Stefanie ließ Patrick los, und Peter ließ seinen Arm ebenfalls sinken. Er blieb stehen. »Wollen Sie weiter zu den Rettungskapseln«, fragte er, »oder möchten Sie sich irgendwo informieren, was es mit dem Vorfall auf sich hat? Und wo der andere Eindringling ist?«
Stefanie lächelte dem Professor zu. »Ich danke Ihnen für das Angebot«, sagte sie. »Aber es ist das Sicherste für Sie, wenn wir so schnell wie möglich weitergehen.«
Peter nickte, froh, auf direktem Weg nach Hause zu kommen. Trotzdem nagte es an ihm. Was geschah hier? Wer hielt sich hier auf? Zerstörte der Fremde womöglich die Anlage? Das einzigartige Erbe von Atlantis? Und sollte, er, Peter, nicht auf alle Fälle hierbleiben? Alles sehen und erfahren, was hier unten noch verborgen lag? Diesen Schatz hüten, verteidigen? Musste man das nicht? Stattdessen flohen sie. Dass Stefanie ihre Sicherheit als wichtiger ansah als den Schutz der Anlage, zeichnete sie aus. Aber warum fürchtete er sie dennoch?
Ein dumpfes Rumpeln unterbrach seine Gedanken. Der Boden schien zu zittern. Die Beleuchtung des Gangs flackerte.
»Etwas ist hier ganz und gar nicht in Ordnung«, sagte Patrick. »Ist es noch weit?«
»Kommt mit«, gab Stefanie zurück und eilte voraus. Sie hasteten den Korridor entlang. In einigen der Räume, die sie passierten, war es verdächtig dunkel.
Stefanie blieb vor einer breiten Tür stehen.
»Die sollte eigentlich offen sein...«, murmelte sie und berührte das Lichtfeld in der Wand daneben. Dann zog sie die Hand zurück. »Sie ist aus Sicherheitsgründen verschlossen«, sagte sie dann. »Das System meldet Strukturschäden.«
»Kannst du sie trotzdem öffnen?«, fragte Patrick.
»Ja, das sollte ich vielleicht sogar. Sonst müssen wir umkehren und einen gehörigen Umweg nehmen.«
Der Gedanke, zurück in die Dunkelheit zu gehen, war Peter alles andere als angenehm. »Versuchen Sie es«, sagte er.
Wieder legte Stefanie ihre Hand auf das Lichtfeld, und kurz darauf schob sich die Tür beiseite. Ein kniehoher Schwall Wasser schoss ihnen entgegen und flutete in den Korridor.
»Verdammt!«, entfuhr es Patrick.
Stefanie war offenbar ebenfalls schockiert. »Ein Wassereinbruch hier unten! Es ist schlimmer, als ich befürchtet hatte...«
Das Wasser lief weiter ab, war nur noch knöchelhoch. Der Raum vor ihnen lag im Halbdunkeln, lediglich am anderen Ende waren wieder Lichter zu erkennen.
»Wenn dieser Teil hier betroffen ist, kommen wir vielleicht nicht viel weiter«, sagte sie. »Wollen wir es trotzdem versuchen?«
»Unbedingt«, sagte Patrick.
»Ja, ich denke auch«, bestätigte Peter.
Als sie einige Schritte gegangen waren, sahen sie, dass das Wasser an mehreren Stellen von der Decke tropfte und in breiten Flächen an den Wänden herablief. Die Tür hinten ihnen schloss sich von selbst.
»Immerhin funktionieren die automatischen Sicherungssysteme noch«, sagte Stefanie.
»Es gibt doch nur einen einzigen Ausgang aus dieser Anlage«, sagte Peter. »Kommt das Wasser von dort? Ist vielleicht die Schleuse kaputt?«
»Es könnte von überallher stammen«, erklärte Stefanie. »Es gibt alte Verbindungstunnel und Schächte. Auch die Rettungskapseln können ja hinaus ins Meer.«
»Außerdem«, fügte Patrick hinzu, »wenn es Schäden an der Energieversorgung gibt, ist vielleicht auch das Kraftfeld betroffen. In dem Fall könnte irgendwo ein Unterdruck entstanden und etwas implodiert sein. Oder, Stefanie?«
»Wir können nur hoffen, dass das nicht der Fall ist.«
Sie erreichten den Gang am anderen Ende und kamen an eine überflutete Kreuzung. Stefanie verharrte kurz. Auch hier begann das Licht nun zu flackern.
»Wohin jetzt?«, fragte Patrick.
»Ich bekomme keinen Zugang zum Lageplan«, sagte Stefanie. »Ich glaube, wir müssen geradeaus.«
»Runter!«, schrie Patrick plötzlich und warf sich auf Stefanie und Peter. Gemeinsam stolperten sie voran, als im selben Augenblick hinter ihnen das aggressive Tackern einer Maschinenpistole durch den Seitengang hallte. Schüsse schlugen in die Wände und ließen das Wasser am Boden aufspritzen.
