Am Ende eines breiten Korridors strahlte ihnen durch einen verzierten Torbogen ein blaues Licht entgegen. Als sie das Tor erreichten und in den dahinter liegenden Raum sahen, erkannte Patrick es sofort wieder.
Der Raum war rund, ähnlich einem Planetarium. Den Boden bedeckte ein übergroßes Zeichen aus drei konzentrischen Ringen und einem geraden Weg, der zur Mitte hin führte. Dort stieg eine blaue Lichtsäule empor zur Decke, und die herabfallenden Strahlen erweckten den Eindruck eines Unterwasserszenarios.
»Ist es das?«, fragte Kathleen.
»Ja«, sagte Stefanie. »Das ist das Archiv.«
»Ich sehe keine Bücher oder Regale«, sagte die Journalistin. »Der Raum ist leer!«
»Es ist das Licht«, erklärte Stefanie. »Das ist der Informationsträger.«
Kathleen runzelte die Stirn. »Tatsächlich...?«
»Natürlich«, sagte Peter. »Denken Sie darüber nach. Alle Berichte in der Bibel von göttlichen Botschaften sind von unerklärlichen Lichtphänomenen begleitet. Die Engel, die Himmelfahrt Hesekiels, der brennende Dornbusch im Alten Testament. Die Blendung und Bekehrung des Saulus zum Paulus oder das Pfingstwunder im Neuen Testament...«
»Alleine das Wort ›Erleuchtung‹ sollte schon eine Glocke läuten lassen«, fügte Patrick hinzu, der plötzlich ahnte, welche Chancen ihnen dieser Raum bot.
»Hmm...«, machte Kathleen. »Es sieht aber auch etwas unheimlich aus. Es könnte auch der Energiegenerator sein!«
»Sie müssen es mir nicht glauben«, sagte Stefanie. »Aber es ist die Wahrheit. Anders wurden Informationen nicht aufbewahrt.«
Kathleen trat näher an die Tür heran. »Und wie soll das funktionieren?«
»Es sind Wellen, die auf das Gehirn einwirken und durch Energieströme mit ihm interagieren«, erläuterte Stefanie.
»So, so... Und man geht da einfach rein?«
»Nein!«, sagte Stefanie schnell und hob abwehrend die Hände. »Das heißt, ja. Im Prinzip schon, aber ohne eine spezielle Ausbildung kann Ihr Gehirn diese Daten nicht verarbeiten. Peter und Patrick haben Ihnen vielleicht von der Höhle erzählt, die sie gefunden hatten. Menschen, die sie betreten haben, sind wahnsinnig geworden.«
»Und das soll ich Ihnen glauben?«
»Im Glauben sind Sie doch ganz groß«, warf Patrick ein.
»Glauben ist gut...«, sagte Kathleen. »Aber Kontrolle ist besser!« Und mit diesem Ausruf gab sie Stefanie einen heftigen Stoß, sodass diese in den Raum stolperte. Das blaue Licht umschloss sie augenblicklich. Aber nichts geschah.
»Ah!«, machte die Journalistin. »Ist ja wirklich irrsinnig gefährlich. Was erzählen Sie mir da eigentlich für Märchen?!«
»Ich bin entsprechend konditioniert«, sagte Stefanie. »Bei mir ist es etwas völlig anderes.«
Ein zynisches Grinsen machte sich auf Kathleens Gesicht breit. Dann machte sie zwei Schritte vorwärts und betrat den Bereich. Sie ging an Stefanie vorbei, folgte dem Weg in die Mitte des Raums. Dabei sah sie sich staunend nach allen Seiten um. Plötzlich riss sie die Augen auf und blieb stehen. Sie taumelte, sank auf die Knie, stützte sich mit den Händen ab, würgte einige Male. Dann riss sie den Oberkörper hoch, warf den Kopf in den Nacken. Ihre Augen flackerten, ihr Mund war zu einem Schrei geöffnet. Sekundenlang blieb sie in dieser Position, während ihr Körper von spastischen Zuckungen durchfahren wurde. Dann sackte sie in sich zusammen und kippte seitwärts auf den Boden.
Stefanie, die währenddessen neben der Journalistin gestanden und sie beobachtet hatte, kam kopfschüttelnd aus dem Raum und gesellte sich wieder zu Peter und Patrick.
»Jetzt hat sie ihr Wissen«, meinte sie.
