Sie legte ihren Kopf etwas schief, lächelte und schob sich die Haare auf einer Seite hinter ihr Ohr. »Hallo, Patrick«, sagte sie, und an Peter gewandt, »hallo, Professor. Es ist schön, Sie beide wiederzusehen!«
Auch Peter stand nun auf, erschüttert und unschlüssig.
Patrick ging um den Tisch herum, trat auf sie zu, und sein Gesicht strahlte. »Du bist es tatsächlich! Das gibt's doch nicht!« Er lachte auf und breitete die Arme aus. »Ha! Das ist unfassbar!« Er umarmte Stefanie und schüttelte sie, während sie mit einem Ausdruck gespielten Entsetzens über seine Schulter sah und Peter zuzwinkerte.
Dann kam auch in den Professor Bewegung, er wiegte ungläubig den Kopf hin und her, ging auf sie zu und reichte ihr die Hand, nachdem Patrick seine Umarmung gelöst hatte.
»Willkommen an Bord, Stefanie«, sagte Peter. »Die Freude ist ganz meinerseits.«
Stefanie sah kurz auf Peters Hand, ergriff sie und sagte: »Sie haben sich nicht verändert, Professor.«
»Das musst du gerade sagen!«, meinte Patrick und trat einen Schritt zurück. »Erzähl lieber mal, was du hier machst! Wo du in den letzten Jahren warst. Und überhaupt: Warum bist du nicht tot?«
»Und: Wer sind Sie überhaupt?«, bemerkte Peter. »Ich darf wohl annehmen, dass Sie ebenso wenig Marie sind, wie Sie jemals Stefanie waren...«
Sie nickte. »Das sind alles sehr gute Fragen. Und ja, Professor, zielstrebig und analytisch sind Sie natürlich auf dem richtigen Weg! Aber...«, sie sah sich um, »könnte ich mich vielleicht vorher umziehen und dann einen großen Kaffee bekommen?«
Peter und Patrick wechselten kaum ein Wort, während sie auf Stefanie warteten. Dass sie hier war, allein, dass sie noch lebte, war derart unerwartet und bedeutete so viel, dass sie nur mit Mühe ihre Gedanken ordnen konnten.
Peter erinnerte sich an ihr erstes Projekt, zu dem sie vermeintlich von einer Abteilung der Vereinten Nationen eingeladen gewesen waren. Sie waren auf eine Höhle gestoßen, die mit so vielen Inschriften versehen gewesen war, dass sie einen Sprachwissenschaftler angefordert hatten, und daraufhin war ihnen Stefanie zugeteilt worden. Sie hatte hervorragende Arbeit geleistet, und schon während des Projekts hatte Peter sich gefragt, ob Stefanie sie nicht die ganze Zeit über unauffällig zur Lösung des Rätsels geführt hatte. Auf irgendeine Weise hatte sie immer distanziert und gleichzeitig überlegen gewirkt. Später hatten sie dann erfahren, dass Stefanie mitnichten vom Auftraggeber des Projekts gesandt worden war. Sie war scheinbar aus dem Nichts gekommen und hatte den Platz eines anderen eingenommen, ähnlich, wie sie nun Marie ersetzte. Doch bevor sie sie damals zur Rede hatten stellen können, war sie angeschossen und schließlich in der zusammenstürzenden Höhle begraben worden. Sie war unnahbar und rätselhaft geblieben, und auch Patricks spätere Nachforschungen hatten keine Spuren finden können, so als hätte sie nie existiert.
Auf eine ähnliche Weise war ihm damals der Mann merkwürdig vorgekommen, der sich Steffen van Germain nannte und dem das Rätsel um die Höhle offenbar bekannt war. Ihn hatten dieselbe Zurückhaltung im Urteil, dasselbe verschwiegene Wissen ausgezeichnet. Zwischen ihm und Stefanie, so schien es Peter, hatte es eine Gemeinsamkeit gegeben.
Später dann, während ihres Projekts in Ägypten, war ihnen der Mann erneut über den Weg gelaufen. Auch hier hatten sie die mysteriöse Hinterlassenschaft einer älteren, höher entwickelten Kultur gefunden, wieder eine Art Wissensarchiv, und wieder war da dieser Mann, nur dass er dieses Mal einen anderen Namen trug und sich ausdrücklich als Hüter des Geheimnisses zu erkennen gab.
Es war Patrick gewesen, der während des ganzen ägyptischen Abenteuers immer wieder von dem Gefühl erzählte, er habe Stefanie gesehen. Auf eine besondere Weise wurde er von Erinnerungen an sie heimgesucht, so war es Peter vorgekommen, und nun, da sich herausstellte, dass sie noch lebte, erschienen einige der Vorkommnisse in einem anderen Licht.
