»Nicht in dem Wald. Hinter dem Wald. Wir müssen dort durch.«
»Spinnst du?« González holte zu einer Ohrfeige aus, doch Stefanie fing sein Handgelenk mit ungeahnter Geschwindigkeit auf.
»Nicht so ungeduldig, starker Mann«, sagte sie gelassen. »Ich zeige dir den Weg.« Sie wies mit dem Kopf auf einen leuchtenden Kreis an der Wand.
Der Kubaner nickte.
Stefanie ließ sein Handgelenk los, und während González seine Maschinenpistole erneut in Anschlag brachte, streckte sie ihren Arm aus und hielt ihre Hand vor das Licht.
Lautlos teilte sich die durchsichtige Wand vor ihnen. Obwohl sie zuvor keinen Spalt gesehen hatten, schob sie sich in der Mitte auseinander. Oder verschwand. Es war nicht genau zu erkennen. Patrick ging näher heran, um sich das Phänomen genauer anzusehen. Ja, sie bewegte sich nicht, sie schien sich tatsächlich aufzulösen. Dann schrak er zusammen, als sich direkt vor seinen Füßen, dort, wo sich nun die Kante des Raums befand, ein ähnlicher Vorgang abspielte. Nur, dass dies andersherum arbeitete. Anscheinend aus der bloßen Luft bildete sich eine transparente Brücke, die sich in rasender Geschwindigkeit nach vorn ausbreitete und zwischen den Baumstämmen verschwand.
»Heute würde man es Nanotechnologie nennen«, sagte Stefanie, die das atemlose Erstaunen der anderen beobachtete. »In Verbindung mit Wassermolekülen, die aus der Luft gewonnen werden.«
Die Brücke war fertig. Es war ein rund ein Meter breiter Pfad, der sich durch den Wald schlängelte. Die Konstruktion ruhte auf zahllosen ebenfalls transparenten Pfeilern und verfügte über ein einfaches Geländer.
»Ist das... stabil?«, fragte Patrick.
»Ja«, sagte Stefanie. »Die Schwingungen der Moleküle sind mit speziellen Interferenzen zum Stillstand gebracht worden. Inzwischen ist es Eis.«
»Das ist... verdammt cool!«, sagte Patrick. »Aber warum so eine Spielerei?«
»Eine stationäre Konstruktion hätte entweder dem ungehinderten Wachstum geschadet oder wäre im Lauf der Zeit durch die Bäume zerstört worden. Daher wird die Brücke nur bei Bedarf erzeugt, und die Nanobots suchen sich selbstständig einen Weg.«
»Das ist ja ganz schön«, mischte sich González ein. »Aber jetzt geht's hoffentlich weiter!«
Stefanie trat auf die Brücke hinaus, ging ein paar Schritte und drehte sich halb herum.
»Sie ist stabil, sehen Sie?«
González schwenkte seine Maschinenpistole in Richtung von Peter und Patrick. »Jetzt ihr!«
Die beiden folgten Stefanie, während sich hinter Patrick die Kubaner anschlossen. Die Brücke hielt problemlos, so als sei sie aus Stahl. Ihre Oberfläche war glatt, aber nicht rutschig, sondern vollkommen trocken.
Ein überwältigendes Aroma von feuchtigkeitsschwangerer Urwaldluft umhüllte sie. Es roch nach Erde und Moosen. Sie gingen im Zwielicht zwischen den Stämmen hindurch. Ihre Schritte hallten auf der Brücke unangemessen laut durch den ansonsten schweigenden Wald. Es umgab sie eine fast sakrale Atmosphäre, in der die Bäume zu nicht enden wollenden Säulen einer urzeitlichen Kathedrale wurden, das ferne Blätterdach zu einer gewaltigen Kuppel, in der nur ab und zu einzelne Lichtflecken aufblitzten. Dieser Wald, so schien es, atmete langsam, wie ein einziges, uraltes schlafendes Wesen. Bald schien es, als würden ihre Schritte leiser und langsamer werden. Patrick sah sich verstohlen um und bemerkte, dass auch die Kubaner von dem Ort gefangen genommen waren. Einzig González schien sich unwohl zu fühlen und sah sich immer wieder hektisch zu den Seiten hin um, als fürchte er, dass ihn etwas aus dem Halbdunkel anfallen könnte.
Ihr Weg wand sich weiter. Der Anblick war überall derselbe. Es war ein vollkommen in sich geschlossener Wald, der Jahrtausende Zeit gehabt hatte, sich zu entwickeln, sich ineinander zu verflechten, in sich zu ruhen. Kein Zeichen fremden Einflusses war zu erkennen, es war eine Natur, wie sie nur in dieser von Menschen, Tieren und der Umwelt isolierten Umgebung entstehen konnte. Patrick wusste, dass es ein Trugschluss war, denn sie befanden sich in einer künstlichen, wenn auch ungeheuer großen Höhle, und Stefanie hatte erklärt, dass die Wälder mit der Energiegewinnung zusammenhingen. Also waren sie nicht so isoliert, wie es schien. Wie das Prinzip funktionierte, würde vermutlich ein Rätsel bleiben.
