»Bitte setzen Sie sich.« Walters deutete in Richtung seines Besprechungstisches. »Ich hoffe, Sie hatten eine halbwegs geruhsame Nacht. Sie war weiß Gott kurz genug.«
»Danke, ja.«
»Haben Sie schon gefrühstückt?«
»Auch das.«
Walters nickte. »Gut«, sagte er, dann schwieg er einen Moment. Der Professor schien wenig geneigt zu sein, auf seinen Small Talk einzugehen, und vermutlich hatte er auch keinen Grund dazu. Walters versuchte, sich in die Lage des Mannes zu versetzen. Er musste annehmen, dass die Küstenwache und das Militär ihn und sein Projekt behindert hatten. Außerdem hatte er wer weiß was erlebt, war offenbar als Einziger mit dem Leben davongekommen. Der Kapitän der Argo hatte von dem Hubschrauber-Unfall an Deck sowie vom Verlust ihres Forschungs-U-Boots und dessen Besatzung berichtet.
Es klopfte kurz, dann trat Helen mit einem Tablett mit Gebäck und Getränken ein und stellte alles auf den Tisch.
Walters schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, nachdem er Peter etwas angeboten und dieser abgelehnt hatte.
»Sicherlich fragen Sie sich«, begann Walters, als er die Tasse anhob, »weshalb Sie hierhergebracht wurden. Gleichzeitig habe ich ein paar Fragen dazu, was Sie da draußen gesucht und erlebt haben. Also haben wir uns gegenseitig etwas zu erzählen.« Walters nahm einen Schluck und sah den Professor über den Rand der Tasse hinweg an. Er reagierte nicht.
Walters versuchte es erneut: »Vielleicht fragen Sie sich auch, ob Sie mir trauen können und ob Ihnen hier Gefahr droht.«
Peter hob eine Augenbraue, sagte aber nichts.
»Nun gut«, sagte Walters, während er sich zurücklehnte. »Dann fange ich einfach mal an und erzähle Ihnen meine Version der Geschichte. Dann wissen Sie, was ich weiß, und Sie können die Geschichte ergänzen. Die Lücken füllen. Einverstanden?«
Peter nickte und machte eine leichte Handbewegung. »Fahren Sie fort.«
Walters musste innerlich lächeln. Der alte Kauz hatte auf eine seltsame Weise Stil. Er ließ sich überhaupt nicht aus der Reserve locken. Jeder Amerikaner hätte sich gewunden, einem so hohen Offizier gegenüberzusitzen und Rede und Antwort zu stehen. Nicht so dieser Engländer. Höflich, aber distanziert. Und er hatte auch recht, was sollte er vor einer Uniform zucken? Müsste sich nicht das Militär der Zivilbevölkerung gegenüber rechtfertigen? Arbeitete nicht das Militär für das Volk? Fragen, die Walters sich nicht mehr lange stellen wollte. Aber noch saß er hier. Daher erzählte er nun: »Das Gebiet, in dem Ihr Forschungsschiff, die Argo 2K, vor rund einer Woche mit der Arbeit begann, ist militärisches Sperrgebiet. Sie wenden jetzt vielleicht ein, dass Ihre Untersuchung angemeldet und von der Navy genehmigt war. Das stimmt. Tatsächlich hatte es dann aber einen Vorfall in dem Gebiet gegeben, eine Havarie, und danach ist die Sperrung in Kraft getreten.
Ich will ehrlich mit Ihnen sein. Ich bekam von der Regierung schon frühzeitig den Auftrag, Sie zu kontaktieren und Ihre Forschungen abbrechen zu lassen. Diese Basis, AUTEC, ist zwar eine Militäreinrichtung, aber sie dient allein der Forschung. Wir haben keine Militärjets oder Kriegsschiffe hier. Wir sind Wissenschaftler, Techniker, uns geht es um Wissen, um Entdeckung. Mich interessierte der Gegenstand Ihrer Forschung ebenso wie die ungewöhnliche Anfrage meiner Regierung, sie Ihnen zu untersagen.«
Walters nahm einen Schluck, bevor er fortfuhr.
»Also habe ich den Auftrag schleifen lassen, so gut es mir möglich war, denn erst wollte ich herausfinden, um was es hier ging. Aus den Unterlagen, die man mir dann im Lauf der Zeit zusammenstellte, wurde mir klar, dass Sie auf der Suche nach Atlantis waren. Was für eine Sensation, wenn es stimmte!
Zugleich war es mir nicht möglich zu ergründen, aus welchen Gründen die Regierung diese Untersuchung stoppen lassen wollte. Ich vermutete, dass es darum ging, das, was Sie finden würden, unentdeckt zu lassen. Vielleicht, weil es jemanden kompromittieren würde oder weil man selbst Profit daraus schlagen wollte... Wer konnte das schon wissen, bevor Sie es nicht ans Tageslicht holen würden?
