. Und nun, nur noch sechs Stunden vor Ablauf des Ultimatums der U.S. Navy, war es alles, was einen möglichen Erfolg von einer absoluten Niederlage trennte.
Er legte sich hin und sank wieder in einen ungesunden und nervenaufreibenden Halbschlaf, bis es endlich dämmerte.
Mit wackligen Beinen stand er auf und erschrak, als er im Spiegel des Waschbeckens sein blasses und mit Augenringen gezeichnetes Gesicht entdeckte. Nachdem er sich erfrischt und rasiert hatte, fühlte er sich etwas besser, aber der Blick aus seinem Bullauge entmutigte ihn. Der Seegang hatte nicht nachgelassen, und nun war noch dichter Regen hinzugekommen, der die Sicht auf wenige hundert Meter begrenzte.
Peter traf John auf der Brücke an. Von hier aus war das Ausmaß des Unwetters zu erkennen. Große Scheibenwischer versuchten, die Regenmassen wenigstens in Intervallen von der Fensterfront fernzuhalten. Das Wasser rund um die Argo schien zu toben, Wellen brachen sich über den Bug und spritzten an Deck.
»Guten Morgen, Professor. Ich hoffe, Sie konnten gut schlafen?«
»Ehrlich gesagt, nein.«
»Es tut mir leid, das zu hören. Wollen Sie sich einen Kaffee oder Tee holen gehen? Hier oben kann man es gut aushalten. Die Bewegungen sind zwar stärker, aber wenn Sie eine gute Sicht in die Ferne haben, sollten Sie klarkommen.«
»Von Sicht in die Ferne kann wohl kaum eine Rede sein«, meinte Peter.
»Nun, es ist ein bisschen rau, zugegeben. Aber das ist völlig normales Wetter für den Atlantik. Ein Sturm ist das jedenfalls noch nicht. Sonst hätten wir Ihre Wissenschaftlerin auch schon längst wieder zurückgeschickt.«
»Unsere Wissenschaftlerin? Marie meinen Sie? Ist sie etwa schon hier?«
John lachte. »Also ganz so schnell dann doch nicht. Aber sie ist auf dem Weg hierher, kommt über den Luftweg direkt aus Nassau, wie Patrick es ihr offenbar vorgeschlagen hat.« Er sah auf die Uhr. »Sie sollte in etwa einer halben Stunde hier sein. Wir fahren mit einem Dingi raus und holen sie an Bord.«
»Bei diesem Wetter?!«
»Aber ja. Meine Leute waren schon bei ganz anderen Wellen draußen. Das sind Profis, und ein bisschen Action hält sie wach.«
»Aber bei solchen Wellen kann doch sicher kein Wasserflugzeug landen!«
»Nein, natürlich nicht. Deswegen hat sie einen Hubschrauber genommen, der sie hier absetzen wird.«
»Sie meinen ins Wasser absetzen?«
»Könnte sein, dass die Dame ein bisschen nass wird. Aber damit wird sie leben müssen.«
Peter schwieg und sah hinaus. Lag es an ihm, dass er übervorsichtig war? Schätzte er die Gefahr zu hoch ein? Der Kapitän klang routiniert und selbstsicher. Vielleicht war es ja wirklich alles so einfach.
»Hat sich die Navy gemeldet? Das Ultimatum müsste doch bald ablaufen.«
»In etwa zwei Stunden«, bestätigte John. »Bisher habe ich noch keine Nachricht bekommen. Aber wenn Sie sich Hoffnungen machen, dass das Wetter bald nachlässt, muss ich Sie enttäuschen.« Er deutete auf einen Computermonitor. »Das hier ist das Wetter. Der Punkt markiert unsere Position, das dort ist der Sturm, und dies ist die Prognose.«
Peter beobachtete mit Schrecken, wie sich eine dunkle Schleife aus Wolken über ihre Position bewegte und zusammenkringelte. »Wann wird das passieren?«, fragte er.
»In etwa fünf Stunden wird es hier ungemütlich.«
»Und die Argo? Was haben Sie vor?«
John rieb sein Kinn. »Wenn diese Daten hier stimmen, können wir es noch aushalten. Wenn es schlimmer wird, müssen wir uns zurückziehen. Das wissen wir erst, wenn es so weit ist. Es ist Ihr Projekt, daher gehe ich davon aus, dass Sie so lange hier bleiben möchten, wie ich für die Sicherheit des Schiffes garantieren kann.«
U.S. Küstenwache District Seven, Hauptquartier, Miami, Florida
Command Master Chief Owen betrat das Büro von Rear Admiral Williams, salutierte kurz und wartete darauf, dass Williams aufsah. Der Mann räumte gerade seinen Aktenkoffer aus, klappte ihn schließlich zu, stellte ihn auf den Boden und setzte sich.