Patrick riss den Professor weiter, der beinahe zu Boden gestürzt wäre. »Los! Weg hier!«
Sie rannten. Vor ihnen lag ein Durchgang. Als sie ihn passiert hatten, blieb Stefanie kurz stehen, drehte sich um und berührte ein Lichtfeld. Aber nichts geschah.
»Die Tür funktioniert nicht«, sagte sie. »Wir müssen weiter!«
Einige Schritte später bogen sie in eine Halle zu ihrer Rechten ab, gerade rechtzeitig, bevor hinter ihnen erneut Schüsse zu hören waren.
»Das gibt's doch nicht!«, rief Patrick. »Stefanie, wir müssen uns irgendwie verschanzen!«
»Zum Verstecken ist die Anlage nicht gedacht«, entgegnete sie. »Wir müssen erst den Abstand vergrößern.«
Auch diese Halle lag im Halbdunkeln. Nur vereinzelt flackerten Teile der Deckenbeleuchtung. Ein kleiner Sockel in der Mitte des Wegs deutete darauf hin, dass sich auch hier einmal eine Lichtsäule befunden hatte, die nun ausgefallen war. Sie liefen zum gegenüberliegenden Ende des Saals. Es wurde zunehmend anstrengend, denn das Wasser am Boden war wieder bis zu den Waden angestiegen, behinderte sie beim Laufen und spritzte nach allen Seiten weg. Als sie am Ende ankamen, stellten sie fest, dass der Ausgang verschlossen war.
»Die Tür scheint noch intakt zu sein!«, sagte Patrick.
Stefanie berührte das Lichtfeld neben dem Ausgang, das nur noch kaum wahrnehmbar leuchtete.
Zu ihrer Erleichterung schob sich die Tür beiseite. Augenblicklich strömte das Wasser zwischen ihren Beinen hindurch und in den dahinter liegenden Gang. Der Sog riss Peter von den Beinen. Hastig half Patrick dem tropfnassen Professor auf, und gemeinsam stolperten sie durch den Ausgang. »Schnell! Stefanie, kannst du sie wieder schließen?«
»Bin dabei.«
Geräuschlos schob sich die Tür zu und schnitt den Wasserstrom ab. Der Gang, in dem sie sich befanden, war sanft erleuchtet, nur das Wasser, das aus dem Saal gelaufen war und sich nun auf dem Boden verteilte, deutete darauf hin, dass etwas anders war als sonst.
»Den sind wir erst mal los«, meinte Patrick.
»Wer weiß, wie lange«, sagte Peter, der sich bemühte, das Wasser aus seinen am Körper klebenden Kleidungsstücken abzustreifen.
»Wir dürfen keine Zeit verlieren«, bestätigte Stefanie. »Kommt mit, es ist nicht mehr weit.«
Sie folgten ihr eilig, doch waren sie kaum an die nächste Kreuzung gekommen, als erneut ein grollender Stoß den Boden erzittern ließ. Heftiger als zuvor. Sie taumelten zur Seite, stützten sich an der Wand ab. Das Licht fiel aus.
Als das Beben nachließ, zog Patrick sein Feuerzeug hervor, besann sich dann aber anders und steckte es wieder ein. »Vielleicht sollten wir die Dunkelheit ausnutzen«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Nicht auf uns aufmerksam machen.«
Stefanie hatte bereits nach Peter gegriffen und hielt seinen Unterarm. »Ich führe Sie«, sagte sie leise zu ihm. Und dann, etwas lauter: »Gehen wir.«
Patrick ergriff Stefanies Hand und fühlte augenblicklich die Verbindung zu ihr entstehen. Vor seinem inneren Auge wurde der Gang wieder sichtbar, und er wusste, dass es nur noch zwei Abzweigungen waren.
Darauf bedacht, nicht allzu viele Geräusche zu machen, gingen sie durch die Finsternis und kamen schließlich zu einem breiten Korridor. Auch hier war die Beleuchtung bereits ausgefallen, aber an den Wänden ließen sich regelmäßige Reihen kleinerer Lichter ausmachen.
»Wir sind da«, sagte Stefanie gedämpft.
Nun holte Patrick doch sein Feuerzeug heraus und zündete es an. Vor ihnen in der Wand befand sich eine durchsichtige Scheibe, hinter der eine Kammer zu sehen war. Sie maß kaum mehr als zwei Meter im Quadrat, technische Apparaturen waren an den Wänden befestigt, und hier befanden sich die schwach leuchtenden Lichtfelder, die auf den Gang hinausstrahlten. Vermutlich dienten sie als Schalter. Peter sah den Korridor entlang. Das Muster der Lichter wiederholte sich mehrfach auf beiden Seiten. Mindestens ein Dutzend solcher Kammern säumte den Gang.