»Sie...«, sagte Peter stockend. »Sie haben sie umgebracht!«
»Nein, Peter. Sie hat das Wissen erhalten, das sie unbedingt haben wollte. Sie ist nicht tot. Nur ihr Geist ist restlos überfordert. Wäre sie reifer gewesen, wäre ihr nichts geschehen.«
»Aber Sie wussten, dass das passieren würde.«
»Es war abzusehen«, gab Stefanie zu. »Es war eine Prüfung. Und sie war notwendig, wenn wir das hier schützen wollen.«
Peter schüttelte den Kopf. »Ich kann ja verstehen, dass Sie sich zurückgehalten haben, solange Kathleen dabei war«, sagte Peter, »aber nun ist es an der Zeit, dass Sie uns alles erklären!«
»Stimmt«, sagte Patrick. »Gibt's einen Ort, wo wir vielleicht auf einer Bank sitzen und eine rauchen können?«
»Ich führe euch zum Kontrollraum«, sagte sie. »Dort lässt es sich am besten erklären.«
»Und Kathleen?«, fragte Peter.
»Möchten Sie sie etwa mitnehmen?«, fragte Patrick.
»Natürlich nicht! Aber wir können sie doch nicht einfach hierlassen! Das ist grausam!«
»Es ist besser so«, sagte Patrick. »Inzwischen hat sie ohnehin Verstand und Bewusstsein verloren. Wir können ihr nicht mehr helfen.«
»Wenn wir die Anlage verlassen, holen wir sie wieder hier ab und nehmen sie mit«, sagte Stefanie.
»Ich hätte nie gedacht, dass Sie so gewissenlos mit Menschen umgehen könnten«, sagte Peter, während Stefanie wieder voranging und sie zum Kontrollraum führte.
Sie seufzte. »Sie hat ihre Entscheidung selbst getroffen. Solche Augenblicke sind Teil der Bürde, die wir zu tragen haben. Unser Gewissen wird nicht leichter, sondern immer nur schwerer. Der Schutz des Wissens, die Belehrung und der Schutz der Menschheit durch die Jahrtausende ist aber leider das wesentlich größere Ziel.«
»Wer ist wir?«
»Ich erkläre es, sobald wir am Ziel sind«, gab sie zurück. »Dort wird alles verständlich.«
Die sechs Männer der Hondura standen in einer Säulenhalle und sahen sich um.
»Hier ist alles nur aus Stein«, murrte einer der Männer. »Oder was auch immer das ist.«
»Ja«, stimmte ein anderer zu. »Wo ist das Gold?«
»Ihr habt die goldenen Platten an den Steinen draußen im Meer gesehen!«, sagte González. »Diese Leute waren unermesslich reich, sonst hätten sie das hier alles nicht bauen können! Aber es wird ja wohl kaum auf dem Boden herumliegen. Wir müssen weitersuchen.«
Kurze Zeit später erreichten die Kubaner einen gläsernen Gang, der Ausblick auf das üppige Blätterdach eines Waldes bot, der unter ihnen in einer endlos großen Höhle oder Kuppel lag.
»¡Madre de Dios!«, stieß González aus. »Seht euch das an!«
»Was schon?«, sagte einer. »Sieht auch nicht anders aus als zu Hause.«
»¡Cállate, estúpido!«, rief González. »Das ist eine Biosphäre, wie sie die Amerikaner haben! Hightech! Wir sind einer verdammt großen Sache auf der Spur, sage ich euch.«
Er sah noch einen Moment nach unten und überlegte kurz.
»Okay, der ganze Komplex ist größer, als ich gedacht habe. Wir teilen uns auf. Ihr beiden kommt mit mir. Ricardo, du führst eure Gruppe dort entlang. Was auch immer ihr findet: Merkt euch den Weg, und in einer Stunde geht ihr zurück zum Eingang. Und diese verdammten Europäer müssen hier irgendwo sein. Wenn ihr sie seht, dann bringt ihr sie mit!«
Der Raum, in den Stefanie sie führte, war wie ein kreisrundes Amphitheater konstruiert. Ein gutes Dutzend konzentrischer Sitzreihen, überdimensionalen Stufen gleich, führte hinab zum Boden und Zentrum des Raums. Vier Gänge mit kleineren Stufen mündeten in die etwa fünf Meter durchmessende Mitte, wo aus einem Podest eine goldene Lichtsäule ihren sanften Strom nach oben in die Kuppel emporsandte.
»Das ist das Herz dieser Anlage. Setzt euch dort auf die Stufen.«
Peter und Patrick folgten ihren Anweisungen, während Stefanie nach unten ging und sich neben das Podest stellte. Sie streckte ihre Arme links und rechts neben den baumstammdicken Lichtstrahl und schloss die Augen.