Sie mochten eine Viertelstunde lang dem gewundenen Pfad gefolgt sein, als Patrick erneut einen fremden Eindruck in seinem Kopf spürte. Anspannung. Das Gewicht der Waffe in seiner Hand, Rückstöße, Deckung, Flucht. Er fühlte ein rettendes Ufer, eine sich schließende Tür. Es waren intensive Gefühle, die fast zu greifbaren Bildern wurden. Stefanie versuchte, ihm etwas zu erklären, aber es war zu schnell, zu wirr, es gelang ihm nicht, sich einen eindeutigen Reim darauf zu machen. Dann traf ihn plötzlich eine Erinnerung. Es war der Schlag, den González ihm mit der Waffe versetzt hatte. Er durchzuckte den Franzosen so real, dass er aufschrie, taumelte und sich an der Eisbrüstung festhalten musste.
Die Kubaner schreckten auf, richteten ihre Waffen in den Wald, aus dem sie einen Angriff vermuteten. Patrick spürte Stefanies Anspannung und hörte ihre hastigen Schritte. Im selben Moment waren seine Schmerzen verschwunden, und er erkannte, dass er diesen Augenblick nun nutzen musste, um die Kubaner aufzuhalten, damit Stefanie und der Professor vorausrennen konnten.
Er zog seine Pistole und feuerte wahllos zwischen die Beine der Kubaner. Einer ging mit einem Aufschrei zu Boden. Die anderen warfen sich reflexartig beiseite. Patrick nutzte die Schrecksekunde, rannte um eine Kurve der Brücke und feuerte im Laufen noch einmal zurück. Er verschwand hinter einem Baum, als eine knatternde Salve Maschinengewehrfeuers antwortete. Fetzen von Blattwerk und Rinde zerstoben rund um ihn herum, erreichten ihn aber nicht. Er streckte seinen Arm um den Baum und drückte zweimal ab. Solange er die Stellung hielt, konnten Stefanie und Peter fliehen. Das also war der Plan, den sie ihm hatte verständlich machen wollen.
Erneut erwiderten die Kubaner das Feuer, nur nicht ganz so lang. Offenbar versuchten sie, ihn hinter dem Baum festzunageln, damit sie sich nähern konnten.
Noch einmal schoss Patrick hinter dem Baum hervor, dann rannte er weiter. Die nächste Biegung mit vernünftiger Deckung lag zehn Meter entfernt. Im Laufen schoss er nach hinten, hastete weiter und hechtete um die Kurve, als sich die nächsten Kugeln auch schon neben ihm ins Eis fraßen.
Patrick keuchte. Lange konnte er diesen Hürdenlauf nicht durchhalten. Die Kubaner beschränkten sich auf kurze Feuerstöße, um voranzukommen, und trieben ihn vor sich her. Hastig sah er sich um. Es folgte noch eine weitere Biegung. Dahinter konnte er die Wand der Höhle zwischen den Bäumen hindurch schimmern sehen. Dort war der Weg zu Ende. War das das rettende Ufer aus Stefanies Plan?
Noch einmal feuerte er einige Male und rannte los. Dieses Mal schossen sie hinter ihm augenblicklich zurück. Hatten sie ihn etwa schon im Sichtfeld? Neben ihm fegten die Kugeln laut zischend durch den Wald. Er lief weiter, wagte nicht, sich umzudrehen, rechnete jederzeit mit einem Treffer. Die letzte Biegung war geschafft, vor ihm ragte die Wand auf. Am Ende der Brücke standen Peter und Stefanie in einem Raum und machten hektische Bewegungen, winkten ihn herbei. Wieder hallte das Knattern der Maschinenpistolen durch den Wald, Patrick hörte die Schüsse in der Brücke hinter ihm aufschlagen, Eissplitter flogen um seine Beine, er meinte sogar einige Kugeln an der Wand vor ihm abprallen zu sehen. Er stolperte durch den Eingang und stürzte zu Boden. Schnell drehte er sich um. González stand nur wenige Meter entfernt auf der Brücke, die Waffe im Anschlag auf sie gerichtet. Hinter ihm kam sein Kumpan heran, der den Verletzten stützte.
Patrick hob seine Waffe und drückte ab. Aber sie gab nur ein leises Klicken von sich.
González grinste. Dann feuerte er.
Aber die Kugeln erreichten ihr Ziel nicht. Sie prallten an einem unsichtbaren Hindernis ab. Patrick beugte sich vor und stieß mit der Hand an eine Scheibe, so wie dort, wo sie den Wald betreten hatten. Stefanie hatte den Zugang bereits wieder verschlossen! Und als auch González in diesem Moment verstand, was das bedeutete, löste sich die gesamte Brücke auf einen Schlag in Wasser auf und brach in sich zusammen. Die Männer stürzten schreiend hinab, schlugen auf und verschwanden schließlich zwischen den Spalten des Baumwurzelgeflechts.