Andreas Wilhelm
Projekt: Babylon
Roman
blanvalet
Buch
Blitz, Donner und sintflutartige Regenfälle über den Bergen des französischen Languedoc reißen einen Schäfer aus dem Schlaf. Er rettet sich in eine Höhle, doch schon wenig später stürzt er schreiend ins Freie – und ist seitdem geistig umnachtet. Sofort wird die Region um die Felshöhle weitläufig abgeriegelt und von bewaffneten Sicherheitskräften strengstens bewacht. Doch, was hat es mit dieser mysteriösen Stätte auf sich, in der sämtliche Wände mit rätselhaften Botschaften aus allen erdenklichen Kulturen der Welt beschriftet sind? Und woher kommt das eigenartige blaue Leuchten in ihrem Inneren?
Unter strengster Geheimhaltung werden ein englischer Historiker und ein französischer Ingenieur von der UN beauftragt, die rätselhafte Felshöhle zu untersuchen. Für die Entschlüsselung der Texte wird den beiden Forschern die junge deutsche Sprachwissenschaftlerin Stefanie Krüger zur Seite gestellt. Während die drei noch fieberhaft die Höhle erforschen, heften sich schon okkulte Sekten und mysteriöse Geheimbünde an ihre Fersen. Und je näher das Team der Lösung kommt, umso tiefer gerät es selbst in tödliche Gefahr...
Autor
Andreas Wilhelm, geboren 1971, wuchs in Südafrika, der Schweiz, Nigeria und Portugal auf. Er arbeitet im Bereich Neue Medien, beschäftigt sich aber schon seit seiner Kindheit intensiv mit den Mysterien vergangener Zeiten und den Geheimnissen fremder Kulturen. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Hamburg und schreibt bereits am dritten Band der spannenden Abenteuer um das ungleiche Forscherduo Nevreux und Lavell.
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Verlagsgruppe Random House
1. Auflage
Taschenbuchausgabe Dezember 2007 bei Blanvalet,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe
Random House GmbH, München.
Copyright © der Originalausgabe 2006 by LIMES Verlag,
einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: HildenDesign, München,
nach einem Entwurf vom Design Team München
Umschlagmotiv: Design Team München + Corbis
LW • Herstellung: Heidrun Nawrot
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
Scan, OCR und digitale Nachbearbeitung: Cats&Paws Productions
ISBN 3-442-36832-4
www.blanvalet.de
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Für Martina, meine Königin
Derjenige ist wahnsinnig, der ein Geheimnis in jedweder anderen Art niederschreibt als in einer, die es vor den Gewöhnlichen verbirgt und selbst den Gelehrten und ernsthaften Studenten nur mit Mühe sinnhaftig werden lässt.
Epistel über die Nichtigkeit der Magie,
Roger Bacon (ca. 1214-1294)
Kapitel 1
10. April, gebirgige Weide im südfranzösischen Languedoc
Der Schäfer erwachte plötzlich mit Herzrasen. Etwas hatte ihn aus dem Schlaf gerissen wie ein Paukenschlag, vielleicht ein Geräusch, vielleicht auch eine Vorahnung oder etwas, was er geträumt hatte.
Er richtete sich auf und blickte sich nervös um. Seine Tiere grasten in kleinen Gruppen um ihn herum und unter den Bäumen und Sträuchern. Kaum einer aus dem Dorf kam jemals so weit herauf, aber Jacques scherte sich nicht um das Gerede der anderen. Er wusste, wo es noch saftige, friedliche Flecken für die Schafe gab, und diese dankten es ihm. Aber sie waren unruhiger als sonst. Sein Blick wanderte zum Himmel, und da sah er es. Wie eine dunkle Wand schoben sich mächtige Regenwolken aus dem Osten über den Berg. Ungewöhnlich schnell. Deswegen war er aufgewacht. Ein herannahendes Gewitter spürte er ebenso wie seine Herde.
Er stand auf, schulterte seine Ledertasche und begann, die Tiere zusammenzutreiben. Der Nachteil dieses hoch gelegenen Plätzchens war, dass man sich auf das Wetter verlassen musste, denn die nächste Hütte mit notdürftigem Pferch lag einige Kilometer weiter unten im Schutz des Waldes.
Der Schäfer sah verärgert zum Himmel empor, als schon die ersten Regentropfen fielen, obwohl die Wolkenfront noch nicht da war. Dies würde kein bloßer Schauer sondern ein Sturm werden.
