»Das glaube ich nicht... Das kann unmöglich der Energiegewinnung dienen.«
»Nein. Es dient dem Leben. Ich erzählte doch, dass die Anlage ausgebaut wurde, als bereits klar war, dass die Reste von Atlantis im Meer versinken würden. Also wurde die Anlage nicht nur mit einer autarken Energieanlage und Rettungskapseln ausgerüstet. Die Flure und Korridore, die du bisher gesehen hast, waren zum Arbeiten.« Sie wies auf die Landschaft. »Das hier ist jedoch der viel größere Teil der Anlage, derjenige, der es ermöglicht, hier unten zu leben.«
»Hier zu leben?!«
»Ja. Solange man muss – oder möchte. Was du hier siehst, ist ebenfalls autark und wird automatisch gepflegt. Es gibt Licht in den richtigen Wellenlängen, Süßwasser, Pflanzen, Nahrung, Energie. Es gibt eine Krankenstation und Wohnhäuser. Und natürlich auch Rettungskapseln! Wir können jederzeit hier fort. Aber vielleicht interessiert es dich ja, dich eine Weile hier aufzuhalten? Dich zu erholen, dir alles anzusehen...?«
»Mich interessieren? Machst du Scherze? Das ist einfach unglaublich!«
»Ich könnte selbst eine Weile Pause gebrauchen«, gestand Stefanie. Dann lächelte sie ihn an, und in ihren Augen funkelte eine jugendliche Begeisterung. »Ich würde dir gerne alles zeigen. Und hier gibt es nicht nur Zugang zu allem Wissen, hier gibt es auch die Ruhe, die wir benötigen, damit ich dich langsam an alles heranführen kann.«
Patrick lächelte zurück. »Das klingt wunderbar. Das möchte ich sehr gerne. Und eines Tages, wenn wir genug davon haben, vielleicht statten wir dann unserem Professor einen Überraschungsbesuch ab.«
»Einverstanden!«
Patrick nahm Stefanies Hand, und augenblicklich fühlte er eine Wärme durch sich fließen. Nur, dass es dieses Mal anders war als bisher. Es hatte nichts mit Kommunikation mit ihr zu tun, es war kein Gefühl der staunenden Bewunderung, der Faszination ihrer Fremdartigkeit, es war viel schlichter und zugleich viel natürlicher. Er wusste, was es war, hatte es aber in dieser Innigkeit bisher noch nicht kennengelernt. Nun, nach allem, was er mit ihr erlebt hatte, an diesem unwahrscheinlichsten Ort, brach es hervor. Fast zitterte er, aber ihre Hand umfasste seine mit derselben Bestimmtheit.
»Als du ›langsam an alles heranführen‹ gesagt hast...«, begann er und biss sich augenblicklich auf die Unterlippe.
Sie sah ihn verschmitzt an. »Ja?«
»Meintest du da... na ja...« Er sah zur Decke empor, suchte nach einer Formulierung und kam sich selten unbedarft vor.
Dann spürte er, wie Stefanie sein Gesicht mit beiden Händen umfasste und zu ihr drehte.
»Du hattest doch gefragt, weswegen du hier bist, wenn doch eigentlich Peter der auserwählte Hüter sei.«
Es dämmerte ihm. Aber er mochte es nicht glauben. Er nickte nur stumm.
»Deswegen«, sagte Stefanie. Dann zog sie ihn an sich und küsste ihn.
Patrick schloss die Augen. Von allem Wissen der Welt war es dieses, auf das es am meisten ankam.
Nachwort des Autors
Ich bin am Ende einer Reise angekommen, die vor über zehn Jahren begonnen hat. Das Grundgerüst der Abenteuer von Peter und Patrick stand damals bereits fest. Ihre Spurensuche, die sie immer weiter in die Vergangenheit führen würde, bis hin zu einem Ursprung, der all jene Rätsel erklärt, auf die sie im Laufe der Jahre gestoßen sind. Immer beobachtet von den Hütern, die sie auf eine Probe stellen, um festzustellen, ob sie sich als würdige Helfer und Geheimnisträger erweisen würden.
Aber von einem Grundgerüst hin zu drei ganzen Romanen ist es ein langer Weg gewesen, und ich freue mich über die vielen Leser, die ihn mitgegangen sind.
Der erste Roman, der sich in erster Linie mit Mysterien des Mittelalters beschäftigte, spielte damit, möglichst viele der gängigen Theorien ins Spiel zu bringen, ein möglichst großes Durcheinander einzelner Themen zu erzeugen, aus denen allein sonst ganze Romane gemacht werden, um sie am Ende sämtlich für irrelevant und nichtig zu erklären.
