»Großer Gott«, entfuhr es dem Kapitän. Dann griff er zum Hörer. »Mann über Bord! Alle Mann auf das Achterdeck. Feuer löschen. Einen Verletzten auf die Krankenstation!« Während die Alarmsirene des Schiffs aufheulte, griff er nach einem Feuerlöscher und hastete zur Absturzstelle, die mit noch brennenden Trümmern übersät war. Aus dem Wasser links von ihm stiegen schwarze Schwaden auf. Weitere Besatzungsmitglieder kamen herbeigerannt.
Peter starrte erschüttert auf das Szenario.
»Das war's jetzt wohl mit dem Tauchgang«, meinte Patrick.
»Wenn das hier nicht ausreicht, um die Prioritäten zu verschieben«, meinte Peter, »dann wüsste ich nicht, was auf der Welt sonst wichtig genug wäre.«
»Ich wüsste etwas«, ertönte plötzlich eine Stimme. Kathleen stand am Eingang des Hangars. Sie hatte eine Waffe auf sie gerichtet.
»Kathleen! Was tun Sie da?«, fragte Peter und hob abwehrend die Hände.
»Ja«, meinte Patrick. »Hatten Sie nicht Hausarrest?«
Die Journalistin warf dem Franzosen ein kurzes, falsches Grinsen zu und winkte dann mit ihrer Pistole. »Rauskommen. Auch Sie, Marie, wir werden Sie jetzt brauchen. Los, zum U-Boot.«
Widerwillig ließen sie den verwundeten Mann auf dem Boden zurück und traten hinaus in den strömenden Regen. Als sie am Kapitän vorbeikamen, der mit dem Feuerlöscher beschäftigt war, rief sie zu ihm herüber: »John! Hierher!«
Als der Kapitän sah, dass sie eine Waffe hatte, folgte er ihren Anweisungen. Die anderen Männer verharrten in ihren Bewegungen, unschlüssig, was sie tun sollten.
»Was haben Sie vor, Kathleen? Wollen Sie uns alle erschießen? Oder das Schiff kapern?«
»Nicht das Schiff, John. Aber Alvin. Ich hatte freundlich gefragt, aber du musstest ja den Boss spielen. Dann machen wir es eben auf meine Weise. Ihr da hinten! Bleibt zurück!«
»Es ist völlig unmöglich, Alvin bei dem Seegang sicher über Bord zu hieven!«
»Das werden wir ja sehen.« Wieder winkte sie mit ihrer Pistole. »Los jetzt, rüber zum Boot. Und John, du gibst deinen Männern die Befehle.«
»Seien Sie vernünftig, Kathleen«, beharrte der Kapitän mit betont ruhigem Tonfall. »Es ist viel zu gefährlich. Außerdem passen Sie gar nicht alle hinein.«
»Wir passen schon, keine Sorge.« Sie waren unter dem Kran angekommen, und sie sah sich um. »Wo ist Dick?«
»Vermutlich hilft er beim Aufräumen«, sagte John und deutete nach hinten.
»Das ist gut. Er soll wegbleiben. Patrick wird Alvin lenken.«
»Das ist Wahnsinn!«, brauste John auf. »Niemand außer Dick ist in der Lage...«
»Unsinn! Ich habe das U-Boot in den letzten Tagen studiert, Raketenwissenschaft ist das nicht. Und außerdem weiß ich, was Patrick sich von Dick hat erklären lassen. Das reicht.«
John schnellte plötzlich nach vorn und versuchte, Kathleens Arm zu greifen. Aber sie hatte damit gerechnet, drehte sich ein Stück weg, zog den Arm zurück und feuerte auf den Boden direkt vor Johns Füße. Die Kugel pfiff als Querschläger beiseite, John erstarrte.
»So«, sagte sie. »Sie ist geladen. Und ich kann damit umgehen. Du sagst jetzt deinen Leuten, dass wir nach unten wollen. Und zwar schnell!« Sie deutete auf die Stufen, die zur Einstiegsluke des U-Boots führten. »Patrick, Peter, Marie, rein mit euch.«
Die drei stiegen die Stufen hinauf, während John sich abwandte, um seine Anweisungen zu geben.
Im Innenraum des kleinen U-Boots war es eng. Patrick saß im Fußraum auf dem Sitz den Piloten, eine der Pritschen wies Kathleen Peter zu, auf die andere legte sie sich selbst. Stefanie sollte stehen oder sich irgendwie geduckt auf das Fußende von Peters Liege setzen.
Sie hatten die Luke über sich kaum geschlossen, als Peter merkte, wie die Übelkeit in ihm aufstieg. Der inzwischen massive Seegang hatte ihm an Bord der Argo nicht so viel ausgemacht, weil er die Wellen und den Horizont sehen konnte. Aber in der winzigen Kugel, in die durch die kaum handtellergroßen Bullaugen nur wenig Tageslicht drang, war es etwas völlig anderes.
