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Eine Tür im Fond öffnete sich, und ein hünenhafter Herr mit weißem Bart stieg aus. Peter kannte ihn. Und obwohl er ihn von allen Menschen am wenigsten hier erwartet hatte, überraschte es ihn nicht.

»Guten Morgen, Professor Lavell«, sagte der Mann.

Peter lächelte. »Ich hoffe, Sie erwarten nicht, dass ich Sie mit Namen begrüße«, sagte er. »Nachdem wir Sie in der Schweiz als Steffen van Germain und in Sakkara als Al Haris kennengelernt haben, erwarte ich, dass Sie nunmehr erneut einen anderen Namen tragen.«

»Ich möchte Sie ungern enttäuschen, Professor. Also nennen Sie mich doch einfach Gabriel.«

»Namen sind Schall und Rauch, nicht wahr?«

»So ist es, Professor.« Gabriel wies auf den Wagen. »Ich nahm an, dass Sie nun eine Transportgelegenheit nach Andros Town zum Flughafen benötigen würden. Wenn es Ihnen also recht ist, würde ich Sie gerne fahren.«

»Ja, in der Tat, das wäre mir sehr recht. Danke sehr.«

Peter stieg in den kühlen Wagen. Am Steuer saß ein jüngerer Mann, der ihn kurz grüßte und den er ebenfalls schon einmal gesehen hatte. Joseph hieß er, soweit er sich erinnern konnte. Langsam fielen die letzten Puzzleteile ins Bild.

»Ich soll Sie von Stefanie grüßen«, sagte Peter zu Gabriel, als der Wagen anfuhr.

»Vielen Dank. Und lassen Sie mich Ihnen mein tiefes Beileid über Ihren Verlust aussprechen. Es tut mir sehr leid.«

Peter nickte nur. Sie fuhren in maßvoller Geschwindigkeit. Er sah aus dem Fenster und nahm die subtropische Landschaft in sich auf.

»Wie geht es nun weiter?«, fragte er, mehr zu sich selbst.

»Die Archive von Atlantis sind in Sicherheit«, sagte Gabriel.

»Sind sie das? Oder sind sie nicht vielmehr endgültig verloren?«

»Die losen Enden sind verwoben, es ist niemand übrig, der die Existenz der Archive preisgeben könnte. Aber das Wissen selbst ist zu umfangreich, als dass es vollständig verloren gehen könnte. Nicht, solange es Hüter gibt, die überall auf der Welt das atlantische Vermächtnis bewahren für die Zeit, wenn die Welt reif genug dafür ist.«

»Ich könnte darüber berichten. Aufsätze schreiben und Vorlesungen halten.«

»Für dieses lächerlich scheinende Unternehmen haben Sie Ihren Ruf aufs Spiel gesetzt«, sagte Gabriel. »Es sollte Ihre letzte und größte Entdeckung werden. Es sollte Ihnen endlich die herausragende Anerkennung als Forscher bringen, die Sie sich Ihr Leben lang versuchten zu erarbeiten. Nun, da Sie mit leeren Händen zurückkehren, geben Sie sich dem Spott aller Akademiker preis, und Ihr Ruf wird irreparabel beschädigt sein.«

»Ja, das ist wohl wahr.«

»Und dennoch werden Sie Ihre Entdeckung verschweigen.«

»Auch das stimmt... Diese Entscheidung steht fest. Aber verraten Sie mir, weshalb.«

»Sie denken an Ihren Kollegen, Patrick, und Sie denken an Stefanie. Sie denken daran, was Sie ihnen schulden. Und Sie denken an die Macht, die hier verborgen liegt, sowie an González und die anderen Menschen und Organisationen, die Sie in den letzten Jahren immer wieder behindert haben. Ihnen ist klar geworden, was auf dem Spiel steht und dass Ihr Ruf und unser aller tägliches Streben nach Wissen, Erfolg und Ruhm nur eine Nichtigkeit vor den viel größeren Zusammenhängen sind.«

Peter nickte nachdenklich. »Ja...«

Er betrachtete wieder die am Wagen vorbeiziehende Landschaft. Es fügte sich wahrlich alles in ein Bild. Eines, das älter und größer war als er. Das älter und größer war als die Kulturen der letzten zehntausend Jahre. Sein Streben, seine Arbeit, seine bisherigen Forschungen, alles schrumpfte auf die Größe von einzelnen Pinselstrichen in einem riesenhaften Gemälde zusammen. Er spürte die Wehmut einer plötzlich erkannten Bedeutungslosigkeit. Aber zugleich fühlte er sich befreit. Frei in dem Wissen, dass es etwas Fantastischeres und Grandioseres gab, von dem er einen kleinen Teil hatte miterleben dürfen. Es war mehr, als er vom Rest seines Lebens je erwartet hatte.