10. April, Palais de Molière nahe Paris
Nur wenige Gäste sahen nach draußen, als auf der Rasenfläche vor dem Palais ein Hubschrauber landete. Zwei Sicherheitsleute standen an der Freitreppe vor dem Eingang und beobachteten die Landung. Einer der beiden erhielt Instruktionen über seinen Kopfhörer, bestätigte diese durch ein verstecktes Mikrofon und machte dann eine Geste nach hinten. Auf dieses Zeichen hin kamen zwei Bedienstete aus der Villa und liefen mit gebückter Haltung auf den Hubschrauber zu, dessen Rotorblätter gerade zum Stillstand kamen. Die Männer öffneten die Seitentür, und aus dem Inneren stiegen eine Frau und ein Mann, beide etwa Mitte dreißig, elegant aber zurückhaltend gekleidet, und bedeuteten den Bediensteten, beiseite zu treten. Hinter ihnen trat eine imposante Erscheinung ins Freie. In einen dunkelgrauen Dreiteiler gekleidet, mit weißem Halstuch, weißen Gamaschen und einem schwarzen Mantel mit Überwurf machte der hoch gewachsene Mann einen fast antiquierten Eindruck. Seine Kleidung war von höchster Qualität und der Ausdruck auf dem mit einem weißen Vollbart umrahmten Gesicht von einer überlegenen Seriosität. Seine jüngeren Begleiter folgten ihm, als er gemessenen Schrittes auf das herrschaftliche Gebäude zuging.
Der Präsident gab wie jedes Jahr im Palais de Molière seinen Frühjahrsempfang. Als Mann des Volkes wollte er nicht aus einem Elfenbeinturm der Politik regieren, sondern stets im direkten Kontakt mit den Machern seines Landes, den Größen aus Wirtschaft, Medien und Kultur bleiben. Die meisten Gäste kannten einander nicht persönlich, sondern überwiegend nur aus der Presse. So war es für die Geladenen ein aufregendes Sehen und Gesehenwerden, und nur wenige hatten ein zweites Mal die Ehre.
Als der weißbärtige Herr und seine Begleitung durch das Foyer schritten, machte ihnen die Gesellschaft unwillkürlich Platz, einige Gespräche verstummten, ein paar Gäste nickten den Neuankömmlingen grüßend zu. Die drei begaben sich in eine ruhige Ecke, wo man durch eine mannshohe Scheibenfront in die Gärten des Palais sehen konnte, während ein Kellner ihnen Getränke auf einem Tablett anbot.
Draußen dämmerte es bereits, obwohl es noch nicht spät war. Aber der Himmel war wolkenverhangen. Es würde bald regnen.
»Was für ein Zeitpunkt«, sagte der jüngere Mann. »Aber sicher ist es nicht.«
»Nichts ist jemals sicher«, antwortete der ältere, »aber nie sahen wir mehr Zeichen.«
»Steffen, man verlangt nach Euch.« Die Frau trat einen Schritt zur Seite. »Wir ziehen uns inzwischen zurück.«
Präsident Michaut hatte sich freundlich aus dem Gespräch mit zwei Wirtschaftsberatern befreien können, als er den Grafen und seine beiden Begleiter eintreten sah. Ohne den Eindruck von allzu großer Hast erwecken zu wollen, griff er sich noch ein Glas Port, bevor er zu seinem Gast hinüberging.
»Monsieur le Comte, es freut mich außerordentlich, dass Sie es so schnell noch möglich machen konnten!«
»Die Freude ist ganz meinerseits, Monsieur le Président! Doch was für einen Moment in der Zeit haben Sie gewählt...«
»In der Tat, eine bunte Gesellschaft wie diese heute ist vielleicht nicht der beste Rahmen für unsere Gespräche, doch handelt es sich um Dinge von besonderer Dringlichkeit. Oder meinten Sie das Wetter?«
»Beides – und nichts davon.« Der Mann, den der Präsident als Graf bezeichnete, betrachtete seinen Gesprächspartner mit einem feinsinnigen Lächeln. Einem Außenstehenden musste es vorkommen, als stünde der Präsident einem weisen Riesen gegenüber, dem er wie einem überragenden Mentor Respekt zollte. Vielleicht war es so, doch niemand außer ihm kannte den Grafen oder die Art ihrer Verbindung.