»Sind Sie verletzt, Patrick?«, fragte Peter.
»Danke, nein«, gab der Franzose zwischen zwei tiefen Atemzügen zurück. »Ist alles gut gegangen.«
»Ich hoffte, dass du wissen würdest, was zu tun ist«, sagte Stefanie.
»Na ja«, sagte Patrick. »Es blieb nicht viel anderes übrig. Es geht doch nichts über einen gesunden Waldlauf.«
»Die Männer«, sagte Peter und sah hinaus, »sind sie tot?«
»Peter«, stöhnte Patrick, »können Sie bitte einmal aufhören, sich Sorgen um Menschen zu machen, die einen gerade noch über den Haufen schießen wollten?«
»Ich mache mir keine Sorgen um sie«, gab Peter zurück. »Sondern um uns. Wenn sie nicht tot sind, kommen Sie da wieder raus?«
»Ja, es gibt noch andere Ausgänge«, sagte Stefanie. »Um sicherzugehen, sollten wir jetzt keine Zeit verschwenden, sondern uns zügig zu den Rettungskapseln begeben.«
»Warum musste es eigentlich ein so komplizierter Plan sein?«, fragte Patrick, als sie auf dem Weg durch die Gänge der Anlage waren. Er war neben Stefanie getreten, während Peter ein Stück hinter ihnen ging. »Hättest du es nicht genauso machen können wie mit den drei anderen? Mit diesem Licht?«
»Leider nein«, sagte sie. »Es liegt an Peter. Beim ersten Mal habe ich ihn überrascht und mit auf meine Seite ziehen können. Aber nun ist sein Vertrauen zerstört, er hadert mit sich und ist innerlich blockiert. Im Augenblick wäre er nicht mehr bereit, sich fallen zu lassen, es mit sich geschehen zu lassen. Ich könnte ihn nicht behüten, stattdessen würden die Daten ungehindert auf ihn einwirken und ihn schließlich genauso durchdringen wie die Kubaner.«
»Wie es aussieht, kommt er also nicht mehr als Hüter für die Archive von Atlantis infrage, hm?«
»Es ist eine schwierige und große Entscheidung. Eine einfache Antwort war also nicht zu erwarten. Atlantis zu sehen, seine Geschichte und diese Aufgabe wirklich in allen Konsequenzen zu begreifen, ist die letzte große Prüfung.«
»Also ist Peter jetzt aus dem Rennen?«
Sie lächelte Patrick an. »Das Leben ist ein Baum, kein Grashalm. Bis zum Ende gibt es immer ein Morgen und an jedem Morgen die erneute Entscheidung, ob man Teil der Krankheit oder Teil der Heilung sein möchte.«
»Aha? Na ja, und ich? Warum bin ich dabei?«
Jetzt wurde ihr Lächeln breiter, und ihre Augen funkelten amüsiert. »Wenn du es noch immer nicht weißt, dann wirst du wohl noch darüber nachdenken müssen.«
»Was? Was sind das denn alles für Antworten?!«
Stefanie blieb stehen. Im Raum vor ihnen befand sich wieder eine der Lichtsäulen, wie sie offenbar überall in der Anlage verteilt waren.
»Ich werde prüfen, ob das die letzten Eindringlinge waren.« Sie ging auf das Licht zu, berührte es und konzentrierte sich einen Moment lang. »Ich habe schlechte Neuigkeiten«, sagte sie dann. »Es gibt immer noch eine Bewegungsquelle. Außer uns ist noch jemand hier. Vielleicht ebenfalls bewaffnet.«
»Das gibt's doch nicht«, sagte Patrick. »Als ob hier irgendwo ein Nest ist! Dann also los... Wie weit ist es bis zu den Rettungskapseln?«
»Wir müssen wieder zurück. Sie liegen zentral, in der Nähe des Hauptkontroll... O nein!« Das Leuchten der Lichtsäule vor ihr flackerte, und mit einem letzten Schwall zerfasernder Lichtströme erlosch es.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Peter.
Zum ersten Mal erlebte er Stefanie wirklich überrascht.
»Ich weiß es nicht«, sagte sie zögerlich.
Nun verlosch auch die restliche Beleuchtung des Raums. Schlagartig standen sie im Dunkeln.
»Ich schätze, dass das kein gutes Zeichen ist«, bemerkte Patrick. Er zündete sein Feuerzeug an. Die kleine Flamme erhellte nur wenig. »Kommen Sie her, Peter!«, sagte er. »Das Benzin reicht nicht ewig, ich mache es gleich wieder aus. Wir sollten uns an den Armen oder Schultern fassen, um uns nicht zu verlieren. Stefanie, kannst du uns führen?«
»Ja, natürlich. Dort geht es weiter.« Sie drehte sich um und streckte die Arme aus. Die Männer legten je eine Hand auf ihren Unterarm, dann klappte Patrick das Feuerzeug zu.
