Erleichtert setzte er sich auf den Boden, schnürte sich los und atmete aus. Er zündete sich eine Zigarette an, reichte den beiden Scouts, die ihm erfreut auf die Schulter klopften, je eine und betrachtete die Verwüstung. Der Fußboden der einstigen Mission war so gut wie vollständig verschwunden. Aus dem schwarz gähnenden Loch ragte der obere Teil des Urwaldriesen heraus, wie ein übergroßes Gebüsch. Der Stamm war fünf, vielleicht zehn Meter tief in der Cenote verschwunden und hatte vermutlich nicht einmal den Boden erreicht.
Der Schatz! Er musste an die Truhe gelangen! Noch stand sie in der Nische der letzten Wand, die nicht zusammengefallen war. Er besprach den Plan mit Jaime und Rodrigo, die kurz darauf mit betriebsamen Vorbereitungen beschäftigt waren. Aus mehreren Seilen, Riemen und Gurten konstruierten sie eine Vorrichtung, mit der sie Patrick wie einen Freeclimber sichern konnten. Mit weiteren Gurten, Karabinerhaken und einer Machete bestückt, machte er sich noch einmal an den Abstieg, dieses Mal direkt von oberhalb der Stelle, an der sich die Truhe befand. Um das Gestein nicht zu belasten, benutzte er den Baum und achtete darauf, dass sich seine Aufhängung nicht in den Ästen verfing und er im Zweifelsfall nicht mitgerissen werden konnte. Dann stieß er sich ab und schwebte, nur von den Seilen gehalten, in der Luft zwischen den Ästen und der Truhe. Er schob die Machete unter das modrige Holz, hebelte es ein Stück an, fädelte die Gurte mehrfach darunter hindurch und befestigte sie mit den Karabinerhaken. Dann ergriff er die Verschnürung mit seinen Händen. »Ich habe sie!«, rief er, und kurz darauf wurde er langsam nach oben gehievt. Die Truhe hatte einiges Gewicht, aber es gelang Patrick, sie so lange zu halten, bis er wieder über der Erde war. Dann schwenkten ihn die Scouts herum, sodass sie ihn schließlich außerhalb der Ruine absetzen konnten. Die gesamte Aktion hatte vermutlich fünf Minuten gedauert, aber Patrick war schweißgebadet.
Während Jaime und Rodrigo nun endlich das Lagerfeuer entfachten, begann er, das Holz zu untersuchen. Es war schwarz und glitschig nass, aber es war noch erstaunlich stabil. Die Truhe hatte keine Beschläge, es war eine rundum fest verschlossene Kiste. Patrick entdeckte fast vollständig zugequollene Löcher, in denen sicher Nägel steckten, wenn sie sich nicht schon aufgelöst hatten. Aber wenn das Holz hart genug und wasserabweisend war, mochten sie sogar noch erhalten sein; möglicherweise der Grund, weswegen die Konstruktion noch immer zusammenhielt.
Er entdeckte eine schwach auszumachende Linie rund um den oberen Teil und begann vorsichtig, an dieser Stelle mit einem Messer in das Holz einzudringen und es auseinanderzudrücken. Nach und nach erweiterte er den Spalt, bis er den Deckel mit einer letzten Kraftanstrengung aufgebrochen hatte. Tatsächlich war er mit fingerlangen schmiedeeisernen Nägeln befestigt gewesen, die noch so ungeheuer fest steckten, als seien nicht Jahrhunderte, sondern nur Tage vergangen. Womöglich hatte das Holz sich in der Feuchtigkeit sogar nur noch fester zusammengezogen.
Er spähte in die Truhe. Seine schwache Hoffnung, dass der Inhalt unversehrt geblieben war, wurde enttäuscht. Natürlich war Wasser eingedrungen, vielleicht schon sehr früh. Im Inneren befand sich eine ähnlich modrige Brühe, wie im gesamten Kellerraum. Patrick fuhr mit der Hand in die stinkende Masse. Etwas Organisches war hier vermodert, vielleicht alte Leinen oder Papier. In dem Brei spürte er ein schweres Objekt. Er zog es heraus. Es war ein kleines Altarkreuz. Nur vierzig oder fünfzig Zentimeter groß. Es war schwarz und wog schwer. Patrick wischte den gröbsten Dreck herunter und erkannte, dass es nicht aus Eisen war, sondern aus Silber. Angelaufen, kaum zu erkennen, aber es war Silber. Und in den Armen waren Steine eingefasst. Eine vierhundert oder fünfhundert Jahre alte Kostbarkeit aus der Zeit der Konquistadoren!
