»Dann... sind Sie...«, er zögerte, die absurde Frage in Worte zu fassen. Aber was war nun noch absurd? »Stammen Sie von Atlantis?«
Sie lächelte. »Nein, nicht aus jener Zeit. Aber auf eine gewisse Weise schon. Ich bin atlantischer Abstammung und einer der letzten Hüter der letzten Archive. Die Lebenserwartung der Atlanter war wesentlich höher als bei den heutigen Menschen. Erinnern Sie sich an das Alte Testament. Die ersten Generationen werden dort noch mit einem Lebensalter von über neunhundert Jahren angegeben, bis sie immer kürzer werden und sie sich schließlich bei etwas unter hundert einpendeln. Ebenso im Gilgamesch-Epos. Auch das ist ein Überrest aus jener vorgeschichtlichen Zeit, in der sich das atlantische Blut immer weiter verdünnte. Für die Hüter jedoch war es wichtig, möglichst lange zu bestehen, damit nur selten neue ausgewählt werden mussten, deswegen durften sie nur unter ihresgleichen bleiben. Ich bin daher eine direkte Nachfahrin dieses uralten Volkes, wenngleich auch ich fast so viele Generationen davon entfernt bin, wie Sie es von den Kreuzzügen sind.«
»Wie viele Hüter gibt es?«
»Wir sind nur noch drei wahre Hüter. Es gibt aber einige Menschen, denen wir einzelne Archive für ihre Lebenszeit anvertraut haben. Einen davon haben Sie in Ägypten kennengelernt und miterlebt, wie er seine Aufgabe weitergegeben hat.«
Oliver Guardner und Melissa, dachte Peter. Es fügte sich alles in ein Bild.
»Und was ist der Plan mit uns?«, fragte Peter. »Ich vermute, dass dieser Steffen van Germain oder Al Haris, wie er sich in Kairo nannte, ebenfalls einer von Ihnen ist. Der steckt doch dahinter!«
Wieder lächelte Stefanie. »Es geht um diese Archive hier, die vielleicht wichtigsten Relikte und Belege unserer Kultur. Wir beobachten Sie schon sehr lange, Professor. Und wenn wir es schaffen würden, dass Sie sich ernsthaft mit Atlantis auseinandersetzen und sogar wagen würden, es zu suchen, dann wären Sie unser bevorzugter Hüter. Das ist auch der Grund, weswegen ich Sie beide bei Ihren Projekten immer begleitet habe. Allerdings steht Ihnen die letzte Prüfung...« Sie stockte und streckte einen Arm aus, hielt ihn in die Lichtsäule. »Wir sind nicht allein«, erklärte sie dann.
»Und das sagt dir das Licht?«, fragte Patrick.
»Ja. In diesem Kontrollraum laufen die Informationsströme der ganzen Anlage zusammen. Das Licht, das überall hier unten zu sehen ist, auf den Gängen, in den Räumen, ist zugleich ein Datenträger. Von hier aus lässt sich alles steuern und überwachen. In diesem Augenblick gibt es Bewegungen an zwei weiteren Stellen der Anlage.«
Der Lichtstrom aus dem Sockel verbreiterte sich ein wenig, gerade so, dass er eine rund zwei Meter breite Wand bildete. Darin war eine dreidimensionale Darstellung zu sehen. Auf den ersten Blick wirkte es wie eine Nervenzelle, die sich mit vielen haarfeinen Auswüchsen nach allen Seiten hin ausstreckte. Bei näherer Betrachtung bestand die Nervenzelle selbst ebenfalls aus unzähligen Zellen und Verbindungen. Sie stellten Korridore und Räume dar. Das Ganze war eine durchsichtige Rekonstruktion der unterirdischen Anlage.
»Meine Güte, sind das wirklich die ganzen Gänge?«, sagte Patrick. »Das ist ja komplexer als ein Ameisenbau... Nur regelmäßiger aufgebaut... Diese großen Räume, was ist das?«
»Diese Darstellung ist stark verkleinert. Es sind die Biotope, wie wir vorhin eines gesehen haben. Es gibt davon fünf Stück mit einer Gesamtfläche von vielen Quadratkilometern.«
Die Ansicht drehte sich ein wenig, vergrößerte sich, bis ein kreisrunder, schwach leuchtender Raum deutlich wurde, der sich im Zentrum des symmetrisch angelegten Komplexes befand. In einiger Entfernung davon leuchteten zwei weitere Gänge auf.