Der zweite Roman gab sich dann deutlich gradliniger, einer Schnitzeljagd gleich. Aber auch hier gab es – natürlich – noch keine endgültige Lösung des großen Zusammenhangs. Mir war hier besonders daran gelegen, Patricks Weiterentwicklung zu zeigen, von einem Flegel und Draufgänger zu einem Menschen, der sich über größere Zusammenhänge Gedanken macht, den die mystische Atmosphäre der ägyptischen Kultur und die Gespräche mit Melissa zum Nachdenken anregen.
Und jetzt der dritte Teil. Noch gradliniger, moderner und am Ende die Lösung aller Rätsel.
Nun, da die Geschichte also vollständig ist und die Lösung vorliegt, lade ich gerne dazu ein – wenn nicht bereits geschehen – noch einmal alle drei Teile der Reihe nach zu lesen. Wer aufmerksam ist, wird bemerken, dass alle Hinweise, die auf die Lösung hindeuten, bereits im ersten Teil vorhanden sind. Ich habe mich wirklich lange zusammenreißen müssen, um nicht zu schnell damit herauszuplatzen.
Wie in den letzten Büchern auch habe ich Realität und Fiktion gemischt, möchte diese Verstrickung aber nicht vollkommen undurchsichtig lassen.
Den lateinischen Friedhof »Terra Santa« in Bab Sharq in Alexandria, gibt es tatsächlich, und Theorien zufolge entspricht dieser Ort in etwa dem Zentrum des antiken Alexandria. Hier könnte sich das Grab Alexanders des Großen befunden haben. Bis heute ist es allerdings noch nicht gefunden worden. Dass sich dort Reste der Bibliothek von Alexandria verbergen, habe ich frei erfunden. Der Bestand dieser berühmtesten Bibliothek der Antike ist in den Jahrhunderten mehrfach in Teilen zerstört und wieder aufgebaut worden. Dass sich darunter auch Schriften von Platon befunden haben, ist sehr wahrscheinlich.
Was Peter über Platon und dessen Bericht über Atlantis erklärt, sowohl im Museum als auch später auf dem Schiff, ist so weit korrekt. Atlantis ist einer der größten Mythen der westlichen Welt und in den letzten zweitausend Jahren vermutlich von weitaus mehr Schriftstellern als Historikern verarbeitet worden.
Ab hier wird der Roman technischer.
Die Woods Hole Oceanographic Institution gibt es wirklich. Ihrem Flaggschiff, der »R/V Atlantis« (sie heißt tatsächlich so!), habe ich das Schiff »Argo 2K« nachempfunden. Die Forschungsroboter und U-Boote wie »Jason«, »Sentry« und »Alvin« gibt es ebenfalls, und sie werden heute von Bord der »Atlantis« aus eingesetzt. Das neuere Modell, »Alvin II«, das ich im Roman verwendet habe, entspricht den technischen Spezifikationen des bisher namenlosen Nachfolgers von Alvin, der zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Manuskripts allerdings noch nicht vom Stapel gelassen wurde.
Mein größter Dank geht an Dudley Foster, Alvin Program Manager im Ruhestand, der seit 1972 bei WHOI gearbeitet hat und unter anderem Pilot von über 500 Alvin-Tauchgängen gewesen ist. Ohne seine umfassenden Informationen über die technische Ausrüstung des Schiffes und des U-Bootes und über die Planung und Abläufe der Forschungsreisen und Tauchgänge wäre dieser Roman nicht möglich gewesen.
Eine wichtige Rolle spielt das AUTEC-Recherche-Zentrum der US Navy auf Andros Island. Auch dies gibt es wirklich. Von hier aus werden unter anderem in dem sehr tiefen Graben östlich der Insel, der »Tongue of the Ocean«, Tests vorgenommen, und auch die Versuche mit dem LFAS, dem in der Kritik stehenden Niederfrequenz-Aktivsonar, werden von hier aus koordiniert.
An dieser Stelle muss ich mich ganz besonders bedanken bei David Sanders, dem verantwortlichen Offizier für Öffentlichkeitsarbeit des Naval Undersea Warfare Center in Newport. Er hat mich mit detaillierten Informationen über die Ausrüstung, Belegschaft und Kommandostrukturen von AUTEC gefüttert und mich unter anderem an die Küstenwache weitergeleitet.