»Owen, guten Morgen«, sagte er dann.
»Sir, ich habe einen Antrag von AUTEC bekommen, den Sie sich ansehen müssen.«
Williams streckte seinen Arm aus. »Zeigen Sie mal her. Worum geht es denn?«
Owen trat an den Schreibtisch heran und überreichte dem Rear Admiral ein Papier. »Lieutenant Commander Walters fordert Unterstützung an, um zwei Schiffe abzufangen.«
Williams verzog den Mund. »So, fordert er das an?« Er legte das Papier vor sich auf den Tisch, holte eine Lesebrille hervor und studierte den Text. »So, so...«, sagte er. »Ja, ich verstehe...« Dann sah er auf. »Dem Mann kann geholfen werden. Leiten Sie alles Nötige in die Wege. Wenn Sie bis zum vereinbarten Zeitpunkt nichts mehr von ihm hören, schicken Sie Ihre Leute raus. Wir brauchen erst mal die HC-130. Und die Helikopter-Crews in Clearwater, Savannah und hier in Miami sollen sich bereithalten.«
»Jawohl, Sir.«
Williams unterschrieb das Papier und gab es Owen zurück. »Guten Morgen.«
Owen war nachdenklich, als er das Büro verließ. Er hatte erwartet, dass Williams die äußerst ungewöhnliche Anfrage des Lieutenant Commander selbstverständlich ablehnen würde. Aber das Gegenteil war der Fall. Irgendetwas Ungewöhnliches ging dort draußen vor, und der Rear Admiral wusste offenbar Bescheid.
Owen zuckte mit den Schultern. Es sollte nicht sein Problem sein, wenn Williams dahinterstand. Wenn die Standorte erst einmal instruiert waren, würden weitere Anweisungen von AUTEC kommen, und dann würde es sich vielleicht aufklären.
An Bord der Argo
»Nun?«, fragte Peter und setzte seinen Tee ab. »Wollen Sie nicht nach draußen und Ihre Marie in Empfang nehmen, wenn sie ankommt?«
Patrick sah nicht von der Zeitschrift auf, in der er blätterte.
»Nèin, eigentlich nicht. Haben Sie mal rausgeguckt?«
»Seit wann sind Sie wasserscheu?«, feixte Peter. Ihn hatte eine seltsame Art von Fatalismus ergriffen, der einen Teil seiner Anspannung in Leichtigkeit verwandelte. Angesichts der Tatsache, dass ihnen die Zeit unter den Fingern verrann und das Wetter keine Aussicht auf Besserung bot, mochte es eine Form von Galgenhumor sein. »Ich hätte gewettet«, fuhr er fort, »dass Sie es sich nicht nehmen lassen würden, persönlich mit dem Dingi hinzufahren.«
Patrick hob den Kopf. »Also erstens habe ich gerade die Nase vom Wasser voll. Und zweitens ist es nicht meine Marie. Wie wäre es, wenn Sie sich um Ihre Kathleen kümmerten?«
Peter hob eine Augenbraue. »Oh, man schlägt zurück! Sind Sie denn gar nicht neugierig?«
Patrick zuckte mit den Schultern. »Ich laufe jedenfalls nicht wie ein Tiger auf und ab. Sie wird schon kommen. Sie macht gute Arbeit, aber darüber hinaus, was sollte schon...«
Er brach mitten im Satz ab. Er sah an Peter vorbei, und seine Augen weiteten sich.
»Das...«, war alles, was er hervorbrachte.
Peter drehte sich um. Auch ihn durchfuhr es wie ein Schlag.
In der Tür stand die frisch angekommene Marie, in einem nassen, orangefarbenen Overall und einem Handtuch über den Schultern, mit dem sie sich offenbar gerade ihre Haare notdürftig trocken gerubbelt hatte. Ihre blonden Haare. Und ihr Gesicht. Es war das von...
»Stefanie!«, rief Patrick aus und erhob sich zögernd. Er wusste nicht, ob er aufspringen, losrennen oder Abstand halten sollte. Immerhin wähnte er sie seit fast drei Jahren tot.