Inzwischen waren Sie mit Ihrer Expedition schon in der Presse, und offenbar wuchs sich zudem ein Streit mit einem kubanischen Schiff aus, das ebenfalls dort kreuzte. Von Sabotage war die Rede. Nun, Sie waren selbst dabei – hier klafft eine Lücke in der Geschichte, vielleicht können Sie mir damit helfen.«
Walters hoffte einen Moment lang auf eine Reaktion des Professors. Der aber hörte ihm nur weiter unverwandt zu.
»Wie dem auch sei«, fuhr Walters fort, »Sie können sich sicher vorstellen, dass es beim Militär nicht gern gesehen wird, wenn Befehle nicht ausgeführt werden. Deshalb bekam ich wenig später ranghohen und durchaus unerfreulichen Besuch, der mich verhältnismäßig deutlich an meine Pflichten erinnerte.
Ich habe mich dann an die Küstenwache gewandt, die für solche Fälle eigentlich auch zuständig ist. Man hat ein Aufklärungsflugzeug und drei Hubschrauber auf See geschickt, um Ihr Schiff aus dem Gebiet zu lotsen.
Bedauerlicherweise ist kurz darauf einer der Hubschrauber abgestürzt, und die Aktion wurde sofort abgebrochen.«
Walters nahm einen Keks und deutete damit auf den Professor.
»Auch hier gibt es ein kleines Loch, das Sie vielleicht stopfen können. Aber dazu kommen wir später.
Nun, jedenfalls meldete Ihr Kapitän dann einen Maschinenschaden. Er konnte das Gebiet nicht mehr verlassen, und wegen des Sturms war es nicht möglich, andere Suchmannschaften loszuschicken. Ich hatte also nichts erreicht. Wie Sie sehen, Professor Lavell, aus meiner Perspektive ist hier einiges schiefgegangen, für das ich nun verantwortlich bin.«
Walters lächelte beim Gedanken daran ein wenig. Ja, er war tatsächlich verantwortlich. Und zum ersten Mal war er dies auch ursächlich. Er hatte Entscheidungen getroffen, die er für richtig gehalten hatte – und die er auch heute noch für richtig hielt. Und er war mit dem Ergebnis zufrieden, denn es war sein Ergebnis, und er konnte guten Gewissens dafür geradestehen.
»Um dennoch nach dem Rechten zu sehen«, fuhr Walters fort, »habe ich dann meinen Bruder kontaktiert, der als Kapitän der USS Georgia gerade auf dem Heimweg war und die Gewässer streifen würde. Er erklärte sich bereit, einen Umweg zu fahren, und als er dabei herausfand, dass Ihr Schiff gar nicht manövrierunfähig war, entschloss er sich zu einer kleinen... wie soll man sagen... Demonstration, um Captain Harris zum Abdrehen zu bewegen.
Und in dem Moment, als die Georgia auftauchte, trieben Sie plötzlich in den Wellen. Zwei tollkühne Navy-Matrosen haben Sie aus dem Wasser gefischt und an Bord des U-Boots gebracht. Den Rest der Geschichte kennen Sie wieder: Die Fahrt hierher, das Übersetzen mit unserem Schnellboot, die Nacht im Gästehaus. Und nun sitzen Sie hier.«
Peter schwieg eine Weile, ließ sich die Worte des Mannes durch den Kopf gehen. Sagte er die Wahrheit? War er wirklich ein Mann, der über seine Befehle nachdachte, einer, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlte? Oder war er doch nur ein pflichtbewusster Militär, der ihm eine Geschichte entlocken wollte?
»Hat man außer mir noch jemanden gerettet?«, fragte er schließlich.
»Nein, leider nicht«, sagte Walters. »Da waren nur Sie. Im Gespräch mit Ihrem Kapitän, Harris, wurde klar, dass Ihr U-Boot mitsamt den anderen darin befindlichen Personen vermisst wurde. Die Georgia musste nach einer halben Stunde weiterfahren, aber Harris erhielt die Genehmigung, mit der Argo dort zu bleiben. Der Sturm hat sich inzwischen beruhigt. Er wird heute und morgen den Meeresboden scannen und weiter nach Ihrem Boot und Ihren Kollegen suchen, mindestens so lange, wie der Sauerstoff darin noch reicht... Es tut mir sehr leid, ihnen keine besseren Nachrichten anbieten zu können.«
Peter nickte stumm. Alvin würden sie nie mehr finden. Es lag zerstört in einer Luftschleuse. Und John ahnte nichts davon, da ihre Verbindung abgerissen war, bevor sie die Schleuse erreicht hatten. Oder vielleicht war das Kabel auch – wie ihm jetzt dämmerte – absichtlich von dem U-Boot der Kubaner durchtrennt worden. Aber das war nun einerlei.