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Die Helligkeit im Raum nahm ab. Der Strahl drehte sich zwischen Stefanies Händen, verformte sich. In der Kuppel breitete er sich seitlich aus, und über ihren Köpfen bildete sich ein golden schimmernder Vorhang aus Licht, der sich bald über den ganzen Raum spannte.

Peter sah atemlos in die Höhe, als das Licht eine gewaltige Kugel formte, die in wenigen Augenblicken die Gestalt und Farbe der Erde annahm. Sie rotierte frei im Raum, so real, als könne er sie anfassen. Tatsächlich streckte er versuchsweise eine Hand aus, zuckte aber plötzlich zurück, als er Stefanies Stimme hörte. Sie klang jedoch nicht vom Podest aus, sondern hallte direkt in seinem Kopf. Voluminöser und fremder, als er sie kannte. Ein Schauer lief seinen Rücken hinunter. Dann machte sich eine unerklärliche Erregung in seinem Schoß breit. Es war furchtbar, durchdringend, intim, bloßstellend und zur selben Zeit wunderbar und Ehrfurcht gebietend.

Die Stimme eines Engels, zuckte es ihm durch den Sinn. Grauenhaft und überirdisch.

»Fürchtet euch nicht«, sagte Stefanie. »Diese Worte kennt ihr aus der Geschichte der Menschheit. Sie sind überall dort gefallen, wo etwas Größeres auf etwas Kleineres getroffen ist, ohne ihm schaden zu wollen. Höheres Wissen, höhere Fähigkeiten lösen Unverständnis und Angst aus. Aber Wissen kann und darf nicht ohne Lehrer vermittelt werden, und nicht alles Wissen ist jederzeit für jedermann geeignet. Daher gibt es die Hüter, die beobachten und belehren, aber auch bewahren und verteidigen. Es geht um das gesammelte Wissen der atlantischen Kultur.«

Die Erdkugel kam näher und näher, die Wolken zogen beiseite, bis nur noch der Atlantische Ozean zu sehen war. Dann schälte sich die Oberfläche der Kugel ab, wölbte sich herum und breitete sich als eine flache Karte aus. Zwischen Amerika und Europa war ein zerklüfteter Kontinent zu sehen.

»Dies ist Atlantis. Wie ihr sehen könnt, treffen die Beschreibungen Platons im Wesentlichen zu. Aber vieles ging im Lauf der Jahrtausende verloren.«

Die Oberfläche des Kontinents kam näher, bis Wälder, Straßen und Städte sichtbar wurden. Aus der Höhe war die Konstruktion der größten Stadt gut zu erkennen. Sie lag auf einer von Gebirgen gesäumten Ebene am Meer. Um das Stadtzentrum in der Mitte lagen breite Wasserstraßen in drei konzentrischen Ringen, die allesamt miteinander und mit dem Meer verbunden waren. Schiffe befuhren die Kanäle. Gerade Straßen führten von jeder Himmelsrichtung aus über Brücken zur Mitte hin.

»Die atlantische Kultur war sehr fortschrittlich und lange Zeit die einzige Zivilisation auf der Erde. Es gab Verbindungen zu allen anderen Kontinenten, Kontakte zu den dortigen Eingeborenenstämmen und Handel, aber keinen Kulturaustausch. Doch trotz ihrer hohen Entwicklungsstufe durchlebte die atlantische Zivilisation mehrere Zyklen des Fortschritts, der Zerstörung und des Wiederaufbaus. Einige durch Naturkatastrophen, andere selbst verschuldet. Als die Berechnungen der Astronomen die wohl endgültige Vernichtung des Landes durch einen Meteoriten vorhersagten, beschloss die Regierung, das Wissen und die Errungenschaften zu schützen. Kleinere Wissensarchive und Kommunikationszentren in anderen Ländern hatte es auch schon vorher gegeben, aber nun wurden neue, größere angelegt. Diese Anlagen hier wurden ausgebaut, um auch nach Jahrzehntausenden noch Energie zu liefern und die Überreste zu schützen. Die Bevölkerung wurde evakuiert und alles für den Tag des Untergangs vorbereitet.«

Nun wurde wieder der Atlantik sichtbar, und während Stefanie weitererzählte, ließen sich die Abläufe mitverfolgen.

»An dem Tag, als der Meteorit kam, befanden sich nur noch wenige Tausend Menschen auf Atlantis. Solche, die den Berechnungen nicht trauten, und solche, die ihre Heimat zu sehr liebten und zu alt waren, um in einer fremden Welt ein neues Leben anzufangen.«

Es mischten sich Geräusche zu den Bildern, und bald wurde das Geschehen so intensiv, dass es sie vollkommen umschloss, mitsamt des Lärms, der Gerüche, der Erschütterungen, Feuer, Wind und Wasser.

