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Patrick bewegte sich langsam vorwärts, schob seine Füße durch den Schlamm, wobei glucksende Geräusche entstanden. Jahrhundertelang war Regen durch den Waldboden und durch diesen Raum gelaufen, nichts Organisches, was einmal hier gewesen sein mochte, keine Bücher des Padres oder vielleicht seine Leiche, konnte noch erhalten sein, die Feuchtigkeit würde alles zersetzt haben. Aber wenn Padre Guilherme einen Schatz gehütet hatte, dann war es nur wahrscheinlich, dass er ihn hier unten aufbewahrt hatte. Und Edelsteine verrotteten bekanntlich nicht.

»¡Señor Patrick! Ist alles okay?« Es war die Stimme von Jaime, die vom Eingang her zu ihm herunterdrang.

»Ja, keine Sorge. Kümmert euch um das Feuer, bin gleich wieder da.«

Patrick ging vorsichtig weiter. Auf keinen Fall wollte er in dieser Kloake ausrutschen. Er überlegte, weswegen der Raum nicht noch höher unter Wasser stand. Anscheinend war das Gestein so durchlässig, dass es immer wieder ausreichend ablief. Tatsächlich traf das ja auf die ganze Gegend zu, sodass sie von Cenoten und kleineren ausgeschwemmten Hohlräumen durchzogen war. Wie der Padre diese Höhle gefunden hatte, um seine Mission geradewegs darüber zu errichten, war ein Rätsel. Aber vielleicht war es ja auch nur Zufall gewesen.

Das Licht seiner Taschenlampe fiel auf eine Ausbuchtung in der Wand. Dort hatte man eine Nische in den Fels gearbeitet. Patrick ging hinüber und untersuchte sie. Sie war nur etwa hüfthoch. Er streckte einen Fuß hinein und stockte, als er gegen ein Hindernis stieß, etwas, das in der Brühe lag. Vielleicht ein Stein, oder vielleicht auch etwas, das der Padre hinterlassen hatte?

Patrick zögerte, ob er sich hinunterbeugen und mit den Armen in der Jauche wühlen sollte, als er ein bedrohliches Knirschen hinter sich hörte. Es klang nach mahlendem Stein, und es klang hohl. »Verdammt!«, zischte er, als eine ruckartige Bewegung durch den Boden lief. Dann platzte etwas lautstark hinter ihm, brach auseinander. Er fuhr herum und sah mit Schrecken, dass sich der gesamte Boden senkte. Oder jedenfalls der Flüssigkeitspegel. Der Stein unter seinen Füßen schien noch stabil, aber etwas war geschehen, und der faulige Brei lief mit erschreckender Geschwindigkeit ab. Wieder knirschte es, und dieses Mal gaben große Teile des Bodens nach, stürzten in sich zusammen und rissen die zähe Brühe mit sich. Der gesamte Boden brach ein! Unter dem Keller befand sich ein weiterer Höhlraum, erkannte Patrick, vielleicht eine regelrechte Cenote, die viele Meter in die Tiefe bis zum Grundwasser führte! Er presste sich an die Wand, suchte am Stein Halt.

»Hey, Jungs! Ich brauche eure Hilfe! Und zwar schnell!«

Er tastete mit den Füßen in Richtung der Treppe, trat ins Nichts, und die Maglite zeigte ihm, dass der Boden dort bereits fehlte. Er stand nur mehr auf einem Sims, und auch der konnte jederzeit unter ihm wegbrechen.

»Wirf mir ein Seil rüber, los!«, rief er, als er sah, wie sich Jaime die Treppe hinunterbeugte.

Der Mann verschwand. Die Sekunden zogen sich scheinbar endlos. Um Patrick herum ächzte das Gestein. Es war so gut wie sicher, dass der Einbruch noch nicht zum Stillstand gekommen war. Endlich erschien der Scout wieder und machte Anstalten herabzusteigen.

»Nein, bleib da oben!«, rief Patrick. »Hier ist nichts mehr stabil!«

Jaime zog sich wieder ein Stück zurück, gerade so weit, dass er das Ende seines Seils in den Keller und zu Patrick werfen konnte. Er hatte es mit einem Stein beschwert, und es landete direkt hinter Patrick. Als er sich danach bückte, fiel der Schein seiner Taschenlampe erneut in die Nische. Auch hier war der Morast weitgehend abgelaufen, und nun war darunter eine Truhe sichtbar geworden.