War das der Schatz, von dem der Padre geschrieben hatte? Aber hatte er nicht erwähnt, dass ihm die Maya Schätze gebracht hätten? Er würde doch wohl kaum sein eigenes Altarkreuz erwähnen...
Noch einmal griff Patrick in die Truhe. Er meinte schon, den Boden zu spüren, bis er feststellte, dass es etwas anderes war, groß und mit einer ebenen Oberfläche. Er konnte es kaum herausheben. Nun griff er auch mit der anderen Hand hinein, und kurz darauf hob er einen Klotz hervor, fast so lang und breit wie die Truhe und etwa zehn Zentimeter dick. Er war mit organischem, faserigem Brei umwickelt, der ehemals ein Stoff gewesen sein mochte, und wog so viel wie eine Bleiplatte.
Patrick legte das Objekt auf seinen Schoss und befreite es von den vermoderten Resten.
Sein Atem stockte, als er sah, was er entdeckt hatte.
Pures Gold strahlte ihm entgegen, so glänzend wie am ersten Tag. Es war eine Tafel, übersät mit feinen Zeichnungen und sorgfältig eingearbeiteten Maya-Glyphen. Sie war am Rand mit großen goldenen Ringen versehen, und als Patrick die Platte zur Seite klappte, erkannte er, dass es sich um ein Buch handelte. Ein Buch mit Blättern aus dünn gewalztem Gold, beschriftet mit der größten Menge an Maya-Glyphen, die er jemals gesehen hatte.
Das war der Schatz des Padre! Eine Überlieferung der Maya, für alle Ewigkeit in das kostbarste Metall gearbeitet, dem die Zeit nichts anhaben konnte.
Die Suche hatte sich gelohnt!
Lateinischer Friedhof »Terra Santa«, Bab Sharq, Alexandria
Peter Lavell stand am unteren Ende der Stufen und sah auf den Torbogen, der als Eingang des Alabastergrabes bekannt war. Hinter ihm kam Yves Pouilloux die Treppe herab.
»Ich versprach Ihnen ja, dass es nicht weit ist«, sagte der Franzose.
Peter nickte. Er war froh, dass sie auf dem Weg durch die Stadt einen klimatisierten Wagen gehabt hatten. Denn kaum war er draußen, trat ihm schon der Schweiß auf die Stirn. Es wunderte ihn nicht, dass so viele der hier arbeitenden Männer Hüte oder wenigstens Mützen trugen. Zwar standen auf dem Gelände des alten Friedhofs einige Akazien und Zypressen, aber Schatten gab es kaum. In früheren Jahren hätte ihm die Hitze weniger ausgemacht, aber nun hatte er die sechzig überschritten und war weit weniger rüstig. Der gebürtige Engländer lebte und arbeitete in Hamburg, und weder sein Büro im Museum für Völkerkunde noch das oft feuchte und windige Klima in der Hafenstadt prädestinierten ihn für diese Breiten. Nun war es hier noch halbwegs gemäßigt. Er erinnerte sich an seinen letzten Aufenthalt in Ägypten vor zwei Jahren. In Kairo war es noch schlimmer gewesen.
»Kommen Sie, Professor Lavell«, sagte der Franzose, »ich bringe Sie zum Team.«
Peter folgte dem Mann. Yves Pouilloux arbeitete für das Centre d'Etudes Alexandrines, eine ortsansässige französische Organisation, die archäologische Untersuchungen in Alexandria durchführte. Sie war erst seit 1990 hier tätig, hatte aber in dieser Zeit große Fortschritte gemacht, sowohl in der Stadt als auch im Hafengebiet. Dabei ging es in erster Linie um die ptolemäische Zeit der ägyptischen Geschichte, aber natürlich fanden sich neben den griechischen auch römische Überreste und Spuren aus späteren Zeiten.
Yves brachte Peter zu einer Betonhütte, neben der ein großes Zelt stand. Hier waren Tische aufgebaut, und eine Vielzahl von wissenschaftlichen Mitarbeitern und Helfern war beschäftigt. Sie sahen auf, als der Ausgrabungsleiter mit seinem Gast näher kam.
Peter wurde einigen Leuten vorgestellt, lächelte und ging schließlich mit dem Franzosen in das schlichte Häuschen. Es war nicht mehr als ein großer Raum, aber hier war es schattig, und Peter war froh, als ihm ein Stuhl angeboten wurde.
»Ich freue mich sehr, dass Sie die Reise auf sich genommen haben«, sagte Yves. »Wir haben auf Sie gewartet und noch nicht mit dem Durchbruch begonnen. Sie sollten unbedingt dabei sein.«