»Aber darüber hinaus«, sagte Gabriel, »gibt es noch einen anderen Grund.«

Peter sah zu Gabriel hinüber und hob eine Augenbraue.

»Stefanie hat es Ihnen erzählt. Wir haben Sie als Hüter ausgewählt.«

Peter stutzte. »Aber ich... Ich bin geflohen!«, sagte er. »Ich habe davon nichts wissen wollen. Es war zu groß, zu viel... Ich habe Atlantis den Rücken gekehrt, es im Stich gelassen.« Leise fügte er hinzu: »Ich habe Patrick und Stefanie im Stich gelassen.«

»Ja«, sagte Gabriel. »Aber bedenken Sie, dass möglicherweise nichts geschehen ist, das nicht so hatte geschehen sollen.«

»Wollen Sie damit sagen, meine Entscheidungen seien vorherbestimmt gewesen?«

»O nein.« Gabriel winkte ab. »Keineswegs. Unsere Leben und unsere Entscheidungen sind nicht vorherbestimmt. Ihre genauso wenig wie meine. Und wenn auch viele Religionen der Ansicht sind, dass alles einem größeren Plan folgt, so kann ich Ihnen versichern, dass, wenn ein solcher Plan existiert, er noch deutlich größer sein muss als die vielen zehntausend Jahre der atlantischen Kultur, denn Strukturen und Muster eines universellen oder göttlichen Plans haben wir nicht beobachten können.«

»Die Abwesenheit von Belegen für eine Theorie ist aber auch kein Beweis für ihr Gegenteil.«

»Ah, da ist er wieder, der Professor!« Gabriel lachte. »In der Tat, Sie haben recht. Es bedeutet überhaupt nichts. Und was sind schon fünfzigtausend Jahre im Angesicht der Welt?«

»Was wollten Sie also ausdrücken?«

»Niemand konnte vorhersagen, wie Sie reagieren würden. Aber wir konnten uns auf die verschiedenen Möglichkeiten vorbereiten. Und Stefanie war vorbereitet. Sie hat Ihnen erzählt, dass wir Sie uns als neuen Hüter der Archive von Atlantis wünschen, und vielleicht erwähnte Sie auch, dass Ihnen die letzte Prüfung noch bevorstünde.«

»Ja, ich erinnere mich. Sie setzte dazu an, konnte es aber nicht mehr ausführen.«

»Es gab nichts auszuführen«, erklärte Gabriel. »Die letzte Prüfung war die Frage, wie Sie auf die Offenbarung von Atlantis reagieren würden, dort unten – und heute hier. Und nun betrachten Sie sich selbst. Was empfinden Sie?«

Peter dachte nach.

»Trauer«, sagte er dann. »Trauer über den Verlust. Ehrfurcht vor der Größe dieser Geschichte und dieser Macht. Ärger und Angst vor der Dummheit der Menschen. Und zugleich Glück darüber, ein Teil davon gewesen zu sein.«

»Das ist sehr gut, ja!« Gabriel nickte lächelnd. »Und was, wenn Sie die Chance hätten, weiterhin ein Teil davon zu sein? Wie würden Sie sich fühlen, wenn ich Ihnen verriete, dass längst nicht alles verloren ist, dass Atlantis weiter besteht und dass ich mir nichts mehr wünschen würde als Sie an unserer Seite?«

»Das... das kann ich unmöglich annehmen!« Peter war beinahe entrüstet.

»Und weil Sie meinen, es nicht zu können, sind Sie es, den wir ausgewählt haben.« Gabriel legte eine Hand auf Peters Schulter. »Sie müssen sich nicht sofort entscheiden. Aber denken Sie darüber nach, mein Freund.«

Nun breitete sich ein Lächeln über Peters Gesicht aus.

Nichts war vorherbestimmt. Die Zukunft entfaltete sich neu mit jedem Schritt, und er war gespannt darauf, wohin ihn seine Schritte führen würden.

Epilog

In den Ruinen von Atlantis

González feuerte im selben Augenblick, als Stefanie die Lichtsäule berührte. Aber das Licht war dreihunderttausendmal schneller. Eine irisierende Sphäre aus Strahlen explodierte um Stefanie und Patrick. Die Kugeln des Kubaners berührten die Hülle und zerstieben daran zu kleinen Staubwolken.

»Was für eine Teufelei ist das schon wieder?!«, schrie González und schoss weiter wutentbrannt auf die beiden.

»Hören Sie auf, González«, rief Stefanie über das Knattern der Maschinenpistole hinweg. »Dieser Teil der Anlage ist nicht mehr sicher.«