Dass Stefanie hier auftauchte, passte zu Peters Überzeugung, dass er und Patrick in Wahrheit seit Jahren ein und derselben Spur durch die Welt und durch die Jahrtausende folgten. Und diese Frau war in irgendeiner Form ein Teil davon. Peter fragte sich, ob dann nicht auch der Mann, jener Hüter des Wissens, wieder in Erscheinung treten müsste.
In Patricks Kopf spielten andere Gedanken eine Rolle. Stefanie hatte ihm von Anfang an gut gefallen. Während der Arbeit hatte sich herausgestellt, dass sie trotz ihrer verhältnismäßig jugendlichen Erscheinung – wie alt mochte sie sein? Dreißig? – über ein großes Maß an Wissen verfügte und sich von seinen damals oft rotzigen oder anzüglichen Bemerkungen genauso wenig beeindrucken ließ wie von den distinguierten Grillen des Professors. Sie war professionell, das traf es wohl am besten. Professionell, dabei aber niemals steif oder verbissen. Nach kurzer Zeit war sie ein Teammitglied geworden, das sich nahtlos einfügte, fast sogar unauffällig, ganz so, als würden sie sich seit Jahren kennen. Es war eine neue Erfahrung für Patrick gewesen, eine Frau auf diese Weise kennen und schätzen zu lernen, dass ihm ihre menschlichen und fachlichen Qualitäten wichtiger und bedeutsamer wurden als ihre ganz offenkundige Attraktivität. Er gestand sich ein, dass seine übliche machohafte Art eine Weile mit seinem Respekt für sie konkurriert hatte, bis er einfach nur zufrieden war, in ihrer Nähe zu sein, und sich sein Stolz verflüchtigt hatte.
Und dann war es schließlich das Erlebnis in der mysteriösen Höhle gewesen, das etwas in ihm bewirkt, ihn geändert hatte. Peter war nicht dabei gewesen, und so war es etwas, das er ihm nicht erklären konnte. Er konnte es sich nicht einmal selbst erklären.
Die Höhle bot einen Zugang zu Wissen, auf welche Art und mittels welcher Technologie auch immer. Als er sie betrat, wurde er von einem Informationssturm getroffen, der ihn augenblicklich außer Gefecht setzte und vermutlich in kürzester Zeit in den Wahnsinn getrieben hätte, wie es anderen Besuchern der Höhle in den Jahrhunderten vor ihm offenbar ebenfalls ergangen war. Doch Stefanie war dabei gewesen, und ihr war es gelungen, ihn herauszureißen, sodass er sich in der Fülle von Bildern, Zeichen, Stimmen und Klängen hatte bewegen können. Später merkte er, dass vieles in den wenigen Minuten, die er dieser gewaltigen, unsichtbaren Macht ausgesetzt gewesen war, an ihm haften geblieben war. Seine Sinne wurden geschärft, unbewusstes Wissen hatte sich in ihm verankert, das sich unkontrolliert und nur tröpfchenweise offenbarte.
Etwas hatte sich allerdings sofort geändert, und das war seine Wahrnehmung von Stefanie. Für Sekundenbruchteile durchfuhr ihn damals eine Erkenntnis, etwas öffnete sich in ihm, so als hätte die Fassade der Wirklichkeit einen Riss bekommen, durch den er etwas Erhabenes, die strahlende Supernova einer größeren Wahrheit erblickt hatte. Es war ein vollkommen surrealer Augenblick, nichts, das sich in Worte fassen ließ, einem Wunder gleich, das einen ins Mark traf, schockierte und zugleich auf Äußerste erregte. Er überlegte später, ob sich so eine heilige Vision anfühlen würde. Etwas, von dem er niemals gedacht hätte, dass er dafür empfänglich sei. Es war rein metaphysisch, nicht erklärbar und ohne jeden dinglichen Aspekt. Stefanie sah danach noch immer genauso aus wie zuvor, sie handelte und sprach wie zuvor, es hatte sich nichts geändert. Und dennoch wusste er von diesem Moment an, dass sie nicht die Frau war, für die sie alle sie gehalten hatten, sondern jemand – oder etwas – völlig anderes.
Er hatte plötzlich und heftig um sie getrauert, als sie gestorben war – oder jedenfalls den Anschein dessen erweckte. Und danach hatte er sich stets weiter an sie erinnert. Während ihres Projektes in Ägypten war er sich mehrfach sicher, sie gesehen zu haben, meinte, Botschaften von ihr zu bekommen, und er träumte mehrere Male von ihr. Diese Träume waren ihm so real vorgekommen, dass er in dieser Zeit überzeugt war – wenngleich es vollkommen unmöglich schien –, dass sie auf irgendeine Weise mit ihm in Kontakt stand.