Patrick studierte die Kontrollvorrichtungen. Tatsächlich hatte ihm Dick die Bedienung stolz und ausführlich erläutert, und die Hauptfunktionen waren auch unschwer zu verstehen. Trotzdem bot das U-Boot natürlich eine Fülle von Anzeigen, Reglern, Knöpfen und Schaltern, die nichts mit dem Auf- und Abtauchen oder der Navigation zu tun hatten. Sie dienten der Sicherheit, den Scheinwerfern, Greifarmen oder steuerten andere Funktionen. Entschieden zu viele Optionen, um sie sich alle so schnell merken zu können. Gerade entdeckte er einen Schalter, der laut Beschriftung für die Kommunikation zuständig war, legte ihn um, und eine Stimme klang durch zwei Lautsprecher.
»... Sie uns hören, melden Sie sich.«
Patrick setzte ein Headset auf, das er im Fußraum fand, bog das Mikrofon zurecht und sprach hinein.
»Hier ist Patrick, könnt ihr mich hören?«
»Laut und deutlich.« Es war die Stimme von Dick. »Patrick, sind Sie sicher, dass Sie das schaffen können?«
»Es wird schon gehen... muss ja.«
»Frag, wann es losgeht«, verlangte Kathleen.
»Ich soll fragen, wann es losgeht.«
»Wir sind bereit«, kam die Antwort. »Die Büchse war schon fertig vorbereitet. Aber prüfen Sie noch einmal, ob wirklich alle Funktionen für den Start eingerichtet sind und die Luke dicht ist.«
Patrick kontrollierte die Anzeigen. Soweit er erkennen konnte, sah alles gut aus. Er überlegte einen Moment, ob er riskieren sollte zuzugeben, dass er sich nicht zu hundert Prozent sicher war. Stefanie gegenüber wäre es vermutlich kein Problem, aber Peter war ohnehin vollkommen verunsichert, und Kathleen war offenbar eine Psychopatin. Es war wichtig, dass er Ruhe ausstrahlte, die Situation unter Kontrolle behielt. Also vertraute er darauf, dass Dick einen guten Job in der Vorbereitung des Tauchgangs gemacht hatte. Hauptsache, die Luke war zu, und das konnte er an einer grünen Leuchte ablesen.
»Alles klar hier.«
»Okay... wir heben Sie nun an. Es wird ein bisschen schaukeln, also bitte alle losen Teile sichern, anschnallen und gut festhalten. Start auf Ihr Kommando.«
»Seid ihr so weit?«, fragte Patrick nach hinten gerichtet. Alle nickten. »Stefanie, halt dich gut fest!«
»Stefanie?«, fragte Kathleen, »Ich dachte, sie heißt Marie?«
»Wie sind bereit«, gab Patrick durch und ignorierte die Frage der Journalistin.
»Okay«, sagte Dick durch die Lautsprecher. »Festhalten.«
Sie spürten einen Ruck, der sie alle zur Seite riss, aber dann war das heftige Auf und Ab des Schiffes plötzlich einem fast sanften Schwingen gewichen. Offenbar hatten sie den Bodenkontakt verloren und schwebten nun an den Kabeln, mit denen der übergroße Kran sie anhob. Peter wusste, dass sich der Rahmen des Krans, der sich über die ganze Breite des Hecks erstreckte, nun langsam nach hinten beugen würde, bis Alvin über dem Wasser hing. Dann würde man sie herablassen und ausklinken. Unvorstellbar, dass bei diesem Sturm Taucher im Wasser waren, um das Manöver zu kontrollieren. Die gelösten Kabel durften sich nicht in den Propellern oder den Kufen des U-Boots verfangen. Er fragte sich gerade, wie das funktionieren würde, als der Pilot wieder über die Lautsprecher zu hören war.
»Wir können Sie nicht so langsam absetzen wie üblich«, warnte er. »Wir müssen die Kabel gespannt halten und sofort einziehen. Vermutlich schlagen gleich auch die ersten Wellen von unten gegen den Rumpf. Die Landung wird extrem unsanft. Halten Sie sich fest und schützen Sie Ihre Köpfe. Sind Sie bereit?«
Patrick sah sich um. Nicken. »Alles klar, kann losgehen.«
Und tatsächlich, einen Lidschlag später schlug etwas mit unglaublicher Kraft gegen den Boden des U-Boots. Sie hatten keine Zeit, sich festzuhalten, als das Boot auch schon wieder angehoben wurde und danach zur Seite kippte. Sie wurden herumgewirbelt wie Ameisen in einer Nussschale.