»Wir sind hier«, sagte Stefanie, »und dort ist die Bewegung.«
»Was für eine Bewegung?«, fragte Peter. »Gibt es hier unten etwa noch Menschen?«
»Hier unten war seit zehntausend Jahren kein Fremder mehr«, sagte Stefanie. »Und den einzigen Eingang haben wir selbst benutzt.«
»Gibt's eine Möglichkeit, direkt in diese Gänge zu sehen?«, fragte Patrick. »Mit diesem Licht oder so?«
»Ja«, sagte Stefanie. »Aber dafür bleibt keine Zeit. Wir sollten, so schnell es geht, aus diesem Raum verschwinden. Kommt mit!«
Sie führte sie zügig weiter, und erst als sie einige Korridore hinter sich gebracht hatten, verlangsamte sie wieder das Tempo.
»Es gibt noch viel mehr zu sehen«, erklärte sie. »Aber wir sollten erst selbst herausfinden, was hier vor sich geht. Im Kontrollraum wären wir überrascht worden.«
»Wer kann denn hier unten sein?«, wollte Peter wissen.
»Dieser Jemand muss auf alle Fälle ein Unterseeboot haben«, meinte Patrick. »Vielleicht ein Rettungsteam von der Küstenwache? Oder von der Navy?«
»Das werden wir herausfinden«, sagte Stefanie. »Es gibt noch einen anderen Kontrollraum, den wir nutzen können, um in die Gänge zu sehen.«
Stefanie führte sie weiter. Einige Male hob sie die Hand und ließ sie an Abzweigungen anhalten. Dann schloss sie die Augen, konzentrierte sich kurz und wählte danach einen der Wege.
»Durch das Licht hier im Gang kann ich auf den Lageplan zugreifen«, erklärte sie auf Peters Frage hin. »Der Raum, den ich suche, liegt in der Nähe der Biotope, aber ich kenne ihn nicht.«
»Der Rest der Anlage scheint Ihnen aber durchaus vertraut zu sein«, meinte Peter.
»Ja«, gab Stefanie zu. »Ich war auch bereits einmal hier. Es ist aber schon lange her.«
»Wie um alles in der Welt bist du denn hier runtergekommen?«, fragte Patrick erstaunt.
»Damals gab es noch einen anderen, unterirdischen Zugang. Er führte zu einem weiteren Archiv, weit südlich von hier, in der Nähe von Kuba. Aber sowohl das Archiv als auch der Zugang sind heute zerstört.«
»Das verstehe ich nicht«, sagte Patrick. »Du hast erzählt, diese Anlage wäre in den Jahren nach dem Asteroidenaufschlag gebaut worden, als die Reste des Kontinents nach und nach in die Tiefe gezogen wurden. Wie kann dann das alles hier so ungeheuer groß sein? Und wofür die Kontrollräume? Und die Wälder?«
»Große Teile der Anlage existierten schon vorher«, erläuterte sie. »Es waren einst Bergbaustollen, die später zu einer Lehr- und Forschungseinrichtung ausgebaut wurden. In den Jahren zwischen Aufschlag und Untergang wurde das hier nur erweitert, umgebaut und gesichert. Hauptsächlich wurde dabei die autonome Energieversorgung eingerichtet, um alles hier unten stabil zu halten. Und auch die Schwelle oberhalb dieses Tals, die den Druck kontrolliert und das Gebiet abschirmt, musste ja mit Energie versorgt werden.«
»Und diese großen Biotope?«
»Es sind Katalysatoren, die für den Energiegewinnungsprozess eine Rolle spielen«, sagte sie. »Die atlantische Technologie war weit fortgeschritten und beruhte auf der Nutzung von natürlichen Prozessen für die Umwandlung von Energie.«
»Und das alles läuft reibungslos und wartungsfrei seit zehntausend Jahren?«, hakte Patrick nach.
»Mehr oder weniger, ja. In den letzten Jahrzehnten hat es vermehrt tektonische Aktivitäten gegeben, die diese Strukturen hier unten beeinflussen. Ihr habt die Ruinen vor dem Eingang gesehen. Die Gebäude waren beim Untergang zwar bereits verlassen, aber eingestürzt sind sie erst später. Auch die schwarzen Steine, die ihr fotografiert habt, sind erst vor kurzer Zeit durch die Schwelle nach oben katapultiert worden.«
»Durch eine Plattenverschiebung? Das kann ich mir nicht vorstellen.«
»Nein. Aber die Bewegung der Erdkruste verzerrt das Energiefeld des Schutzschilds und wirkt sich auch auf die technischen Installationen aus. Daher kommt es immer häufiger zu unkontrollierten heftigen Entladungen, die sich dann einen Weg ins offene Meer bahnen. Sicher seid ihr euch dessen bewusst, dass dies hier auch das Gebiet des berüchtigten Bermudadreieckes ist. Die Effekte, die hier beobachtet wurden und zu vielen Unfällen geführt haben, also weißes oder leuchtendes Wasser, elektromagnetische Störfelder, Ausfall des magnetischen Feldes, besondere Wetterphänomene, Strudel, Blitze, all das hat mit den Energieentladungen zu tun, die hier stattfinden.«