»Der mehrere Kilometer große Meteorit trat in die Atmosphäre ein und zerbarst in mehrere Teile. Die kleineren trafen Mittelamerika und den südlichen Teil der heutigen USA. Der größte Brocken schlug auf Atlantis mit einer so großen Wucht auf, dass die Hälfte des Kontinents auf einen Schlag zu Asche verdampfte. Turmhohe Flutwellen donnerten über die Küsten Nord- und Südamerikas, drangen selbst in Afrika und Europa Hunderte von Kilometern ins Landesinnere ein. Das Mittelmeer durchschlug die Meerenge, die heute der Bosporus ist, stürzte in das Schwarze Meer und hob den Spiegel des einstigen Sees um mehrere hundert Meter an. Der Aufprall war so heftig, dass sich die Schockwellen im Inneren der Erde ausbreiteten und überall auf der Welt Vulkane ausbrachen. Der Meeresboden entlang des mittelatlantischen Rückens riss weit auseinander, die gelösten Kontinentalplatten verschoben sich, und was niemand hätte ahnen können, trat ein, als die Reste des Atlantischen Kontinents in nur wenigen Jahren nach und nach in die Tiefe gezogen wurden. So verschwand Atlantis vom Angesicht der Erde.«

Sie machte eine Pause. Die plastische Darstellung der weltweiten Katastrophe drang Peter und Patrick durch Mark und Bein. Es war etwas anderes, von diesen Szenarien zu lesen oder Computersimulationen zu sehen, als sie so hautnah zu erleben, wie es das Lichtphänomen vor ihnen ermöglichte.

»Die Menschen, die Atlantis rechtzeitig verlassen hatten«, fuhr Stefanie fort, »verteilten sich auf den anderen Kontinenten. Nicht überall fassten sie erfolgreich Fuß. Manche Kolonien gingen wieder unter und gerieten in Vergessenheit. Andere vergaßen ihre Wurzeln und begannen von Neuem. Wieder andere vermischten sich mit den Ansässigen. Vielerorts wurden die Weisen der Atlanter zu Lehrmeistern, und ihr Vermächtnis ist nicht nur in der globalen Erinnerung an eine Sintflut erhalten geblieben. Auch die plötzliche Steinarchitektur, der weltweite Bau von Pyramiden, die Erzählungen der mittelamerikanischen Völker von bärtigen Schöpfern, die Legenden von Lehrmeistern und Kulturbringern, die bärtigen Pharaonen, auch viele Erzählungen von Propheten und Göttern, dies geht fast alles auf jene Zeiten zurück.«

Eine Landkarte zeigte sich, auf der die Ströme dieser urzeitlichen Diaspora zu sehen waren.

»Das Wissen sollte bestmöglich erhalten bleiben. Aber es war auch klar, dass vieles von dem, was in Atlantis bereits erreicht worden war, für die anderen Völker noch nicht geeignet war. Zu groß wäre die Verlockung der Macht gewesen und zu verheerend der mögliche Missbrauch. Denn große Macht bedeutet eine große Verantwortung und verlangt nach Erfahrung und moralischer Festigkeit. Daher wurde das Prinzip der Hüter geschaffen, deren Aufgabe es sein sollte, die Archive des Wissens und das atlantische Erbe durch die Zeit zu bewahren, bis der richtige Zeitpunkt gekommen wäre.

Die Archive in Atlantis selbst wurden in den letzten wenigen Jahren, die dem Rest des Kontinents nach der Katastrophe noch verblieben, so gesichert, dass sie auch unter Wasser geschützt sein würden. Das Symbol auf dem Tor bedeutet, wie ich schon sagte, ›Schutz‹, aber es geht nicht um die Energiequellen, die sind lediglich ein Mittel, sondern es geht um diesen viel größeren Schatz hier. Viele der anderen Archive auf der Welt gingen bei Naturkatastrophen verloren, einige mussten vernichtet werden, um sie vor der Entdeckung zu schützen. Eines davon, in Frankreich, habe ich selbst zerstören müssen.«

Langsam verblasste die übergroße Landkarte, der Lichtstrom erlangte seine ursprüngliche Form wieder, und die Helligkeit im Saal nahm zu.

Peter und Patrick erwachten wie aus einer Trance.

Es dauerte eine Weile, bis Peter das Wort ergriff. Seine Stimme klang seltsam dünn in dem großen Raum.