Stefanie ging langsam voran.
Peter war unendlich froh, dass Stefanie da war. Die Finsternis machte ihm zu schaffen, und seit den Erlebnissen in Ägypten war es nur schlimmer geworden. Schon das Abtauchen in dem engen U-Boot in die lichtlose Tiefsee war für ihn an die Grenze des Erträglichen gegangen. Nun, in diesem endlosen Geflecht von Gängen, tief unter dem Meer und ohne jedweden Ausgang, stürzte die Bedrohung der Dunkelheit übermächtig auf ihn ein. Lediglich die Berührung durch Stefanie bewahrte ihn vor dem Schlimmsten. Sowenig er verstand, wer oder was sie war, ja, sosehr er ihre Andersartigkeit regelrecht fürchtete, beruhigte sie ihn nun doch. Wenn sich jemand in dieser Anlage auskannte, mit der Technologie umzugehen vermochte, sie retten konnte, dann war sie es. Sicherlich war es nur eine Illusion, aber er bildete sich ein, eine besondere Wärme zu spüren, die von ihr ausging, etwas Vertrautes, das ihn besänftigte. Wenn es nicht völlig unmöglich wäre, könnte er sogar meinen, dass die Dunkelheit neben ihm, dort, wo sie sich befand, eine kleines bisschen heller war, fast, als strahle Stefanie ein Licht aus. Aber es war nichts, das man mit den Augen sehen konnte.
Auch Patrick spürte etwas. Stefanie hatte seine Hand in die ihre genommen. Ihn durchströmten verschiedenartige Gefühle, von Überraschung über Freude und Erregung bis hin zu Stolz. Er fühlte sich mit ihr verbunden. Durch mehr als nur über die Berührung. Er spürte ihre Anwesenheit in seinem Inneren, aber nicht belehrend, sondern partnerschaftlich. Er konnte wie durch ihre Augen sehen, ihre Blicke vermischten sich mit ihren Gedanken und Erinnerungen, gemeinsam sahen sie den Weg durch die Anlage vor sich, konnten sich in der Dunkelheit orientieren, wie eine Einheit.
»Wir müssen zwei Ebenen höher«, erklärte Stefanie. »Das Zentrum ist mehrfach gegen Störungen abgesichert. Vielleicht hängt es mit der Energiezufuhr zusammen.«
»Wieso sollte sie nach all den Jahren in dem Moment zusammenbrechen, in dem wir hier sind?«, fragte Patrick.
»Meinen Sie, es könnte Sabotage sein?«, fragte Peter.
»Das ist unwahrscheinlich«, sagte Stefanie. »Diese Technologie ist der heutigen weit überlegen, niemand würde sie verstehen.«
»Aber sicher gibt es hier doch Aufzeichnungen?«
»Es gibt nur wenige schriftliche Aufzeichnungen, und meist nur für repräsentative Zwecke«, sagte sie. »Die Wissensvermittlung der Atlanter beruhte im Wesentlichen auf Mentoren und Patenschaften. Wissen wurde ausgetauscht und vom Erfahreneren erläutert. Junge brachten neue Ideen ein, die Alten halfen, sie zu bewerten und umzusetzen. Diese Zusammenarbeit von Alten und Jungen, in der jeder Respekt vor den Stärken des anderen hatte und man sich gegenseitig ergänzte, war ein zentraler Aspekt der Gesellschaft. Es ging immer um Kommunikation. Auf dieselbe Weise funktionieren die Archive. Sie sind keine statischen Daten, sondern verlangen Kommunikation. Ohne jahrelange Anleitung und lebenslanges Lernen sind diese Archive nicht zu beherrschen. Und ebenso verhält es sich mit den technischen Anlagen, die über ähnliche Systeme gesteuert werden. Dafür gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen, keine Handbücher.«
»Nun«, sagte Patrick, »aber auch wenn es keine ausgeklügelte Sabotage ist, könnte es doch einfach Zerstörung sein, oder?«
»Ja, das wäre denkbar.«
In der Entfernung wurde eine Treppe sichtbar. Sie war etwas erhellt, da sie aus dem darüberliegenden Stockwerk beleuchtet wurde. Ihre Schritte wurden schneller, bis sie die Treppe endlich erreicht hatten und hinaufgestiegen waren.