Der Schatz!, dachte Patrick. Er untersuchte die Truhe. Sie war aus Holz, fast schwarz und hatte eine schleimige Oberfläche. Ein Wunder, dass sie die Jahrhunderte überstanden hatte und nicht längst in sich zusammenfallen war. Es musste ein besonders resistentes Tropenholz sein, oder vielleicht war es imprägniert worden, überlegte er. Er versuchte, die Truhe anzuheben. Vollgesogen mit Wasser wog sie wie Blei, und sie wies keine Griffe auf. Man musste sie mit beiden Armen hochwuchten, und vermutlich war sie selbst dafür zu schwer.

Auf dem schmalen Sims, auf dem Patrick stand, hatte er kaum die Möglichkeit, sich vernünftig zu bewegen. Vollkommen aussichtslos, die Truhe hochheben zu wollen. Außerdem musste er sich selbst mit dem Seil von Jaime sichern, um nicht abzustürzen. Während er das Seil an seinem Gürtel befestigte und eine Schlaufe für seine Hände vorbereitete, überlegte er fieberhaft. Ein weiteres Seil? Nein, von der Treppe her konnten sie die Truhe nicht hochziehen, sie würde über den Boden schleifen, in das Loch vor der Treppe stürzen und gegen die Wände schlagen. Bretter! Sie konnten Bretter über den Boden legen, von der Treppe zum Sims und die Truhe so darüber ziehen.

Es blieb ihm keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Mit einem plötzlichen Krachen stürzte die gegenüberliegende Wand des Kellers in sich zusammen, riss Teile der Decke heraus, und mit gewaltigem Getöse brach der Baum mit seinen Brettwurzeln durch die Kellerdecke, durchstieß die letzten Reste des Fußbodens und fuhr wie ein Speer in die sich öffnende Cenote zu Patricks Füßen. Um ihn herum platzten Steinbrocken aus der Wand, der ganze Raum schien zu implodieren. Der Baum rutschte tiefer und riss mit seinen Ästen weitere Teile der Decke auseinander, Zweige peitschten an Patrick vorbei, der sich so dicht wie möglich auf seinem Sims an die Wand presste. Und endlich kam der Urwaldriese zum Stehen, blieb mit dem oberen Teil seiner Krone in dem Krater hängen.

»¡Señor Patrick! Alles gut?«, hörte er Rodrigo von oben zwischen den Ästen rufen.

»Ja! Aber vielleicht nicht mehr lange!« Das Seil, das er von Jaime bekommen hatte, nutzte ihm im Augenblick nichts, denn das Geäst des Baums versperrte den Weg zu den Stufen, die nach oben führten. Er musste irgendwie durch die Decke... Er konnte den Rand der herausgebrochenen Teile mit ausgestreckten Armen über sich spüren, aber hinaufspringen, um sie zu ergreifen, war wohl wenig sinnvoll. Zu groß war die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Steine ebenfalls lösten und er fallen würde. Und der kleine Vorsprung unter ihm, der ihm diese Galgenfrist gewährte, würde das sicher auch nicht aushalten.

Schon gaben die Steine unter ihm nach. Seine Beine rutschten ins Leere. Er ließ die Taschenlampe fallen und griff nach den Zweigen vor ihm, glitt ab, krallte sich erneut in das Grün und bekam schließlich einen Ast zu fassen, als sich gleichzeitig das Seil an seinem Gürtel spannte. Er hing im Baum, seine Beine baumelten über dem Abgrund. Er suchte mit den Füßen einen Stand. Solange der Baum nicht vollends versank, war er sicher.

»Ich habe Sie, señor!«, hörte er Jaime aus Richtung der Treppe rufen. Aber das nutzte ihm wenig. Wenn der Baum ihn mit sich nach unten riss, würde Jaimes Seil ihn auch nicht mehr halten könnte. Er musste nach oben!

Er hangelte behutsam nach einem höheren Ast und prüfte, ob dieser fest genug war. Er befand sich nur wenig unterhalb des Bodenniveaus, unter normalen Umständen wäre es kein Problem, einfach aus dem Loch zu klettern. Nur konnte er sich nicht sicher sein, dass der Baum nicht plötzlich doch noch tiefer absackte. Aber er musste es wagen, eine andere Möglichkeit hatte er nicht. Er löste das Seil von seinem Gürtel, als Rodrigo ihm ein anderes durch die Äste herabwarf. Es blieb zu weit von Patrick entfernt hängen. Rodrigo zog es wieder ein und warf erneut, bis es nah genug landete, sodass Patrick es erreichen und sich erneut daran befestigen konnte. Dann begann er mit dem Aufstieg. Einige nervenaufreibende Minuten später war er so weit in die Krone geklettert, dass er mit einem weiten Satz auf festen Boden springen konnte.